Stottern: Der Computer löst die Sprechbremse - wissenschaft.de
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Stottern: Der Computer löst die Sprechbremse

Wie mit einem Gummiband gedehnt klingen die Worte am anderen Ende der Telefonleitung, der Sprechfluß reißt aber nicht ab. Die Unterhaltung mit dem Mann, der nach eigenen Worten stark gestottert hat, verläuft ohne die bange Sorge, dem Gesprächspartner könnte die nächste Silbe nicht über die Lippen gehen.

Die Fähigkeit, stolperarm zu reden, ist das Ergebnis einer neuen mehrwöchigen Stottertherapie, sagt Dr. Alexander Wolff von Gudenberg, Arzt und Betroffener aus Calden bei Kassel. Zuvor hatte er 20 Jahre mit unwirksamen Methoden gegen seine Behinderung angekämpft.

Die meisten Betroffenen stottern seit dem dritten, vierten Lebensjahr. Beobachten Eltern, daß ihr Kind länger als sechs Monate lang Buchstaben oder Silben oft wiederholt, lange Pausen zwischen den Wörtern macht oder sie angestrengt herauspreßt, sollten sie fachlichen Rat einholen.

Zwei Grundrichtungen gibt es derzeit bei der Behandlung. Der erste Therapieweg soll dem Patienten helfen, flüssig zu reden. Dazu wird er zunächst angehalten, sein Sprechtempo zu verlangsamen, die Vokale zu dehnen, bewußt mit dem Zwerchfell zu atmen, um sich den Sprechrhythmus vorzugeben, weich zu sprechen. Im zweiten Schritt steigert er das Tempo des Redens auf ein annähernd normales Maß. Die Behandlung ist aufwendig und in den ersten Wochen täglich mit vielen Übungsstunden verbunden.

Für den Einstieg und das Heimtraining hat Alexander Wolff von Gudenberg (Adresse siehe medinfo Kontakt) ein Computerprogramm entwickelt. Der Übende spricht in ein Mikrofon, das an einen PC angeschlossen ist, und erhält auf dem Bildschirm eine grafische Rückmeldung über sein Sprechmuster (Biofeedback). Das Programm schlägt dann vor, was zu üben ist. Bei zwei Dritteln der Personen, die diese Methode länger als ein Jahr anwenden, hat sich die Sprechflüssigkeit stark gebessert, ihre Angst vor Unterhaltungen ist kleiner geworden.

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Ein einwöchiges Intensivtrainingsprogramm mit dem Therapeuten hat Prof. Horst Kern von der Universität Oldenburg entwickelt. Er nimmt die Patienten mit einer Video-Kamera auf, während sie sprechen, und analysiert gemeinsam mit ihnen, wie sie stottern, wo sie sich verkrampfen oder wann sie den Atem anhalten. Unter Sichtkontrolle auf dem Bildschirm üben die Patienten dann, ihr Verhalten zu verändern. 60 Prozent der Erwachsenen werden so stotterfrei und trauen sich wieder, auch mit Unbekannten zu reden, 80 Prozent sind es bei den Kindern, berichtet Kern. Sie sollten für die Therapie aber mindestens acht Jahre alt sein.

Die zweite Grundrichtung der Therapie versucht, dem Stotterer die Sprechangst zu nehmen. Der Patient soll lernen, seine Sprachstörung zu akzeptieren und Gespräche nicht zu meiden. Grundgedanke dieser Art der Verhaltenstherapie ist das „Selbstmanagement“. Für den Fall, daß der Betroffene ins Stocken gerät, übt er einige Tricks, die ihm helfen, über die Klippe hinwegzukommen, zum Beispiel Silben zu dehnen. Das Stottern bleibt, stört aber nicht mehr das Gespräch.

medinfo Kontakt

BV Stotterer-Selbsthilfe Gereonswall 112 50670 Köln Tel: 0221 – 1391107

Prof. Karl-Theodor Kalveram Universität Düsseldorf Institut für Psychologie Universitätsstraße 1 40225 Düsseldorf Tel: 0211 – 8112271

Dr. Alexander Wolff von Gudenberg Schäferbreite 9 34379 Calden Tel: 05677 – 925107

Prof. Horst Kern Hausmannweg 24 26160 Zwischenahn Tel: 04403 – 5777

medinfo Medien

Buch

Wolfgang Wendlandt Sprachstörungen im Kindesalter Thieme, Stuttgart 1998 DM 48,-

Ann Irwin Unser Kind fängt an zu stottern Trias, Stuttgart 1998 DM 29,80

medinfo Grafik

Nicola Siegmund-Schultze

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