Teotihuacaner -Die Kulturbringer - wissenschaft.de
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Teotihuacaner -Die Kulturbringer

Die Stadt war größer als Rom und beeinflusste ganz Mittelamerika. Dennoch kennt man weder einen einzigen Herrscher noch die Art der Verwaltung. Schrift gab es nicht. Über den plötzlichen Untergang gibt es keine Nachrichten – die Leute von Teotihuacan bleiben eine Herausforderung für die Archäologen.

Die drei geopferten Männer wurden zusammengeschnürt wie Postpakete, die Beigaben – Steinperlenketten, Obsidianmesser, Pfeilspitzen und Jadeschmuck – sorgfältig verteilt dazugelegt. Über ihnen türmten die Grabbauer Steinhaufen auf, platzierten zwei Käfige mit lebenden Jaguaren daneben – und mauerten die Kammer zu.

Was da vor rund 1600 Jahren in der Mondpyramide von Teotihuacan in Zentralmexiko passierte, sorgt heute für Aufregung unter den Archäologen. Aus zwei Gründen: Zum einen „spricht ein solches Menschenopfer immer für ein Königsgrab“, weiß Dr. Nikolai Grube. Wenn die mexikanisch-japanischen Ausgräber unter der Opferkammer tatsächlich die Bestattung eines Herrschers finden, so der Bonner Maya-Experte weiter, „wäre das wirklich spektakulär. Dann wäre bewiesen, dass auch Teotihuacan einen Gottkönig hatte.“ Es würde ein kleiner, aber aussagekräftiger Lichtschein auf die Herrschaftsstrukturen der geheimnisumwitterten Stadt fallen.

Zum Zweiten sind die drei Geopferten, abweichend von der Teotihuacan-Tradition, eindeutig in Maya-Manier beigesetzt. Und die Jade-Preziosen stammen nach Machart und Material ebenso unzweideutig aus dem 1000 Kilometer Luftlinien entfernten Mayaland. Grube: „Wir gehen davon aus, dass die Opfer – Männer zwischen 28 und 55 Jahren – Maya waren oder zumindest sehr engen Kontakt mit Maya hatten.“ Das würde auf eine hautnahe Verbindung zwischen Teotihuacan, der dominierenden Macht im Mesoamerika des 4. nachchristlichen Jahrhunderts, und dem erwachenden Mayatum hinweisen.

Die Funde aus dem Sommer dieses Jahres wurden enthusiastisch hochgejubelt zum Beweis, dass die Maya die ferne Stadt „ beeinflusst“ hätten. Eine gewagte These, wenn man bedenkt, dass Teotihuacan zu dieser Zeit auf dem Scheitelpunkt seiner Entwicklung stand und ganz Mesoamerika die entscheidenden zivilisatorischen Impulse gab – so wie das antike Griechenland an Europa.

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Der Opferfund ist wohl eher als weiteres Indiz anzusehen, dass das politische und kulturelle Beziehungsgeflecht zwischen den Machtblöcken und Völkerschaften im antiken Mesoamerika enger und weiträumiger war, als arrogantes europäisches Denken sich das vorzustellen vermag. Teotihuacan war eine multikulturelle Weltstadt. Die städtische Neue-Welt-Macht war größer als Rom und existierte mit 500 Jahren länger als das Römische Reich.

Spannender als die Maya-Connection ist der möglicherweise kurz bevorstehende Fund eines königlichen Grabes in Teotihuacan. Die Ausgräber müssen den Schacht, den sie in halber Höhe in die Mondpyramide getrieben haben, noch absichern. Erst dann können sie zu dem – unter der Opferkammer vermuteten – Grab vordringen. Ein solcher Glücksfall würde dem archäologischen Puzzle-Bild von Teotihuacan ein großes Stück hinzufügen.

Zwar können Besucher die gewaltigen Steinbauten bewundern, Solar-Jünger die 65 Meter Sonnenpyramide erklimmen, Archäologen den antiken Stadtplan stetig verfeinern – doch man weiß verzweifelt wenig, fast nichts über die Menschen von Teotihuacan, über ihre Herrscher, Sprache, Herkunft und ihren Untergang. Es gibt keine Königslisten und keine Staatspropaganda, keine Handelsbücher und keine Kriegsberichte. Bis heute haben die Archäologen nicht ein Zeichen entdeckt, das man als Schrift deuten könnte. Die Stadt und ihre Bewohner haben nicht einmal einen eigenen Namen. Teotihuacan („Der Ort, wo die Götter entstanden sind“) tauften die Azteken die religiös aufgeladene Ruinenstätte, als sie auf ihrer mythischen Wanderung (siehe Beitrag „Azteken“) rund 600 Jahre später hier durchzogen und Reliquien mitnahmen, die sie später in ihren Haupttempel in Tenochtitlan einbauten.

Dafür, dass die Teoti-Leute kein schriftliches Zeugnis von sich ablegten, kann die Wissenschaft – allein aufgrund archäologischer Arbeiten – doch erstaunlich viel über die Stadt und ihre Wirkung erzählen: Die erste Siedlung ist schon im 4. Jahrhundert v.Chr. nachzuweisen, um 100 v.Chr. ist Teotihuacan bereits auf 10000 Einwohner angewachsen, die erste Urbanisierung in Amerika überhaupt. Obsidian, der Stahl der amerikanischen Steinzeit, ist der Schlüssel zum Erfolg: Das „Vulkanglas“ aus rasch erstarrter Lava lässt sich zu nützlichem Handwerkszeug genauso wie zu höllischen Waffen verarbeiten. Die Stadt hatte Gewinnung, Handel und Verarbeitung monopolisiert.

In den beiden ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende sind die Leute von Teotihuacan mit Tempelbau beschäftigt: 20 verschiedene Kultkomplexe werden gebaut, darunter die Sonnenpyramide (Grundfläche wie die Cheopspyramide, dabei halb so hoch) und die nicht weniger imposante Mondpyramide. Die 4 Kilometer lange und 45 Meter breite Prozessions-„Straße der Toten“ entsteht und das Verwaltungszentrum „Ciudadela“. Die Stadt zählt 30000 Einwohner.

Die Mondpyramide, so haben die neuen Grabungen erbracht, wurde entgegen der bisherigen Lehrmeinung nicht in einem Zug errichtet, sondern zwiebelförmig siebenmal bis zu ihrer endgültigen Form überbaut. Somit ist sie erheblich älter als bislang angenommen. Die Opfer in der Mondpyramide sind bei weitem nicht die Einzigen. „Wo auch immer gebaut wurde“, weiß Hanns Prem, „hat Teotihuacan kräftig mit Menschenblut gearbeitet, scharenweise mussten Menschen aus aller Herren Länder als Bauopfer sterben.“

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht zwischen 400 und 600 n.Chr. beherbergt die namenlose Stadt zwischen 150000 und 250000 Menschen – und zwar aus allen Regionen Mesoamerikas. Die Ausländer leben in abgeschotteten Vierteln und pflegen ihre eigenen Sitten. Über 2000 private Häuser sind bislang nachgewiesen. Deren hier entwickelter Pueblo-Baustil wird in der Region für 500 Jahre bestimmend, bis hinauf in den Südwesten der heutigen USA. Die Häuser sind nahezu ausnahmslos bunt ausgemalt wie in Pompeji: Reich gekleidete oder nackte Menschen werden dargestellt, aber auch Krieg, Opfer und Blut. Tiere, Pflanzen und Fabelwesen schmücken die Wände. Häufig werden der Regengott Tlaloc und eine unbekannte Göttin in Fresken festgehalten. Über 400 Werkstätten verarbeiten Obsidian. Die Schmuck- und Anbetungsfiguren werden mit gebrannten Ton-Formen quasi industriell hergestellt. Offenbar hat die Stadt das „geistige Milieu“ für Experimente und Innovation.

Teotihuacan ist das Zentrum eines weit gespannten Handelsnetzes für Luxusgüter: Jade aus Südmexiko, die begehrten Federn des Quetzal-Vogels aus Guatemala, Edelsteine aus dem Norden, Baumwolle von der Golfküste. In der Stadt fließen Ideen und Geschicklichkeiten zusammen, Güter und Ideologien strömen nach draußen – bis an die Enden Mesoamerikas, also von Nordmexiko bis nach San Salvador. Ab 600 n.Chr. geht der sichtbare Einfluss Teotihuacans in den entfernteren Gebieten, etwa in Mayaland zurück, um 750 n.Chr. kollabiert die Stadt. Brandspuren im Zentrum deuten auf eine gewaltsame Eroberung von außen, diskutiert werden aber auch bügerkriegsähnliche Revolten. Vielleicht war es einfach die „Altersschwäche“ eines Reiches nach einem halben Jahrtausend.

Damit endet die Geschichte eines Gebildes, das noch weniger als die Azteken-Herrschaft ein Staat war. „Es gab kein ‚Reich‘ von Teotihuacan“, sagt Altamerikanist Prof. Hanns Prem, „es gab nur ein riesiges Einflussgebiet“. In der Tat hatte Teotihuacan zumindest kein Staatsterritorium, über ethnisches Selbstverständnis, Herrschaftsideologie und innere Struktur weiß man nichts. Hier könnten die erhofften Nachrichten aus dem vermuteten Königsgrab in der Mondpyramide ein entscheidendes Stück weiterhelfen.

Die Forscher bezeichnen das Phänomen als eine Mischung aus politischem und wirtschaftlichem Imperium. Die ökonomischen Beziehungen sind mit dem expansiven, von Teotihuacan kontrollierten Fernhandel belegt. Die politisch-militärische Dominanz ist nur indirekt greifbar. Prem spricht zurückhaltend von „nicht zu leugnenden Einflüssen bis tief ins Mayaland“, wo Dr. Nikolai Grube eine handfeste Eroberung sieht.

Der Maya-Epigrafiker an der Bonner Universität liest aus der Stele 31 in Tikal (bild der wissenschaft 7/1997, „Nachhall eines verschollenen Volkes“) eine spannende Geschichte: Ein Mann namens Rauchfrosch, ohne Zweifel aus Teotihuacan, beseitigte im Jahr 378 n.Chr. den Maya-König Jaguarkralle der Maya-Metropole Tikal im Herzen von Mayaland und gründete dort eine eigene Dynastie, deren Erscheinungsweise eindeutig Teotihuacan gestylt war. Im Hochland Guatemalas unterhielt Teotihuacan mit Kaminaljuyu nachweislich eine Garnison, vermutlich sogar eine Kolonie – von hier kontrollierte man den Jade- und Kakaohandel und die Obsidianminen von El Chayal. El Tajin in der Golfregion war eine explizite Stadtgründung von Teotihuacan. Auch an der Pazifikküste und in Monte Alban haben die Teotihuacaner sehr deutliche Spuren hinterlassen.

Wer hat das alles organisiert, wer war die treibende Kraft? „ Wo so viel Rauch ist, muss auch ein Feuer sein“, modifiziert Hanns Prem eine Indio-Weisheit. Er ist zuversichtlich, dass die rätselhafte Stadt – der Stachel im Fleisch der mesoamerikanischen Archäologie – irgendwann ihre letzten Geheimnisse preisgeben wird. „Wenn die Naturwissenschaftler ihr Wissen alle 10 Jahre umwälzen, sind es bei uns Geisteswissenschaftlern vielleicht 15 Jahre.“

Es besteht also noch Hoffnung für Neugierige. Wird man in den nächsten 15 Jahren auch Schrift finden in Teotihuacan? „Ach“, rückt Hanns Prem die Prioritäten zurecht, „Schrift ist zur Kontrolle eines Reiches nicht nötig. Es ist unser von Beamten geprägtes Gehirn, das sich so etwas immer vorgaukelt.“

Kompakt

Teotihuacan zivilisierte Mittelamerika wie Griechenland Europa.

Die Neue-Welt-Macht herrschte länger, als das Römische Reich dauerte.

Volk und Staat von Teotihuacan haben keinen Namen.

Michael Zick

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