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Titelthema – Dschingis Khan: Der Tyrannen-Bonus

Wie wird ein Eroberer „der Große“, und warum bekommt ein anderer den Beinamen „der Schreckliche“? Eine Psychologie der Bewunderung.

„Dschingis Khan Ha! Hu! Ha! Die Hufe ihrer Pferde durchpeitschten den Sand, Sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land , Und weder Blitz noch Donner hielt sie auf.“

Das ist nun geblieben vom bedeutendsten Herrscher der Mongolen – ein im letzten Jahr noch einmal herausgeputzter Schlager. Mit dem war die nach Dschingis Khan benannte Träller-Truppe 1979 beim Grand Prix Eurovision angetreten und hatte für Deutschland den vierten Platz belegt.

Der Terror der Reiterhorden klingt noch an, doch vor allem saufen die Soldaten in dem Stück, und ihr Oberbefehlshaber zeugt sieben Kinder in einer Nacht: „… Es hieß, die Frau, die ihn nicht liebte / gab es nicht auf der Welt. Ha! Hu! Ha!“

Er ist in die internationale Trivial-Folklore eingegangen, ein Kraftprotz aus der Steppe. John Wayne hat ihn in „Der Eroberer“ verkörpert und im deutschen Privatfernsehen beißen die „ Höllenhunde des Dschingis Khan“. In der Mongolei wird er ohnehin verehrt, und selbst die britische Regierungschefin Margaret Thatcher fand einst Gefallen an seinem Image und nannte sich einen weiblichen Dschingis Khan. Wie kann ein Herrscher so populär werden, der schon als Kind seinen Halbbruder mit Pfeilen hinrichtete, weil der ihm einen gerade gefangenen Fisch weggenommen hatte? Der Besiegte bei der nächsten Attacke als menschliche Schutzschilde vor seiner Armee hertrieb? Dessen Mongolei im 13. Jahrhundert von einem christlichen Chronisten als „verabscheuungswürdige Nation des Satans“ beschrieben wurde, deren Teufel aus der untersten Hölle Tartarus entstiegen seien, „ so daß sie zu recht Tartaren genannt werden“?

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Psychologen wie Historiker haben sich für diese merkwürdige Wandlung vom grausamen Feldherrn zur Pop-Ikone wenig interessiert. Dabei ist sie keineswegs die Ausnahme. Viele der sogenannten großen Männer der Geschichte waren nach heutigen Maßstäben brutale Tyrannen, die ihre Landsleute unterdrückten und andere Völker mit Angriffskriegen überzogen. Doch je erfolgreicher sie dabei waren, desto größer ihr Nachruhm.

Alexander der Große etwa läßt bis heute selbst Historiker in „ rhapsodisches Schwärmen geraten“, beobachtet der Konstanzer Geschichtsprofessor Wolfgang Schuller bei seinen Kollegen. Der verehrte Makedonier ließ den alten Kampfgefährten seines Vaters Parmenion heimtückisch ermorden, die persische Hauptstadt Persepolis niederbrennen und unterwarf mit dürftigen Vorwänden Völker von Syrien bis Nordindien. Doch der Ruhm der Nachwelt ist ihm gewiß.

Der ebenfalls nicht besonders skrupulöse Machtpolitiker Caesar war für Nietzsche der „herrlichste Mensch“ und der Schweizer Historiker Jakob Burckhardt befand: „Alles Große aber sammelt sich in der wunderbaren Gestalt Caesars.“ Selbst der zeitgenössische Diktator Benito Mussolini genießt bis heute Verehrung: In Italien steht er bei Umfragen zwar regelmäßig mit Abstand an der Spitze der unbeliebtesten Gestalten, schafft es aber gleichzeitig auf den dritten Platz der Beliebtheitsskala.

Wie kann es zu solchem Nachruhm kommen? Gründliche Forschung fehlt, doch einige plausible Erklärungen lassen sich finden: Oft haben die Herrscher ihrem Image schon zu Lebzeiten kräftig nachgeholfen. Alexander nahm Kallisthenes, einen Großneffen des Aristoteles auf seine Feldzüge mit, damit der in Berichten seine Taten verherrliche. Er gründete 16 Städte, die schon durch ihre Namen sein Ansehen mehren sollten: Sie hießen allesamt Alexandria. Napoleon war sich nicht zu schade, sich zwei Zeitungen für billigste Propaganda zu halten: „Er fliegt wie der Blitz und schlägt zu wie der Donner. Er ist überall und sieht alles“, hieß es da über ihn.

Einigen Herrschern half ihre mythengleiche Lebensgeschichte: Gegen enormen Widerstand vollbrachten sie unglaubliche Taten, bevor sie schließlich auf dem Höhepunkt ihrer Macht vorzeitig vom Tod eingeholt wurden wie Alexander oder Caesar oder in die Verbannung geschickt wurden wie Napoleon. Grausamkeit ist auf dem Weg zum Ruhm kein Hindernis – sie hilft womöglich sogar. Denn sie kann Kritik so gründlich unterdrücken, daß selbst Oppositionelle an ihrem Widerstand zu zweifeln beginnen. Der Ex-Kommunist Arthur Koestler beschrieb das Phänomen in seinem Stalin-Roman „ Sonnenfinsternis“: „Der Horror, den Nummer 1 ausstrahlte, bestand vor allem in der Möglichkeit, daß er recht hatte, und daß all die, der er tötete, zugeben mußten, selbst mit der Kugel an ihrem Nacken, daß er recht haben könnte.“

Macht fasziniert – auch die Nachfahren. Denn oft waren es gerade gewalttätige Herrscher, die der Welt ein neues Gesicht gaben. Für den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatten „ welthistorische Individuen“ wie Alexander, Caesar und Napoleon geradezu den Beruf, „die Geschäftsführer des Weltgeistes zu sein“ . Mit solchen Kraftkerlen identifiziert man sich gerne. Die Methoden eines Alexander haben schon etwas. Kaum zufällig erzählt die beliebteste Anekdote über ihn, wie er den als unentwirrbar geltenden Gordischen Knoten kurzerhand mit dem Schwert durchschlug.

Wer einen solchen Tatmenschen zu seinem Helden wählt, profitiert gleich doppelt. Er kann dessen Stärke bewundern und sich eingedenk der Grausamkeit gleichzeitig moralisch überlegen fühlen. Es ist „wie in einem guten Krimi“, sagt der Frankfurter Psychologieprofessor Siegfried Preiser. Man fühlt mit dem Täter und denkt sich: „Aber so schlimm bin ich nicht.“ Noch besser als mit zeitgenössischen Straftätern funtioniert dieser Mechanismus mit historischen Schurken. „Gefährlich sind sie ja heutzutage nicht mehr“, kommentiert die Psychologieprofessorin Astrid Schütz von der Universität Chemnitz.

Im übrigen lassen sich für die verbrecherischen Staatsmänner mildernde Umstände geltend machen – mangelnde Moral war in ihrem Gewerbe während vieler Epochen die Regel und ist es in vielen Weltgegenden immer noch. Niccolò Machiavelli, der Altmeister der Politikberater, empfahl im 16. Jahrhundert den Herrschern, es sei im Zweifel „weit sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden“. Denn Wohltaten würden die Menschen schnell vergessen, „die Furcht vor Strafe aber läßt niemals nach“. Und Hans Magnus Enzensberger bilanziert in seinem Essay-Band „Politik und Verbrechen“: „ Zwischen Mord und Politik besteht ein alter, enger und dunkler Zusammenhang. Er ist in der Grundstruktur aller bisherigen Herrschaft aufbewahrt: Sie wird von demjenigen ausgeübt, der die Beherrschten töten lassen kann.“ So gesehen war die Washington Post bei der Wahl vom „Mann des Jahrtausends“ nur konsequent. Sie entschied sich für Dschingis Khan, den „Macher“. „Ja, es stimmt, er war ein Verbrecher“, schrieb die renommierte US-Zeitung. Aber „ für den Apostel der Extreme der letzten tausend Jahre gibt es keinen besseren Kandidaten als Dschingis Khan, der die halb zivilisierte, halb wilde Doppelgesichtigkeit der menschlichen Rasse verkörperte“.

Jochen Paulus

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