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Stiftung Waffentest

In Ulm wird scharf geschossen: Das größte deutsche Beschußamt testet Waffen und Panzerungen mit High-Tech-Methoden.

„Drei, zwei, eins“ – WHAMM! Ein dumpfer Schlag, Glassplitter fliegen durch die Gegend, eine weiße Staubwolke verpufft. Die armdicke Scheibe aus etlichen Lagen Panzerglas und Plastikfolie sieht aus wie ein zugefrorener See, auf dem jemand mit dem Eispickel gewütet hat. Auf der Vorderseite ist das in Ordnung, aber hinten zeigt sich, daß das Projektil die Scheibe durchschlagen hat und erst in den stählernen Kugelfängern an der Wand gestoppt wurde. „Nicht bestanden“, murrt Rudolf Frieß, ohne die gesplitterte Glasscheibe eines längeren Blickes zu würdigen.

Frieß ist Leiter des Beschußamts Ulm. Nur Waffen, die das Prüfsiegel der Ulmer Behörde oder eines der sechs anderen deutschen Beschußämter tragen, dürfen hierzulande verkauft werden. 250000 – gut 70 Prozent aller in Deutschland getesteten zivilen Waffen – werden von den 21 Mitarbeitern geprüft. Damit spielen die Fachleute aus der Münsterstadt auch international in der ersten Liga. Ein Gang durch die Werkstätten macht klar, warum das unscheinbare Gebäude nahe der Autobahn gesichert ist wie Fort Knox: Tausende Waffen lagern hier, die – in falschen Händen – jede Menge Unheil anrichten könnten. Ein Büchsenmacher, der sein Meisterwerk testen lassen will, kommt deshalb gar nicht erst ins Gebäude. Am Eingang beim Pförtner gibt es eine Schublade von der Größe eines Sargs, in die der Hersteller seine Waffe legt – wie bei manchen Geldschaltern auf der Bank. Einfache Jagdwaffen, die hier unter der Theke durchgereicht werden, kosten um die 10000 Mark, exklusive Modelle bis zu 80000 Mark. Da fallen die 20 bis 100 Mark für die Prüfung kaum ins Gewicht. Größere Stückzahlen erledigen die Männer vom Waffen-TÜV bei den Herstellern vor Ort: In Baden-Württemberg sitzen so renommierte Firmen wie Walther oder Anschütz. Manchmal werden die Waffen aber auch palettenweise angeliefert, wie die Kisten voller Flinten aus der Türkei, die sich im Lager stapeln und nur ein paar hundert Mark kosten.

Der Warentest für Waffen ist hart. Was durchfällt erhält nicht das vom Gesetzgeber verlangte Zertifikat und muß nachgebessert werden oder landet gleich auf dem Schrott. Vier Fragen gehen die Prüfer nach: Ist die Kennzeichnung der Waffe korrekt? Stimmt die Maßhaltigkeit? Dazu wird der Lauf mit Lehren vermessen: Wackelt der Metallstift, ist der Lauf zu weit, klemmt die Lehre, ist der Lauf zu eng. Funktioniert die Waffe reibungslos beim Nachladen oder Sichern? Bei dieser Prüfung ist die Polizei besonders pingelig und verlangt über die gesetzlichen Richtlinien hinaus weitere Tests: So müssen Polizeipistolen vorher durch ein Becken mit staubigem Sand gezogen werden. Außerdem macht der Ulmer Waffen-TÜV einen Falltest, bei dem sich kein Schuß lösen darf. Widersteht die Waffe hohen Drücken? Bei der „Gewaltprobe“ wird die Waffe mit selbst hergestellter Munition geladen, die verglichen mit der zugelassenen Munition einen 30prozentigen Überdruck erzeugt. Geschossen wird per Kabelfernauslöser in einer geschlossenen Box, die Kugel landet in einem Wasserbecken. Bestehen Zweifel an der Unversehrtheit der Waffe, wird ihr Inneres mit einer winzigen Endoskopkamera auf Beschädigungen untersucht. Außerdem wird der Lauf zwischen zwei kräftige Magnetspulen gespannt und mit einer eisenhaltigen Emulsion übergossen. Feine Risse im Metall unterbrechen die Magnetfeldlinien – unter ultraviolettem Licht blitzt es an dieser Stelle auf, als hätte man mit dem Messer ins Metall geritzt.

Was passieren kann, wenn eine Waffe die Gewaltprobe nicht besteht, ist im sogenannten Gruselkabinett zu besichtigen: Gewehrläufe, die wie ein Bündel verbogene Spaghetti aussehen, zerborstene Salutkanonen, deren kiloschwere Trümmer 80 Meter weit durch die Luft gerast sind. Im Beschußamt enden solche Versager harmlos, doch einige der Exponate haben Menschenleben gekostet. Immerhin: 99 Prozent aller Tests gehen gut aus und werden mit dem Hirschgeweih, dem Wappen des Beschußamts, besiegelt. Ob eine Waffe treffsicher ist, interessiert hier übrigens niemanden, „ nicht einmal, wenn sie um die Ecke schießt“, schmunzelt Gordon Sommerfeld, stellvertretender Leiter des Amtes.

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Ein Stock tiefer ist die Waffenkammer, die nach einer Art Arche-Noah-Prinzip bestückt ist: Ein Exemplar von jeder Waffe. Auch seltene Schießeisen werden hier aufbewahrt – darunter viele illegale Exemplare, die die Polizei beschlagnahmt hat. Die legendäre russische Kalaschnikow ist dabei oder James Bonds Dienstwaffen, die alte Walther PPK oder die neue P99. „Das wollen unsere Kunden so“, sagt Frieß.

Kunden, das sind unter anderem die Hersteller von gepanzerten Limousinen, beziehungsweise deren Kunden – Ölscheichs oder Politiker. Die verlangen, daß die Schußfestigkeit der Panzerung mit einer ganz bestimmten Waffe getestet wird, die in dem jeweiligen Land unter Terroristen verbreitet ist. Im Zweifelsfall wird dem Schuß aus der Kalaschnikow mehr getraut als dem detailliertesten Prüfbericht.

Vor allem Araber gelten als mißtrauisch. Dabei attackieren die Experten Panzerungen mit Apparaturen, die jedes Gewehr zum Spielzeug degradieren. In einem 100 Meter langen Tunnel steht eine Kanone mit einem zwei Meter langen Lauf, ferngesteuert von einer fahrbaren Schutzkabine dahinter. Die Projektile, die hier abgefeuert werden, sind daumendick und vorne stumpf. Zwei Lichtschranken messen die Geschwindigkeit der Geschosse. Heute sind es nur 560 Meter pro Sekunde, bis zu 1200 Meter pro Sekunde – die dreieinhalbfache Schallgeschwindigkeit – wären möglich. Eine gepanzerte Autotür, die im Treppenhaus zur Schau gestellt wird, wäre gegen diese Wucht machtlos. Aber in manchen sicherheitssensiblen Bereichen müssen Glasscheiben solchen Geschossen standhalten, zum Beispiel in Polizeiwachen, Gefängnissen oder Botschaften. Die Scheiben im Reichstag, die den Plenarsaal von der öffentlich zugänglichen Kuppel darüber trennen, wurden in Ulm getestet. Einige Exemplare der zentnerschweren Klötze liegen noch auf dem Flur hinter dem Beschußtunnel, daneben Mauerteile, wie sie im Bundespräsidialamt in Berlin verbaut werden sollten. An den Bröseln auf der Innenseite des Mauerwerks erkennt selbst der Laie: durchgefallen.

Statt darauf zu schießen, kann man eine Scheibe auch mit mehreren gezielten Axthieben durchbrechen. Solche Attacken werden in einer trickreichen Apparatur simuliert. Eine schwere Axt wird mit einem definierten Gewicht vorgespannt und knallt dann mit 12,5 Meter pro Sekunde auf die Scheibe. Nach einem vorgegebenen Programm fährt der Rahmen der Scheibe auf und ab oder dreht sich. Je mehr Schläge die Scheibe aushält, um so höher ist die Widerstandsklasse, mit der sich der Hersteller schmücken darf. Davon hängt der Markterfolg ab: Versicherungen machen Juwelieren genaue Vorgaben für die Widerstandsklasse, die eine Scheibe im Schaufenster erfüllen muß.

Auch der Test mit der Axt geht heute gründlich daneben. Statt der erhofften 70 Schläge, hält das Glas nur 63 Schlägen stand. Die Erfahrung sagt den Testern häufig schon vorher, ob ein Prüfling durchhalten wird. Doch Schadenfreude über gescheiterte Kandidaten gibt es nicht. „Wir geben den Herstellern Tips, wie sie ihre Produkte verbessern können“, sagt Gordon Sommerfeld.

Das Geschäft mit der Sicherheit boomt. Immer mehr Menschen legen Wert auf Schutz in den eigenen vier Wänden oder im Auto – vor allem im Ausland. Die gepanzerten Limousinen der drei deutschen Hersteller Audi, BMW und Mercedes sind Exportschlager, und folglich werden die Luxuskarossen, deren Existenz früher geleugnet wurde, heute in Hochglanzprospekten angepriesen.

Für 115000 Mark gibt es bei Mercedes die Panzerung für die E-Klasse – als Aufpreis versteht sich. Von dem Boom profitiert auch das Beschußamt – und wird gleichzeitig davon überrollt. Die E- und S-Klasse-Modelle von Mercedes lassen sich auch mit größter Rangierkunst nicht mehr vor das Visier der Kanone im Tunnel bugsieren. Eine neue Prüfhalle neben dem Hauptgebäude ist deshalb beschlossene Sache. Den Steuerzahler kostet das nichts. Zwei Millionen Mark Ausgaben stehen ebenso viele Einnahmen gegenüber. „ Wir arbeiten kostendeckend“, beteuert Amtsleiter Frieß. Mittlerweile ist im Beschußkanal im Keller eine neue Scheibe montiert worden, diesmal mit einem asymmetrischen Sandwichaufbau: vorne stehen dickere Scheiben mit höherer Widerstandsklasse. „ Drei, zwei, eins“, kommt wieder die Warnung aus der Sprechanlage. WHAMM! Splitter, Staub – und Kopfschütteln bei Rudolf Frieß: „ Wieder nicht bestanden.“

Volker Steger / Bernd Müller

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Schup|pen|flos|ser  〈m. 3; Zool.〉 bunter Fisch, dessen Schuppen auf die Flossen übergreifen

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