Techno-Späher für die Banker - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Allgemein

Techno-Späher für die Banker

Die Deutsche Bank AG beschäftigt Experten für Hochtechnologie. Was dort ihre Aufgabe ist, beschreibt der Elektrotechniker Dr. Matthias Werner.

Dr. Matthias Werner

ist seit 1998 Direktor und Leiter des Expertenteams Mikrotechnologie bei der Deutschen Bank in Berlin. Werner (Jahrgang 1963) ist Diplom-Ingenieur und promovierte an der TU Berlin im Fach Elektrotechnik. Von 1994 bis 1998 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Berater für die VDI/VDE-Technologiezentrum Informationstechnik GmbH.

Werner hat mehr als 80 begutachtete Artikel publiziert und ist Mitglied der National Strategy Advisory Group for the UK Micro/Nano Manufacturing Initiative. Sein Expertenteam Mikrotechnologie berät die Deutsche Bank unter anderem über die Entwicklungsaussichten von mittelständischen Hightech-Unternehmen.

bild der wissenschaft: Was tut man als Ingenieur bei einer Bank, Herr Dr. Werner?

Anzeige

Werner: Gegenfrage: Wundern Sie sich, dass Siemens Finanzleute beschäftigt?

bdw: Siemens will wirtschaftlich erfolgreich sein, deshalb die Finanzleute.

Werner: Und die Deutsche Bank will wirtschaftlich erfolgreich sein, deshalb die Ingenieure. Für das Verständnis ist es sehr wichtig, Branche, Produkte und Marktchancen eines Geschäftskunden zu verstehen. Das können Sie nur bei entsprechendem betriebswirtschaftlichen und technologischen Know-how.

bdw: Ich höre immer wieder, dass Banken in Deutschland nur Geld für Hightech-Unternehmen locker machen, wenn man das Häuschen der Eltern verpfändet. Offenbar fehlt es da weitreichend an Verständnis für moderne Innovationen.

Werner: Solche Unternehmen zu finanzieren, ist auch nicht erste Aufgabe einer Bank. Hier sind vielmehr Risiko-Kapital-Firmen gefragt. Wir vermitteln in solchen Fälle aber gerne und bieten Unterstützung an, um zu verdeutlichen, was die Unternehmen eigentlich machen.

bdw: Was ist Ihre Hauptaufgabe?

Werner: Unser Hauptauftraggeber ist das eigene Haus, für das wir – wenn Sie so wollen – Technologie dolmetschen. Unsere Gutachten für die Bank sind dazu da, Technologien und Märkte qualifiziert einzuschätzen. Extern arbeiten wir beispielsweise für das Bundesforschungsministerium. Besonders stolz sind wir auf ein EU-Forschungsprojekt, bei dem es um Hochtemperaturelektronik geht. Wir realisieren es mit anderen europäischen Partnern – zum Beispiel aus der Erdöl- und Automobilindustrie. Ziel dieses Projekts ist es, die Zuverlässigkeit von elektronischen Bauelementen bei hoher Umgebungstemperatur zu steigern.

bdw: Obwohl Sie in Diensten der Deutschen Bank stehen, publizieren Sie immer noch beachtlich viele Forschungsaufsätze. Haben Sie so viel Freizeit?

Werner: Das ist keine Frage der Freizeit, sondern der beruflichen Notwendigkeit. Man sollte über Technologie nicht nur reden, sondern sollte sie auch ein Stück weit selber voran treiben, um auf dem Laufenden zu bleiben. Dadurch baut man Kommunikationsbarrieren ab und hat einen ganz anderen Zugang zu unseren Kunden als jemand ohne einen solchen Hintergrund.

bdw: Wie analysieren Sie die Technologiemärkte konkret?

Werner: Beispielsweise durch komplexe Befragungen. Bei einer Mikrosystemtechnik-Untersuchung haben wir im Auftrag des Bundesforschungsministeriums zusammen mit Partnern 3500 Fragebogen verschickt, gut 700 kamen ausgefüllt zurück und wurden statistisch ausgewertet. Dazu kamen Interviews mit Experten im Ausland. Auf dieser Basis wurde ein Thesenpapier zusammengestellt, das an wichtigen Stellen nochmal durch persönliche Experteninterviews überprüft wurde. Anschließend war das Papier in verschiedenen Workshops Diskussionsgegenstand. Nach diesem Prozess hatte man einen ganz guten Eindruck gewonnen, wie sich die Mikrosystemtechnik künftig entwickeln könnte. Sichtbar geworden ist dabei auch, dass und worin sich die Visionen von Forschungseinrichtungen und von Firmen unterscheiden.

bdw: Woran macht die Deutsche Bank fest, ob die Expertenteams gute oder weniger gute Arbeit leisten?

Werner: Wirklich harte Kriterien, um solche Arbeiten zu beurteilen, gibt es nicht. Wenn andere Studien zu einem ähnlichen Ergebnis kommen wie die eigene, offenbart das sicherlich, dass man so falsch nicht liegt. Je weiter entfernt die zu umschreibende künftige Entwicklung aber ist, desto mehr Kaffeesatzleserei ist dabei. Da helfen Experten nicht weiter, weil auch sie nur spekulieren können. Deswegen sind Äußerungen über das Weltmarktvolumen der Nanotechnologie mit Umsätzen von einer Billion US-Dollar im Jahr 2015 nicht viel wert.

bdw: Riskieren Sie dennoch für unsere Leser einen Blick in die Zukunft?

Werner: In der Mikroelektronik wird sich etwas tun müssen – allein schon deswegen, weil wir mit der unverändert anhaltenden Miniaturisierung beim Standardmaterial Silizium in rund zehn Jahren an physikalisch-technologische Grenzen stoßen. Andere Materialen werden zwar getestet, sind aber noch lange nicht so weit, dass man sie dann einsetzen könnte.

bdw: Dass für die Siliziumtechnologie bald das Ende der Fahnenstange erreicht sei, habe ich schon oft gehört…

Werner: …nun stehen wir auch vor einem wirtschaftlichen Problem. Die Kosten für die Waferfabs – also die Fabriken zur Herstellung von integrierten Schaltkreisen und die dazugehörenden Anlagen – werden bei gleichzeitiger Abnahme der Kapitalrentabilität so hoch, dass es finanziell unattraktiv wird, neue Waferfabs zu bauen. Außerdem wird um 2012 bis 2015 die extrapolierte Marktentwicklung für integrierte Schaltkreise den prognostizierten Gesamtmarkt für Elektronik übersteigen. Da muss etwas nicht stimmen. Denn der Gesamtmarkt für Elektronik enthält natürlich auch die Halbleiter. Um diese Entwicklung zu umgehen, sind völlig neue Halbleiterfertigungsverfahren und Materialien nötig, die auf der Nanotechnologie beruhen können.

bdw:Was ändert sich durch Nanotechnologie?

Werner: Wenn die Dimension von etwa 100 Nanometern – also einem zehnmillionstel Zentimeter – unterschritten wird, ändern sich die Eigenschaften eines Stoffes. Macht man sich dies geschickt zunutze, kann es zu leistungsfähigeren Materialien führen. Anders ausgedrückt: Diese funktionalen physikalischen, chemischen oder biologischen Effekte sind in Abmessungen über etwa 100 Nanometer nicht oder kaum zu nutzen.

bdw: Haben Sie Beispiele für technologisch interessante Nanostrukturen?

Werner: Beschleunigungssensoren, die Airbags auslösen, können viel empfindlicher reagieren, wenn die Querschnittfläche der piezoresistiven Widerstände auf etwa 50 mal 50 Nanometer reduziert wird. Ein weiteres Beispiel sind PC-Festplatten. Die gängigen Speicherdichten lassen sich nur noch durch die Verwendung des nanotechnologischen Giant Magneto Resistive Effektes – kurz GMR – erzielen, der am Forschungszentrum Jülich entdeckt wurde. Bereits zehn Jahre nach seiner Entdeckung wurde GMR von IBM und anschließend auch von allen anderen Festplattenherstellern genutzt. Drittes Beispiel sind organische Leuchtdioden, die jetzt immer stärker als Display eingesetzt werden – etwa in einem Philips-Rasierer. Organische Leuchtdioden wurden vor nur zehn Jahren im englischen Cambridge erstmals zum Leuchten gebracht. Bei den letztgenannten Beispielen handelt es sich um Entwicklungen, wie sie schneller nicht hätten vonstatten gehen können. Entscheidend für die Entwicklungsgeschwindigkeit der Technologien ist der Produktionsdruck der Industrie und natürlich der konkurrenzfähige Preis des Produkts.

bdw: Welche internationale Marktposition haben deutsche Hersteller?

Werner: Sowohl in der Nanotechnologie als auch in der Mikrosystemtechnik ist Deutschland sehr erfolgreich. Das offenbart der Blick auf Publikationen genau wie der auf Patente. Wir sind weltweit unter den ersten drei Nationen. Entscheidend ist freilich: Wie wird das kommerzialisiert? Und da liegen wir deutlich hinter den USA oder Japan.

bdw: In welchen Branchen verdient man denn mit diesen Technologien schon richtig Geld?

Werner: Vor allem in der Messtechnik, weil die winzigen Strukturgrößen erst einmal visualisiert und analysiert werden müssen. Auch im Materialbereich wird Geld verdient – etwa durch nanokristallines Titanoxid, das massenweise Bestandteil von Sonnenschutzcremes ist. Der Markt für Nanomaterialien liegt derzeit weltweit bei 22 Milliarden US-Dollar. Komplexe Nanosysteme sind dagegen eher Zukunftsmusik.

Wolfgang Hess

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Zähn|chen  〈n. 14〉 kleiner Zahn

Rig|gung  〈f. 20; Mar.〉 = Rigg

Mo|no|zy|to|se  〈f. 19; Med.〉 übermäßige Vermehrung der weißen Blutkörperchen [→ Monozyt ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige