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Tips vom Medizinmann

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„Phytopharmaka? Gibt es bei uns nicht!“, sagt Christina Sehnert, Pressereferentin des Pharmakonzerns Bayer. Erst beim Nachhaken wird deutlich: Bei Bayer spricht man lieber von „Naturstoffen“. „Das ist ein Imageproblem“, erläutert Dr. Thomas Henkel vom Bayer-Pharmaforschungszentrum in Wuppertal. „Wir wollen nicht irgend so eine Kräuterkiste sein.“

Dabei kramt Henkel schon seit einigen Jahren ganz kräftig in dieser Kiste. Als wissenschaftlicher Koordinator von Bayers Forschungsprojekten mit verschiedenen chinesischen Instituten sucht er vor allem in der Provinz Yunnan nach pflanzlichen Zauberformeln. Dort wachsen allein 17000 Pflanzenarten, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt. „Das ist ein Schatz“, schwärmt Henkel.

Doch dieser Schatz macht auch Probleme, weil man nicht weiß, wo die Suche anfangen soll. „Bei bestimmten Pflanzenfamilien besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, daß sie pharmazeutisch wirksam sind, aber generell kann man überhaupt keine Vorauswahl treffen“, nennt Henkel das Dilemma. Um den Erfolg des Projekts zu steigern, arbeitet Bayer eng mit einheimischen Kennern der traditionellen Medizin zusammen. Sie wählen die Pflanzen für die weitere Analyse aus, die aufgrund chinesischer Heiltraditionen vielversprechend sind.

„Man kann nicht einfach mit dem Buschmesser in der Hand und dem Tropenhelm auf dem Kopf loslaufen“, meint auch Dr. Thomas Masuhr vom Karlsruher Arzneimittelhersteller Dr. Willmar Schwabe. Die Badener lassen sich deshalb von einheimischen Botanikern beraten, die als Mittelsmänner zwischen westlichen Wissenschaftlern und Medizinmännern arbeiten. „Sie sollen uns helfen, zwischen Magie und Heilung zu unterscheiden“, sagt Masuhr. In Südafrika, Ghana und Madagaskar versucht das Karlsruher Unternehmen derzeit, Wirkstoffe gegen allergische Atemwegserkrankungen aufzuspüren. Das läßt es sich 4,9 Millionen Mark kosten.

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Ganz gezielt fahndet auch die kalifornische Firma Shaman Pharmaceuticals, eine im Jahre 1990 gegründete Tochter des Gentechnologie-Giganten Genentech, in insgesamt 30 Ländern Südamerikas, Afrikas und Asiens nach Medikamenten gegen westliche Krankheiten. Doch im Gegensatz zu den Karlsruhern setzen die besonders geschulten Forscher des US-Unternehmens gerade auf den direkten Kontakt zu Medizinmännern und Schamanen. Shamans Ethnomediziner sind profund informiert über die regionale Kultur, Medizin und Ökologie. Sie beschreiben den einheimischen Heilern und Schamanen detailliert die Krankheiten, gegen die sie eine Arznei suchen, illustrieren sie durch typische Bilder und versuchen so in Erfahrung zu bringen, welches Teil welcher Pflanze wann geerntet und wie es zubereitet werden muß, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Danach ist es dann mit der Nostalgie erst einmal vorbei. Das von den Heilern empfohlene Kraut wird in den Labors des Konzerns an gentechnisch veränderten Tieren und menschlichen Immunzellen getestet und schließlich mit modernstem Gerät auf seine Inhaltsstoffe untersucht. Trotz medizinmännischer Hilfe müssen die Wissenschaftler zwischen 10000 und 250000 Proben testen, um eine einzige zu finden, die Aussicht auf Erfolg verspricht. Zwar läßt sich bei vielen Pflanzenextrakten zunächst eine pharmakologische Wirkung nachweisen, doch dann wird es schwierig – denn man muß die Substanz isolieren, die für diese Wirkung zuständig ist.

Die meisten Pflanzen enthalten unzählige Inhaltsstoffe. Wird eine Verbindung aus diesem Gemisch herausgerissen, kann sie wirkungslos oder sogar gefährlich werden. Noch dazu schwankt der Gehalt des Wirkstoffs in der Pflanze von Ort zu Ort und von Jahr zu Jahr. Deshalb versuchen die Pharmakonzerne, sich von den Unwägbarkeiten der Natur unabhängig zu machen. Ihr Ziel ist es, bei Mutter Natur und Bruder Schamane zu spicken, um dann die wirksamen Substanzen im Reagenzglas nachzubauen und ihre Wirkung durch systematische Veränderungen der Molekülstruktur möglichst noch zu verbessern.

Doch häufig lassen sich die widerspenstigen Substanzen durch industrielle Anforderungen kaum zähmen. „Selbst wenn schließlich ein Wirkstoff gefunden wird, kann man seine Verträglichkeit, seine Stabilität und seine Aufnahme in den menschlichen Körper nur schwer beeinflussen“, nennt Bayer-Mann Henkel das Problem.

Alles in allem vergehen daher mindestens 15 Jahre, bis eine einzige Substanz aus der Pflanzen-Apotheke schließlich in Tabletten- oder Kapselform erhältlich ist. Mit rund 500 Millionen Mark Kosten pro Medikament rechnet heute ein Unternehmen. Doch manche der mühsam entschlüsselten Zauberformeln haben dafür durchschlagenden Erfolg – auch für die Bilanzen. Bekannteste Beispiele sind der Bayer-Bestseller Aspirin aus der Weidenrinde und das Taxol aus der Rinde der Pazifischen Eibe, das seit Jahren erfolgreich gegen Brust- und Eierstockkrebs eingesetzt wird.

Zu den Pionieren in der Naturstoffsuche gehört auch der Pharmakonzern Hoechst, der schon seit beinahe 30 Jahren in Indien nach brauchbaren Naturarzneien Ausschau hält. Etwa 250 neue Verbindungen erschloß er seitdem. Zu ihnen zählt der Grundstoff eines Herzmedikaments aus dem Lippenblütler Coleus forskolis. Der Handelswert aller Substanzen wird bei Hoechst auf eine zweistellige Milliardensumme geschätzt.

Angesichts solcher Zahlen hoffen immer mehr Schwellen- und Entwicklungsländer auf finanziellen Segen, wenn sie ihre pflanzlichen Rezepte feilbieten. „Das sind wahnsinnig überfrachtete Erwartungen“, warnt dagegen Dr. Manfred Niekisch von OroVerde, einer Stiftung zur Rettung der Tropenwälder in Frankfurt am Main. Für die Völker, deren Wissen man hier nutze, rentiere sich die Zusam- menarbeit mit den westlichen Konzernen erst in ferner Zukunft, wenn überhaupt. Die Verträge sind heute meist so gestaltet, daß die Partner in den südlichen Ländern erst am Gewinn beteiligt werden, wenn ein Produkt zur Marktreife gelangt ist.

Daß es auch anders geht, zeigt der US-amerikanische Pharmakonzern Merck, der schon 1991 eine auch von Naturschützern vielgelobte Kooperation mit Costa Ricas Nationalem Biodiversitäts-Institut (INBio) eingegangen ist. INBio verdient nicht nur am Verkauf marktreifer Produkte mit: Bereits während der Wirkstoffsuche zahlt Merck eine Million US-Dollar pro Jahr an INBio, von denen mindestens zehn Prozent für Umweltschutzmaßnahmen aufgewendet werden müssen. Meist aber „ist die Bevölkerung darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt durch Raubbau an den eigenen Ressourcen zu sichern“, kritisiert Dr. Günter Merz vom WWF Deutschland. Prof. Gerhard Seibert von Hoechst Marion Roussel sieht derzeit kaum Chancen, daran etwas zu ändern: „Berücksichtigt man die hohen Investitionen, die für eine Entwicklung notwendig sind, die lange Entwicklungszeit und das Risiko, so muß man vor überhöhten Erwartungen warnen“, meint er. „Vorstellungen, daß Gewinne der großen Pharmaunternehmen etwa die Zerstörung des Regenwaldes aufhalten könnten, sind unrealistisch.“

Christina Berndt

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