Tiere im Glas - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Allgemein

Tiere im Glas

Computeranimation und Video können echte Präparate als be-greifbare Zeugnisse der Natur nicht ersetzen. Ob Ekel oder Ehrfurcht – Emotionen wecken die Tiere in den Glasbehältern der Museen auf jeden Fall. Damit wirken sie oft stärker als moderne Präsentationsformen. Und die Wissenschaft braucht die Tierkonserven auch.

Der Karpfen blickt mich aus seinen runden Augen so munter an, als sei er gerade erst vom Teich ins Schauglas geschwommen. Die Schlange würgt den Frosch hinunter, als habe sie ihm erst vor Sekunden ihr tödliches Gift in den Körper gejagt. Was so lebendig wirkt, hat ein Präparator vor mehr als 150 Jahren zur „Erbauung Interessierter und für die Nachwelt“ erhalten, indem er Karpfen und Schlange nebst Beutetier in Alkohol konservierte. Dasselbe Schicksal ereilte Seepferdchen und Tintenfische, Küken und Affenembryonen – nur einige Beispiele aus der bunten Palette solcher „Naßpräparate“, die Naturkundemuseen für ihre Besucher bereithalten. Im Verein mit Skeletten, ausgestopften Vögeln und Säugetieren, mit Schneckenhäusern und Seeigelpanzern vermitteln die „Tiere im Glas“ einen nachhaltigen Eindruck von der Vielfalt des Tierreichs.

Natürlich hat man heute noch andere Möglichkeiten der Präsentation. Mit Videofilmen und Computeranimationen zeigen Museen dem Besucher Tiere und Pflanzen in ihrem natürlichem Lebensraum. Gegenüber diesen bewegten, oft mit Ton untermalten Bildern wirken Alkoholpräparate auf den ersten Blick antiquiert. Unwillkürlich fragt man sich, ob diese Form der Schaustellung überhaupt noch sinnvoll ist. Die Antwort ist ein klares Ja.

Tiere im Glas sind echt, unmittelbar, und der neugierige Betrachter kann sie von allen Seiten in Augenschein nehmen. Computeranimationen hauchen dem Tier zwar scheinbar Leben ein, aber sie bleiben doch idealisierte, klinische Kunstprodukte. Video-Clips geben wohl Momentaufnahmen aus der Natur wieder, sie rühren aber emotional nicht an, bleiben Fernsehen. Außerdem zeigen sie ein Tier meist hektisch in Aktion. Das Auge des Zuschauers wird durch Kameraführung und Schnitt gegängelt. Ein Tier im Glas läßt sich dagegen in aller Ruhe studieren. Solange es ihm beliebt, darf sich der Betrachter in Details vertiefen und die ziselierten Schuppen einer Makrele untersuchen oder die haarigen Beine einer Vogelspinne. Ob Ekel oder Ehrfurcht – die Echtheit zählt und bleibt als Eindruck.

Auch für die Arbeit mit Studenten seien Alkoholpräparate von unschätzbarem Wert, sagt Brigitte Jokusch, Professorin am Zoologischen Institut der Universität Braunschweig: „Generell ersetzt das Buch oder der Bildschirm nicht den Effekt, der durch dreidimensionales Betrachten und Anfassen erreicht wird. Da bleibt viel mehr im Gedächtnis.“ Wer jemals zum Pilzesammeln nur mit einem Bestimmungsbuch losgezogen ist, ohne sich vorher von einem Kenner einige eßbare und giftige Pilze zeigen zu lassen, der weiß, wie schwierig es ist, von Zeichnungen und Fotos auf das zu schließen, was er in der Natur findet.

Anzeige

Die Unmittelbarkeit des Eindrucks rechtfertigt es, die über Jahrhunderte gewachsenen Sammlungen nicht nur zu erhalten, sondern noch weiter auszubauen. Was der Laie im Museum zu sehen bekommt, ist nur ein Bruchteil der Alkoholpräparate, die den Forschern zur Verfügung stehen.

In feuersicheren Metallschränken im Tiefspeicher des Naturhistorischen Museums Wien lagert zum Beispiel eine unschätzbare Sammlung von Schlangen, Fröschen und Kröten. Damit arbeiten Systematiker: Sie vergleichen die Lebewesen miteinander und versuchen aufgrund gemeinsamer Merkmale die Verwandtschaftsbeziehungen der Tiere zu klären – eine Voraussetzung, um die Stammesgeschichte und die Evolution besser zu verstehen.

Damit liefert die Systematik das Fundament für die meisten anderen biologischen Disziplinen, von der Verhaltensforschung bis zur Pharmakologie.

Nur wer die Arten sicher kennt, kann sie als Lieferanten von Nahrung oder Medikamenten nutzen, Schädlinge oder Krankheitserreger wirksam bekämpfen, wie etwa das Beispiel der Anopheles-Mücke zeigt: Lange Zeit versuchten Experten vergeblich, wirksame Mittel gegen den Überträger der Malaria zu entwikkeln. Erst als Insektenforscher durch Untersuchungen von Mücken in Alkohol herausfanden, daß es sich bei „der“ Malaria-Mücke in Wahrheit um sechs verschiedene Arten handelt, kam der Erfolg. Denn die sechs Arten unterscheiden sich nicht nur in ihrer Fähigkeit, Malaria zu übertragen, sondern auch in ihrem Vorkommen und ihrer Lebensweise – und wer wirkungsvoll gegen die Malaria-Überträger vorgehen will, der muß wissen, welche Mückenart sich wo bevorzugt aufhält, wann und wo sie ihre Eier ablegt.

Die Sammlungen sind auch Genreserven. Selbst wenn die Erbsubstanz in den Zellen heute ausgestorbener Tiere aufgrund laienhafter Konservierung nur noch in Bruchstücken vorliegt, läßt sich die darin gespeicherte Information mit Hilfe moderner gentechnischer Verfahren rekonstruieren. Der Genvergleich ist inzwischen das zweite Standbein der Evolutionsforscher. Zwischen diesem Vergleich und der Rekonstruktion, der Wiedererweckung ausgestorbener Arten, liegen allerdings noch wissenschaftliche Welten. „Jurassic Park“ bleibt auf absehbare Zeit Fiktion.

Dennoch hat es sich die amerikanische Forschungsinitiative „Agenda Systematics 2000“ zur Aufgabe gesetzt, innerhalb der nächsten 25 Jahre alle bekannten der schätzungsweise 30 bis 100 Millionen Tierarten auf der Erde in einer elektronischen Datenbank zu erfassen, einschließlich aller Arten, die weltweit in den Sammlungen aufbewahrt werden. Gespeichert werden Aussehen, Vorkommen und Nutzwert. Eine Pilotstudie der Deutschen Forschungsgemeinschaft beschränkt sich angesichts der Mammutaufgabe zunächst auf ausgewählte Tier- und Pflanzenarten, zum Beispiel die Hautflügler. Zu dieser Insektengruppe gehören Ameisen und Bienen, Wespen und Hummeln. Unter ihnen gibt es wichtige Blütenbestäuber, aber auch Schädlinge von Kulturpflanzen.

Grundvoraussetzung für diese Projekte ist, daß die Sammlungen gepflegt werden. Alkoholpräparate müssen regelmäßig kontrolliert, und bei Bedarf muß Alkohol nachgefüllt werden. Allein mit der Pflege der etwa 2000 Alkoholpräparate im Staatlichen Naturhistorischen Museum Braunschweig ist eine Präparatorin einen halben Tag pro Woche beschäftigt. Aber während der biologische Wert der Präparatesammlungen mit jedem Jahr zunimmt, werden derzeit an vielen Museen die Stellen der Präparatoren gestrichen. So ist zu befürchten, daß Sammlungen von unschätzbarem Wert verschwinden – und mit ihnen die Tiere im Glas, be-greifbare Mahnmale einer schwindenden Tier- und Pflanzenwelt. Was dann bleibt, ist Video.

Margit Enders

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

On|to|lo|gie  〈f. 19; unz.〉 1 〈Philos.〉 Lehre vom Sein u. seinen Prinzipien 2 〈IT〉 formale Darstellung einer Gruppe von begrifflichen Konzepten u. der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen ... mehr

Knie|seh|nen|re|flex  〈m. 1; unz.; Med.〉 Schlag auf die Sehne unterhalb der Kniescheibe, wobei sich das Kniegelenk ruckartig streckt; Sy Patellarreflex ... mehr

Blas|mu|sik  〈f. 20; unz.; Mus.〉 Musik für (von) Blasinstrumente(n)

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige