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STUTTGART EIN SCHIFF WIRD KOMMEN

Ein Höhepunkt des Darwin-Jahrs in Deutschland wird die Ausstellung „Der Fluss des Lebens“ im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart sein. Sie feiert den Altmeister der Evolutionsbiologie und seine modernen Nachfolger.

Reisen haben die Menschheit stets vorangebracht. Schon der Auszug kleiner Gruppen des Homo sapiens vor 140 000 Jahren aus dem Geburtskontinent der Menschheit, Afrika, führte in der Folgezeit zu neuen genetischen und kulturellen Errungenschaften – zu mehr Vielfalt also, zu neuen Eigenarten und Fähigkeiten. Entdecker wie Christoph Kolumbus und James Cook erschlossen den Europäern neue Siedlungsräume und Handelswege. Forschungsreisende wie Alexander von Humboldt vermaßen die Welt und brachten neue Erkenntnisse mit.

Und so stand auch am Beginn der biologischen Revolution eine Reise: die Fahrt des anfangs erst 22-jährigen Charles Darwin mit dem Vermessungsschiff HMS Beagle in den Jahren 1831 bis 1836. Sie führte den Studienabbrecher der Medizin und Bachelor der Theologie, für den Naturforschung bisher nur ein Hobby gewesen war, einmal rund um die Welt. Und sie machte einen echten Wissenschaftler aus ihm. „Die Reise mit der Beagle ist bei Weitem das wichtigste Ereignis in meinem Leben und hat meinen ganzen weiteren Weg bestimmt“, schrieb er als alter Mann in seiner Autobiografie. „Diese Reise war für Darwin und seine Lehre so entscheidend, dass wir das Schiff in den Mittelpunkt unserer Ausstellung stellen wollen“, sagt Dr. Günter Bechly, Projektleiter der Stuttgarter Sonderausstellung zum Darwin-Jahr, die unter dem Titel „Der Fluss des Lebens“ 150 Jahre Evolutionstheorie veranschaulichen und feiern will. Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit den Universitäten Stuttgart und Hohenheim sowie dem Stuttgarter zoologisch-botanischen Garten Wilhelma realisiert. Eröffnung ist am 30. September 2009, finanziert wird die Schau aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg, des Sparkassenverbands Baden-Württemberg und der VolkswagenStiftung. Der Meersburger Architekt Karlheinz Thurm wird die HMS Beagle nachbauen – stilisiert im Maßstab 1:1,2, also nur wenig kleiner als das echte Schiff.

AN BORD WIRD’s MULTIMEDIAL

Der Schiffsrumpf wird schräg in die Säulenhalle des Stuttgarter Schlosses Rosenstein (das zum Staatlichen Museum für Naturkunde gehört) hineinragen und dazu einladen, ihn zu erkunden. „Der Rumpf und das Deck werden begehbar sein“, kündigt Bechly an. Innen finden sich dann anstelle musealer Einrichtungsgegenstände verschiedene Hightech-Angebote für die Besucher. „Die gesamte Beagle kann an Multimediastationen als interaktive virtuelle Realität in photorealistischer 3-D-Echtzeitgrafik erkundet werden“, verspricht das Ausstellungs-Exposé.

Die Reiseroute wird als animierte Projektion auf einer Weltkarte an der Wand vorgeführt – so macht man das heute. Der echte Darwin musste noch Stürme und Flauten ertragen und viele, viele Tage, an denen er unter der Seekrankheit litt. „Etwa 40 Prozent seiner Reisezeit hat er an Bord verbracht und sich dabei förmlich um die Welt gekotzt“, schrieb Darwin-Biograf Jürgen Neffe kürzlich drastisch in „Geo“. Der Stuttgarter Museumsgast hingegen wird die Früchte von Darwins Arbeit, die seiner Vorgänger sowie seiner Nachfolger ganz ohne Übelkeit erkunden können – und dabei den Blick nach vorn richten: „Wir dokumentieren die moderne Evolutionstheorie“, stellt Bechly klar. „Wie hat sich Darwins Theorie bewährt? Welche Ergänzungen waren nötig? Und welche Auswirkungen, welchen Nutzen hat die Evolutionsforschung für unseren Alltag?“

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Antworten werden wissbegierige Stuttgarter und Touristen vor allem in dem Abschnitt der Ausstellung finden, der unter dem Motto „Evolutionsforschung im Hightech-Zeitalter“ steht. Eine an Zoologie oder Botanik interessierte Besucherin kann dort beispielsweise lernen, wie moderne Stammbaumforschung mit mathematischen und genetischen Methoden funktioniert. Die Erkenntnisse kann sie auf besonders ausgeschilderten Rundgängen in der benachbarten Wilhelma vertiefen. Ein Gast mit Interesse an moderner Landwirtschaft kann sich informieren, wie Getreidepflanzen nach einem Befall durch Rüsselkäfer mittels chemischer Signale parasitische Wespen zu Hilfe „rufen“. Spätestens dann wird er erkennen, dass Pflanzen nicht wehrlos auf dem Acker stehen und nicht immer auf Insektizide zu ihrer Verteidigung angewiesen sind. Die chemischen Hilferufe der Pflanzen sind ein gut erforschtes Beispiel für die Koevolution von Wirt und Parasit. Die Forschungen der Tübinger Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard an Fruchtfliegen haben dazu beigetragen, dass sich die evolutionäre Entwicklungsbiologie (Evo-Devo) als heißes Forschungsthema weltweit entwickeln konnte. Somit dürfen ihre Fruchtfliegen in Stuttgart nicht fehlen. Alte und junge Forschernaturen können Originalpräparate im Stereomikroskop betrachten. Vielleicht schaut ja ein künftiger Nobelpreis-Kandidat durch das Okular.

Gleich anschließend geht es um den Menschen selbst: Wie Genetiker und Sprachforscher die Wanderwege der Menschheit erkundet haben und erkunden, wird an großformatigen Tafeln und Weltkarten dargestellt. Die Stuttgarter Ausstellungsmacher geben sich hier durchaus missionarisch. Sie wollen „ evolutionsbiologische Belege für die prinzipielle Gleichheit aller Menschen und die Absurdität rassistischer Ideologien“ aufzeigen.

SCHWABEN UND AFRIKANER

Günter Bechly macht es noch konkreter: „Zwei alteingesessene Schwaben können sich genetisch voneinander stärker unterscheiden als jeder einzelne der beiden von einem Schwarzafrikaner.“ Eine Folge davon, dass der Mensch mobil geworden ist und auf seinen Wanderwegen innerhalb und jenseits von Afrika immer wieder neue Genvarianten ausgebildet und sie bei der Begegnung der Geschlechter ausgetauscht hat.

Wer solch eine frohe Botschaft zu verkünden hat, muss die Auseinandersetzung mit den schärfsten Gegnern des Darwinismus, den amerikanischen Kreationisten und Vertretern des „Intelligent Design“, nicht scheuen. Und auch vor der islamistischen Variante des türkischen Predigers Harun Yahya mit seinem voluminösen „ Atlas der Schöpfung“ muss ihm nicht bange sein. Unter der Überschrift „Intelligentes Design ohne Designer?“ werden die Stuttgarter grundsätzliche Widersprüche in der Argumentation der Evolutionsgegner aufzeigen. Auch auf die möglichen Konsequenzen von deren Weltsicht weist ihre Ausstellung hin: „Ein Verzicht auf wissenschaftliche Methodik würde nicht zuletzt auch einen Verzicht auf konkrete Fortschritte in Technik und Medizin bedeuten.“ Dann wäre die lange Reise der Menschheit bald zu Ende. ■

von Judith Rauch

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