Tim Berners-Lee – Im Schatten von WWW - wissenschaft.de
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Tim Berners-Lee – Im Schatten von WWW

Der Erfinder des World Wide Web. Das Internet hat zehn Jahre lang einen beispiellosen Boom erlebt. Dahinter steckt ein Mann: Tim Berners-Lee schuf das World Wide Web und sorgt noch immer dafür, daß es funktioniert.

Warum kennt niemand diesen Mann?“, fragte schon vor vier Jahren die New York Times. Dabei ist das, was er erfunden hat, in aller Munde, bestimmt die Schlagzeilen der Presse, gibt Stoff für Titelgeschichten und Politikerdebatten, für Wirtschaftsliteratur und für Bettlektüre. Ernstzunehmende Zeitgenossen halten diesen Mann für einen neuen Johannes Gutenberg, der ein ganzes Jahrtausend mit der Erfindung des Buchdrucks geprägt hat. Doch selbst Zurückhaltende meinen, daß er mindestens so bedeutsam ist wie Gottlieb Daimler, der Erfinder des Automobils, oder Werner von Siemens, der uns den elektrischen Strom erschlossen hat.

Tim Berners-Lee hat vor genau zehn Jahren das World Wide Web erfunden, das unendlich große, universelle Netz elektronischer Informationen. Dieses Netz wird die Art und Weise revolutionieren, wie wir uns informieren, wie wir Informationen austauschen, wie wir und unsere Kinder mit anderen Menschen kommunizieren, mit ihnen zusammenarbeiten und zusammenleben. Das World Wide Web ist der Schlüssel für den fundamentalen Wandel unserer modernen Zivilisation: von der Produktions- zur Informationsgesellschaft.

Wer ist dieser Mann? Warum ist er so unbekannt? Warum ist gerade einer, der die Basis für die Medienwelt der Zukunft geschaffen hat, in unserer Welt der Stars und Sternchen ein Nobody? bild der wissenschaft hatte Gelegenheit, Tim Berners-Lee einen Tag lang zu begleiten.

Die Antwort auf die Frage der New York Times ist eigentlich einfach: Tim Berners-Lee wehrt sich energisch dagegen, zur Zielscheibe der Medien zu werden. Er ist kein Kauz oder Eigenbrötler, sondern er versucht so, seine persönliche Freiheit zu schützen und die seiner Familie. Erst nach vielen Argumenten ist der 44jährige Brite bereit, über sich, seine Motive und sein Umfeld zu reden. Äußerlich erinnert Berners-Lee an den netten Nachbarn von nebenan: mittelgroß, blond, spricht mit vielen Gesten, aber leise und höflich, ständig zu einem Lächeln aufgelegt, mit einer feinen Portion Humor, immer engagiert und hilfsbereit bei jedem Problem.

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Sein hervorstechendes Merkmal ist seine Neugier. Überall hat er seine Digitalkamera dabei um Erlebtes festzuhalten. Sein Fotoalbum steht im World Wide Web, doch die Adresse verrät er niemandem, bestenfalls seiner Frau und den zwei Kindern, mit denen er in einem Vorort von Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts lebt.

Die Erfindung des universalen, weltweiten Informationsnetzes ist – rein technisch betrachtet – keine große Neuheit: Berners-Lee führte vier Techniken und Tatsachen zusammen, entwickelte Ideen, wie sie integriert genutzt werden können, schrieb ein Programm, das die Bedienung erleichterte, und nannte das ganze „World Wide Web“: Das Internet – ein Datennetz ohne Zentrale, von amerikanischen Militärs einst entwickelt, doch Ende der achtziger Jahre von der Forschung usurpiert. „Hypertext“ – ein altbewährtes System von ergänzenden Querverweisen, vergleichbar den Fußnoten und Literaturhinweisen in gedruckten Büchern. Bei Computersoftware führte Hypertext – in den fünfziger Jahren erfunden – allerdings lange ein Dornröschen-Dasein. Die Tatsache, daß immer mehr Informationen auf Computern erzeugt und in ihnen gespeichert werden, Zahlen, Texte, und zunehmend auch Bilder. Das war erst sinnvoll, als preiswerter Speicherplatz reichlich zur Verfügung stand. Der Siegeszug der kleinen Computer. Tim Berners-Lee ging davon aus, daß jeder, der Informationen im World Wide Web abrufen wollte, Zugang zu einem Computer-Terminal hat.

Tim Berners-Lee baute daraus ein grenzenloses Informations-Universum. Jeder Mensch soll Zugang zu jeder Information weltweit haben, ganz gleich wann und wo sie gespeichert wurde, ob sie ihm zugeleitet wird oder ob er sie sich holt. Jeder soll die Informationen, die er für wichtig hält, allen zugänglich machen und sie mit anderen Informationen irgendwo verknüpfen können.

Damals arbeitete Berners-Lee am europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf und hatte die Idee, ein Kommunikationsnetz für Physiker zu schaffen. „CERN ist eine wunderbare Organisation“, schrieb Tim Berners-Lee im März 1989 in seinem ersten Vorschlag. Wohl an keinem anderen Ort der Erde hätte das World Wide Web so entstehen können. Das europäische Institut an der schweizerisch-französischen Grenze bei Genf ist für die Physiker vor allem ein riesengroßes Mikroskop für die Suche nach den kleinsten Bausteinen der Materie – viel zu groß und teuer, als daß ein Land es finanzieren und betreiben könnte.

Die meisten Forscher arbeiten in ihrem Heimatland und kommen nur einige Monate nach Genf für ihre Experimente. Hier wiederum sind sie in großen internationalen Teams zusammengeschweißt, oft aus 100 Forschern oder mehr, die ständig an den Meßinstrumenten oder an den Computerprogrammen basteln. Dennoch will natürlich jeder mit seiner Entdeckung der erste sein, auch wenn es nur um abstrakte Grundlagenforschung geht. Über 7000 Physiker in mehr als 120 Ländern der Erde stehen so ständig mit CERN in Verbindung.

Kurz: Eine Welt ohne Hierarchien, in ständigem Wandel, vom Wettbewerb bestimmt, aber auch vom Zwang zur Kooperation, mit einem geradezu chaotischen Kommen und Gehen, wo die Informationen in den Köpfen und Computern anderer Menschen für jeden Beteiligten entscheidend sind. Tim Berners-Lee begriff schnell, wie sehr diese Miniwelt der Physiker der großen, realen Welt auf unserem Globus ähnelt – im Spannungsfeld von Kooperation und Wettbewerb, von Ordnung und Chaos, von Mensch und Maschine, von ständigem Wandel und Bewahrung der Information. „CERN hat heute einige der Probleme, denen auch die Welt in ein paar Jahren gegenüberstehen wird“, schrieb er 1989 in seinem Konzept.

Berners-Lees versuchte gar nicht erst, Ordnung in das Informations-Chaos zu bringen, benutzte Werkzeuge, die ebenfalls chaotisch sind – und machte so das Chaos beherrschbar. Ausgangspunkt war für ihn ein Programm, das er Jahre vorher einmal für sich selbst geschrieben hatte, um Namen, Adressen und Informationen von Leuten zu speichern, die er traf oder die ihm empfohlen wurden. Genauso funktioniert heute das World Wide Web: Jedes Wort, jedes Bildelement, jedes Symbol kann eine Verknüpfung – ein Link – zu jeder anderen im Web gespeicherten Information sein, ganz gleich, ob es nur ein Satz oder eine ganze Bibliothek ist. Von jeder Stelle des World Wide Web (WWW) ist es möglich – ohne die Gegenseite zu fragen -, einen Link auf jedes andere Informationsangebot zu legen.

Das Konzept erlebte einen Siegeszug. Im November 1992 gab es weltweit 26 Computer, die Informationen ins World Wide Web stellten, elf Monate später waren es 200. Heute liegt die Zahl bei schätzungsweise über einer Million, und rund 100 Millionen Benutzer können mit ihrem Rechner Informationen aus dem WWW abrufen.

Tim Berners-Lee ist ein echtes Kind des Computerzeitalters, sozusagen erblich vorbelastet. Seine Eltern haben sich in den fünfziger Jahren durch den Computer kennengelernt. Der Vater war Computeringenieur, die Mutter eine Programmiererin, die den ersten kommerziellen Computer programmierte. Der Sohn kam früh mit den Rechnern in Berührung. Eines seiner ersten Lieblingsspielzeuge, so erinnert er sich, waren Lochstreifen – schier endlose, breite Luftschlangen, in die damals die Programme eingestanzt wurden. Die Eltern erzählten ihm von den wunderbaren Möglichkeiten der Mathematik.

Als Junge machte er die Elektronik zu seinem Hobby, bastelte an Schaltungen, konstruierte sogar aus gefundenen oder gekauften Bauteilen seinen eigenen Computer. Seine Begeisterung kannte kaum Grenzen, seine erste Tastatur zog er nach einem Sprung in einen Müllcontainer an Land. Allerdings dachte er nie – wie die fast gleichaltrigen Pioniere im Silicon Valley – an Massenvermarktung. Berners-Lee studierte vielmehr Physik am ehrwürdigen Queen’s College der Universität Oxford – als Kompromiß zwischen der abstrakten Mathematik und der handfesten Praxis eines Ingenieurs.

Seit 1994 ist Tim Berners-Lee Professor am weltbekannten Massachusetts Institute of Technology. Das Institut für Computertechnik gab ihm eine Heimstatt, da die Aufgabe, das World Wide Web zu managen, für CERN schnell zu groß wurde: Berners-Lee ist Direktor des W3-Consortiums. Dieser Verein, dem inzwischen über 250 Firmen angehören, hat die Aufgabe, die technischen Standards im World Wide Web festzulegen. Berners-Lee hat keine amtliche Autorität und schafft es dennoch, die notwendige Einheitlichkeit herzustellen. Dabei sind die beteiligten Firmen erbitterte Konkurrenten, teils Giganten mit Milliardenumsätzen, teils total zerstritten und verfeindet – und natürlich alle auf der Jagd nach den Riesenumsätzen, die das Geschäft mit dem World Wide Web verspricht. In diesem Haifischbecken hat Berners-Lee Erfolg als ehrlicher Makler, durch unzählige Gespräche und vor allem durch Transparenz der Entscheidungen: Er hat das World Wide Web nicht nur erfunden – ohne ihn würde es nicht funktionieren.

Eines Tages, so hofft er, wird das World Wide Web für jeden zum ganz persönlichen Werkzeug, egal ob er seine Familienfotos Tante Emma zeigen will, ob er die Stromrechnung bezahlt oder die nächste Urlaubsreise bucht. Kaufhäuser werden ohne ein einziges Schaufenster erfolgreich sein, Forscher werden elektronisch von zu Hause aus an Kongressen irgendwo auf der Welt teilnehmen (oder gar an mehreren gleichzeitig), Studenten in Entwicklungsländern werden Vorlesungen bei den besten Professoren hören, und Kinder werden ihre Lehrer als Helfer statt als Pauker in Erinnerung behalten.

Aber Berners-Lee sieht auch die Steine, die auf diesem Weg liegen. Für seine Vision wird es entscheidend sein, den Schutz des Individuums zu garantieren. Gleichgültig, ob jemand Privatfotos im Web speichert oder ob er einen Einkauf bezahlt, er möchte nicht, daß seine Daten in falsche Hände geraten. Doch Abhörsicherheit, Schutz des Urheberrechts, Zugangskontrollen, Verschlüsselung, Virus-schutz, Absender-Identifizierung oder Elektronische Unterschrift – das sind die Schwachstellen des weltweiten Netzes. Das „Web des Vertrauens“ ist jetzt das Ziel von Berners-Lee.

Auf die Frage allerdings, was er davon hält, daß andere mit seiner Idee des World Wide Web Millionen verdienen, er selbst dagegen keine großen Reichtümer angehäuft hat, reagiert Tim Berners-Lee zum ersten Mal zurückhaltend: „Mein Ziel ist es, dem Web eine Zukunft zu geben.“ Und wechselt schnell das Thema.

Reiner Korbmann / Tim Berners-Lee

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