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Allgemein

Sonnenbrand im Winter

Nichts ist schöner als eine Gefahr, die weit, weit weg ist. So konnten sich Europäer, Nordamerikaner und Japaner in den achtziger Jahren noch angenehm gruseln, wenn Ende Oktober wieder mal das Ozonloch kam – da unten im Süden. Alle Jahre wieder setzt in der Stratosphäre über der Antarktis, in 12 bis 25 Kilometer Höhe, ein rapider Ozonabbau ein. Während ein stabiler Kaltluftwirbel die Luftglocke über der Südpolarregion Karussell fahren läßt, zerlegen dort die ersten Sonnenstrahlen einige Wochen lang die schützende Ozonschicht zu mehr als drei Vierteln in simplen Luftsauerstoff. Als Katalysator in diesem komplexen luftchemischen Prozeß fungiert Chlor, das größtenteils aus menschengemachten Treibgasen (Fluorchlorkohlenwasserstoffen, FCKW) stammt. 1992 blieben den Bewohnern der Nordhalbkugel erstmals die Witze über Pinguine mit Sonnenbrand im Halse stecken. Das scheinbar so ferne Problem pochte an die eigene Haustür. Prof. Reinhard Zellner von der Universität Essen, Koordinator des deutschen Beitrags zur Europäischen Ozonforschungskampagne, stellte 1992 fest: „Statt eines Verlusts von 0,8 Prozent Ozon pro Jahr“ – dieser schleichende Schwund ist weltweit leidige Normalität -, „hatten wir plötzlich in einem einzigen Winter 10 bis 20 Prozent.“ Nicht etwa über der fernen Antarktis, sondern über Kanada, dem Nordatlantik, Skandinavien und Sibirien.

Ende November 1992 trat schließlich Dr. John Austin vom Londoner Meteorological Office an die Öffentlichkeit. Er stellte Meßdaten vor, die einen massiven Ozonabbau auch über der Nordhalbkugel der Erde befürchten ließen – einschließlich der Aussicht, eine Art Ozonloch könne sich in den kommenden Jahren auch über Europa bilden. Mit einem Schlag mußten sich die Europäer mit dem Gedanken befassen, welche Konsequenzen ein löchriger Ozonschild – und die mögliche Zunahme der UV-B-Strahlung – künftig für sie haben könnte. Oder bestand Hoffnung, daß der Winter 1992 nur ein einmaliger Ausrutscher war? Schließlich halten die Atmosphärenforscher zweierlei für erforderlich, um den lawinenhaften Ozonabbau anzustoßen – und beides gab es bislang über unseren Breiten nicht: Polare stratosphärische Wolken, in denen an kondensierten Salpetersäure-Tröpfchen der luftchemische Prozeß in Gang kommt. Diese Wolken entstehen erst unter minus 77 Grad Celsius. Ein wochenlang stabiler Kaltluftwirbel („polarer Vortex“).

Die arktische Stratosphäre war noch in den siebziger Jahren um etwa acht Grad wärmer als ihr antarktisches Gegenstück. Doch wer sich auf der Nordhalbkugel in Sicherheit wiegte, hatte die Rechnung ohne den Treibhauseffekt gemacht. Derselbe menschengemachte Ausstoß von Kohlendioxid und Methan, der uns in unserem eigenen Atmosphärenstockwerk – der Troposphäre – globale Erwärmung beschert, kühlt paradoxerweise die arktische Stratosphäre ab. Was das bedeutet, zeigte erstmals der Winter 1995/1996. Wochenlang drehte sich über der Arktis ein klassischer Kaltluftwirbel, wie er bislang nur über der Antarktis zu beobachten war – mit polaren stratosphärischen Wolken und bis zu 48 Prozent Ozonabbau gegenüber dem langjährigen Mittel. Ein Jahr darauf dasselbe Bild. Und diesmal erwies sich der polare arktische Wirbel sogar als stabil genug, um bis Anfang Mai 1997 zu rotieren. Seine Ausläufer reichten bis Mitteleuropa. Die arktischen Winter 1997/1998 und 1998/1999 waren etwas milder. Ein regelmäßig wiederkehrendes Ozonloch über der Nordhalbkugel hat sich noch nicht eingestellt. Doch Treibhauseffekt plus Chloreintrag in die Stratosphäre werden in den kommenden Wintern dafür sorgen, daß das Thema Ozonloch den Europäern weiter auf der Haut brennt.

Thorwald Ewe

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