Streit um das Lapedo-Kind - wissenschaft.de
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Streit um das Lapedo-Kind

Ist der Neandertaler gar nicht spurlos ausgestorben – lebt er in uns Europäern fort? Ein merkwürdiger steinzeitlicher Skelettfund aus Portugal schien diese These zu untermauern. Doch jetzt muss das Modell friedlicher Vermischung gründlich Federn lassen.

„Keinesfalls!“ Christoph Zollikofer, Züricher Spezialist für virtuelle Schädelrekonstruktion, ist unmissverständlich. Nein: Das Kind, das vor 24500 Jahren im portugiesischen Lapedo-Tal bestattet wurde, sei entgegen anders lautender Behauptungen kein Mischling aus Neandertaler und anatomisch modernem Menschen gewesen – sondern eindeutig modern.

Das ist ein harter Schlag für eine Gruppe von Forschern, die der These anhängen, die europäischen Neandertaler seien nicht spurlos ausgestorben: Vielmehr hätten sie sich vor 40000 bis 30000 Jahren mit den anatomisch modernen Zuwanderern aus Afrika vermischt. Und das „Lapedo-Kind“ galt als optimaler Kronzeuge für das Mischlings-Szenario.

Ende 1998 hatte der Fund dicke Schlagzeilen gemacht. Nahe Leiria in Zentralportugal entdeckten Archäologen damals in einer überhängenden Kalksteinwand, dem „Abrigo do Lagar Velho“, eine steinzeitliche Grabstätte. Überstäubt mit rotem Ockermineral, zu jener Zeit ein häufiges Accessoire von Bestattungen, ruhte in einer Felsspalte ein Kinderskelett. Vom Schädel waren eine Schläfenregion, eine Vielzahl winziger Fragmente sowie der Unterkiefer erhalten – und das Kinn sah nach einem anatomisch modernen Menschen aus. Die Beinknochen indes waren extrem kurz und stämmig – typisch für Neandertaler.

Ein Mischling! Dies folgerten sofort João Zilhão und Erik Trinkaus. Zilhão ist Professor für Archäologie in Lissabon, Trinkaus Anthropologie-Professor an der Washington University in St. Louis und einer der bekanntesten Neandertaler-Experten der Welt. Und beide hängen seit jeher der These an, die Neandertaler seien in der europäischen Urbevölkerung aufgegangen. Da passte das Kind perfekt ins Konzept. Überzeugt von ihrer Annahme, luden sie zwei Spezialisten aus der Schweiz ein, den nur in zwei Bruchstücken erhaltenen Schädel des Kindes zu rekonstruieren: Dr. Christoph Zollikofer und seine Kollegin Dr. Marcia Ponce de León. Beide Forscher arbeiten am Anthropologischen Institut und am MultiMedia Laboratorium der Universität Zürich. „ Computer-Assisted Paleoanthropology“ nennen sie ihre Arbeitsmethode, in der sie weltweit führend sind.

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Aus den Bruchstücken fossiler Schädel erstellen sie im Computertomographen zunächst Datenmodelle, die sie mit Grafikprogrammen im Rechner zu dreidimensionalen Rekonstruktionen zusammenfügen. Fehlende Partien ergänzt der Computer nach anatomischen Regeln zum kompletten „virtuellen Fossil“, mit dem hernach wissenschaftlich gearbeitet werden kann.

Spätestens seit August 2001 sind Ponce de León und Zollikofer eine feste Größe in der Paläoanthropologie: Da prangten ihre Rekonstruktionen auf der Titelseite des renommierten Fachblatts „ Nature“. Durch Vermessen und Vergleichen der Oberflächen von 16 Neandertaler- und 25 modernen Menschenschädeln unterschiedlichsten Alters hatten sie die Schädelentwicklung beim modernen Menschen und seinem untersetzten Vetter Neandertaler Schritt für Schritt nachvollzogen – vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenstadium. Das auffälligste Resultat: Schon am Schädel eines Kleinkindes ist anhand drastischer Unterschiede im Knochenbau klar zu klassifizieren, ob dies ein Neandertaler oder ein moderner Mensch ist.

Mit dieser Expertise ausgestattet, waren Ponce de León und Zollikofer für João Zilhão und Erik Trinkaus die Idealbesetzung, den Schädel des Lapedo-Kindes zu beurteilen. Um so enttäuschter war das Professoren-Duo über das Ergebnis der Züricher Rekonstruktion. Christoph Zollikofer präzisiert: „Wir haben den Schädel in unsere Analyse von 2001 eingeschlossen und dabei zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Erstens konnten wir das Alter zum Todeszeitpunkt exakt bestimmen: vier Jahre. Zweitens haben wir die Schädelmaße verglichen.“ Die Messdaten für Neandertaler liegen genau wie die des anatomisch modernen Menschen jeweils auf einer Geraden – ein Mischlingsschädel hätte irgendwo zwischen beiden Geraden liegen müssen. Tat er aber nicht: „Der Lapedo-Schädel passt genau in die Homo-sapiens-Linie.“ Dass sich die Zuwanderer aus Afrika mit der alteingesessenen Neandertaler-Bevölkerung gepaart haben, hält der Schweizer für selbstverständlich. „Aber“, mahnt Zollikofer, „zum einen muss man fragen, ob diese Mischlinge fruchtbar waren. Und zum zweiten, ob der Zeithorizont stimmt.“

Punkt eins – als gelernter Zoologe weiß der Züricher: Angehörige zweier nah verwandter Arten beziehungsweise Unterarten zeugen gelegentlich Nachkommen, die sich nicht weiter fortpflanzen können. Das bekannteste Beispiel ist der Maulesel: Der männliche Spross von Pferd und Esel ist steril. So könnte es auch beim modernen Menschen und beim Neandertaler gewesen sein, lautet eine der Hypothesen über das Verschwinden der robusten Vettern von Homo sapiens.

Punkt zwei – der Zeithorizont: „Ich halte es sogar für wahrscheinlich, dass es Mischlinge gegeben hat“, sagt Zollikofer, „aber nicht mehr vor 24000 oder 25000 Jahren.“ Die letzten Spuren des Neandertalers auf der Iberischen Halbinsel sind 30000 Jahre alt. Zwischen dem letzten Neandertaler und dem Lapedo-Kind liegen also mindestens 200 Generationen – es ist überhaupt nicht zu erwarten, dass sich physiologische Merkmale der verschwundenen Menschenvettern über einen derartigen Zeitraum erhalten hätten. Haben die Züricher Forscher mit ihrem Urteil über den Lapedo-Schädel ihre Kollegen Zilhão und Trinkaus überzeugt? „Nein – die beiden bestehen natürlich auf ihrer Ansicht“, sagt Christoph Zollikofer. „Aber ich habe auch nichts anderes erwartet. Zilhão und Trinkaus stützen ihre Argumentation auf die kurzen, stämmigen Beine des Kindes.“ Die ließen sich nun mal, wenn man dies wolle, als „neandertaloid“ deuten – oder alternativ, was Zollikofer vorzieht, schlicht als ein Merkmal der damaligen Bevölkerung auf der Iberischen Halbinsel, das sich im Lauf der Jahrtausende verloren hat.

Klar ist unter dem Strich eines: Die Position derer, die ein Aufgehen des Neandertalers in den Genen der modernen Europäer befürworten, ist nach der Schädelanalyse des bisherigen Kronzeugen aus dem Lapedo-Tal geschwächt. Jetzt hat die Aussterbe-Fraktion hervorragende Karten. Erst recht, nachdem auch ein anderes Mischlings-Indiz in Europa nicht standgehalten hat: das Stirnbein von Hahnöfersand, nahe Hamburg. Dieser Fossilfund – in den achtziger Jahren auf 33000 bis 36000 Jahre datiert – schien Neandertaler-Merkmale mit moderner Anatomie zu vereinen. Doch neue Datierungen ergaben unlängst: Das Stirnbein von Hahnöfersand ist nur etwa 7500 Jahre alt. Somit ist es 25000 Jahre zu jung, um von einem hypothetischen Neandertaler-Mischling zu stammen.

Wenn neue Daten vorliegen, heißt es manchmal von alten Vorstellungen Abschied nehmen. Falls sich gar bewahrheiten sollte, was Prof. Nicholas Conard und sein Mitarbeiter Dr. Michael Bolus von der Universität Tübingen vermuten, würde dies für die Übergangsphase vom Neandertaler zum modernen Menschen weitaus mehr bedeuten als einen stillen Abschied: ein Erdbeben.

Die Tübinger Forscher vom Institut für Ur- und Frühgeschichte sind seit längerem einem Phänomen auf der Spur, das sie als „ Mittelpaläolithische Datierungs-Anomalie“ bezeichnen. Im Zentrum ihrer Betrachtung steht ein Standard-Verfahren der archäologischen Altersbestimmung, die Radiokarbon-Datierung. Bei dieser Datierung kohlenstoffhaltiger Fundobjekte wird das Verhältnis der Kohlenstoff-Isotope C-14 und C-12 in organischer Materie gemessen. Lebende Organismen nehmen das natürliche radioaktive Element C-14 (Halbwertszeit: 5730 Jahre) aus der Luft auf und bauen es in ihren Körper ein. Nach ihrem Tod kommt kein neuer Kohlenstoff-14 durch Atmung oder Nahrung hinzu, das C-14 zerfällt nach und nach. Da die Zerfallsrate bekannt ist, kann man aus

dem Verhältnis von C-14 zu C-12 auf den Todeszeitpunkt rückschließen. Soweit die Theorie. In der Praxis jedoch erlebten Conard und Bolus immer wieder das, was sie als Anomalie bezeichnen: Organische Funde aus tieferen – also logischerweise älteren – Sedimentschichten am Grund von Höhlen der Schwäbischen Alb ergeben häufig jüngere C-14-Datierungen als darüber liegende und somit faktisch jüngere Objekte. Das ist besonders bei Funden jenseits der 30000-Jahres-Grenze der Fall.

Manchmal wird eine Schichtenfolge im nachhinein gestört – beispielsweise durch Menschen oder Tiere, die im Boden graben. Doch gerade die von Conard und seinen Mitarbeitern untersuchten Höhlen der Schwäbischen Alb, zum Beispiel das „Geißenklösterle“ im Ach-Tal, weisen kaum gestörte Schichtfolgen auf. Erst in der Zusammenschau mit neuen Untersuchungen von Geologen und Klimatologen erkannten Conard und Bolus, was des Rätsels Lösung sein dürfte: Zwischen 30000 und 50000 Jahren vor heute variierte die atmosphärische Konzentration des Isotops Kohlenstoff-14 stark. Dementsprechend weisen die Fundstücke aus dieser Epoche mal widersinnig höhere, mal niedrigere Gehalte an Kohlenstoff-14 auf (siehe Kasten links).

Das ist doppelt schmerzlich – denn ausgerechnet aus diesem Zeitraum hätten die Forscher gerne verlässliche Daten. Da wanderten nämlich die anatomisch modernen Menschen nach Europa ein, und parallel vollzog sich das Verschwinden des Neandertalers. Die bisherige Lesart lautete: Zirka 40000 Jahre vor heute erschienen die ersten „Modernen“ in Zentraleuropa. Etwa 28000 bis 30000 Jahre alt sind die jüngsten bekannten Neandertaler-Funde aus dem kroatischen Vindija und dem spanischen Zafarraya. Mithin hätten beide Menschenformen rund 10000 Jahre koexistiert – vielleicht sogar friedlich?

Dieses zeitliche Schema könnte trügen, schreiben Conard und Bolus in einem Übersichtsartikel in der Märzausgabe 2003 der Fachzeitschrift „Journal of Human Evolution“: Es sehe vielmehr so aus, als könnten „die späten Radiokarbon-Daten für Neandertaler in einigen Fällen viel zu jung ausgefallen sein. Dieses Phänomen würde die scheinbare Koexistenz zwischen archaischen und modernen Menschen übertreiben.“ Es sei bemerkenswert, argumentieren die Tübinger, dass in den meisten Höhlen der Schwäbischen Alb zwischen der Schicht mit „Moustérien“-Werkzeugen – typisch für die Neandertaler – und den „Aurignacien“-Funden der modernen Zuwanderer eine fundlose Schicht liegt. Ihre Dicke könnte einem Zeitraum von mindestens mehreren Hundert bis zu einigen Tausend Jahren entsprechen.

„Aufgrund der Datenlage“, so Conard und Bolus auf Zehenspitzen, „könnte man argumentieren, dass die modernen Menschen vor etwa 40000 Jahren in eine weithin entvölkerte Schwäbische Alb einwanderten und in dieser Region wenig oder kein Austausch zwischen archaischen und modernen Menschen stattfand.“ Kurz: Beide Menschenformen könnten einander dort nie begegnet sein. Die Tübinger wollen allerdings zumindest eine kurzzeitige Koexistenz anderswo in Europa nicht ausschließen. Diese Position vertritt auch Dr. Ralf W. Schmitz. Zusammen mit Dr. Jürgen Thissen spürte er 1997 die lange verschollenen Reste des berühmtesten Neandertaler-Fundplatzes der Welt wieder auf – die bei Steinbrucharbeiten eingeebnete Kleine Feldhofer Grotte im namengebenden Neandertal bei Düsseldorf.

Auch Schmitz, ebenfalls Wissenschaftler am Tübinger Institut, sieht den Vermischungs- und Koexistenz-Spekulanten die Felle wegschwimmen: „Plötzlich beginnt plausibel zu werden, warum wir bislang weder anatomisch noch bei DNA-Analysen einen Hinweis auf Vermischung erhalten haben. Denn die Zeitspanne, in der beide Menschenformen in Europa lebten, betrug womöglich keine 10000, sondern nur 1000 Jahre.“ Und das, so folgert Ralf Schmitz, „würde einen Prozess der Verdrängung wieder wahrscheinlicher machen – oder gar kriegerische Szenarien.“

KOMPAKT

• Fossilfunde, die von Mischlingen aus Neandertalern und anatomisch modernen Menschen zu stammen schienen, haben ihre vermeintliche Beweiskraft eingebüßt.

• Die Hinweise verdichten sich, dass Neandertaler und moderner Mensch kürzer und seltener miteinander Kontakt hatten als von vielen Paläoanthropologen angenommen.

Thorwald Ewe

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