Titelthema - Glücklich?: Glück verbraucht sich - wissenschaft.de
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Titelthema – Glücklich?: Glück verbraucht sich

Über einen Luxus der Evolution. Interview mit Prof. Alfred Bellebaum, Deutschlands bekanntestem Glücksforscher.

bild der wissenschaft: Herr Prof. Bellebaum, die folgenden drei Definitionen von Glück sind Ihnen vielleicht bekannt. Erstens: Glück ist Leere im Kopf. Zweitens: Glücklich sind die Besitzenden. Drittens: Zum Überleben in der Natur ist die Angst ein notwendiges Gefühl, Glücksempfinden dagegen ist ein Luxus der Evolution. Sie sind der Leiter des Instituts für Glücksforschung. Was hat Glück mit diesen Vorstellungen wirklich zu tun?

Bellebaum: Also, über das Glück als Leere im Kopf würde ich mich wirklich gern einmal mit dem Dalai Lama unterhalten. Aber wenn Sie jetzt erwarten, daß ich diese Definitionen in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang bringen kann, dann muß ich Sie enttäuschen. Glück ist ein Phänomen, das man so nicht fassen kann. Man kann alle drei Definitionen begründen – ob philosophisch-theologisch, ob ökonomisch oder evolutionsbiologisch. Und man kann bei allen dreien Zweifel anmelden. Denn in den für das Glück zuständigen Wissenschaften und innerhalb der zahlreichen Gesellschaften und Kulturen gibt es nun einmal sehr unterschiedliche Ansichten.

bild der wissenschaft: Dennoch gibt es, wenn man größere Volksgruppen befragt, abgrenzbare Unterschiede in den Ansichten über das Glück, etwa zwischen Reichen und Armen, zwischen Deutschen und Dänen, zwischen Christen und Buddhisten.

Bellebaum: Sicher gibt es die, aber Befragungen gehen häufig nur auf Teilaspekte ein, was gelegentlich die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erschwert. Was im Gehirn abläuft, physiologisch, ist sicher bei allen Menschen gleich, wenn sie Glück empfinden. Was diesen Vorgang aber auslöst, das sind hochwirksame gesellschaftlich vermittelte Vorstellungen mit erheblichen zeit- und kulturspezifischen Besonderheiten. Existentiell bedingte euphorische Gefühle mal ausgenommen – etwa der erste Schluck Wasser nach einem Marsch durch die Wüste oder eine heiße Dusche nach einer anstrengenden Wanderung im Hochgebirge.

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bild der wissenschaft: Glück ist eine heiße Dusche?

Bellebaum: Kommt ja vor, warum nicht? Das Beispiel belegt aber, weshalb in vielen wissenschaftlichen Disziplinen das Wort Glück eher zurückhaltend benutzt wird, weil es nämlich sehr vage geworden ist – schon Kant hat auf Glück als einen unbestimmten Begriff hingewiesen. Man spricht deshalb häufig lieber von Wohlbefinden, und zwar auf der kognitiven und der emotionalen Ebene. Im ersten Fall überlegt man bewußt: Das und das wollte ich erreichen, dieses Buch schreiben, mir dieses Auto leisten können. Wenn ich es erreicht habe, kann ich mich zurücklehnen und sagen: Ich habe es geschafft. Dieses kognitive Wohlbefinden wird auch gern Zufriedenheit genannt. Das emotionale Wohlbefinden, das euphorische Gefühl, bei dem der Verstand keine oder nur noch eine geringe Rolle spielt, das wird eher als Glück bezeichnet.

bild der wissenschaft: Dieses Gefühl ist aber selten von Dauer. Hat der amerikanische Verhaltensbiologe David T. Lykken recht, wenn er behauptet, der Körper habe einen angeborenen Glücksregulator?

Bellebaum: Diese Theorie hat viel für sich, das kennen wir alle. Glück verbraucht sich, Glück muß erneuert werden. Nach einer gewissen Zeit euphorischer Gefühle stellt der Körper das Glücksempfinden wieder sozusagen auf Null. Was man hat, macht einen auf Dauer nicht glücklich. Das ist nicht unbedingt eine Frage der Menge. Jemand, der viel hat, braucht nicht auf jeden Fall immer mehr. Manchmal braucht er nur ganz wenig. Es muß aber etwas sein, was er noch nicht hatte oder lange nicht mehr hatte. Ich selbst würde furchtbar gern einmal diesen sündhaft teuren echten Kaviar essen. Ob er mich dann glücklich macht, weiß ich nicht. Jemand, der ihn täglich essen kann, freut sich wahrscheinlich viel mehr über eine Portion Handkäs‘ mit Musik.

bild der wissenschaft: Nach dem, was Sie bisher gesagt haben, ist Glück im wesentlichen eine Frage des Bekommens, der Befriedigung von Bedürfnissen. Das klingt sehr prosaisch.

Bellebaum: Wir müssen unterscheiden zwischen dem sogenannten großen Glück und dem kleinen Glück. Das große Glück ist eher eine Frage der Lebenseinstellung, des Findens von Ausgeglichenheit und Ordnung, des In-sich-Ruhens. Für das Lebensglück der meisten Menschen ist aber eine Folge vieler kleiner Glücksmomente viel entscheidender.

bild der wissenschaft: Aber es ist doch eine Tatsache, daß manche Menschen unter vergleichbaren Umständen glücklicher oder zufriedener sind als andere. Gibt es nicht doch so etwas wie die angeborene Disposition zum Glücklichsein? Verkürzt: Gibt es das Glücks-Gen?

Bellebaum: Nun ja, es gibt wirklich Menschen, die nichts erschüttern kann, die nicht von morgens bis abends das Frohsein bloß spielen. Die sind wirklich echte Frohnaturen. Und es gibt andere, die sind und bleiben miesepetrig und unglücklich, egal was passiert, und befürchten immer das Schlimmste. Deswegen diskutiert man, ob es ererbte Persönlichkeitsmerk-male gibt, die das Glücksempfinden beeinflussen. Eine Disposition, eine Anlage allein aber macht natürlich nicht glücklich. Das ist wie mit einem Magengeschwür: Es kann jemand die Anlage dafür haben, aber wenn er gesund lebt, ist die Chance groß, daß er es nie bekommt.

bild der wissenschaft: Damit kommen wir von den Lebensumständen noch einmal zur Kultur, die ja, wie Sie sagten, wesentlich mitbestimmt, was der einzelne unter Glück versteht. Ich denke da an die vielzitierte Arbeit des Soziologen Ronald Inglehart vom Ende der achtziger Jahre. Inglehart hat Daten über 15 Jahre hinweg zusammengestellt aus Untersuchungen, in denen Menschen befragt wurden, wie zufrieden sie mit ihrem Leben seien. Das Ergebnis war, daß sich über den ganzen Zeitraum zum Beispiel mehr als die Hälfte der Dänen und Niederländer „sehr zufrieden“ fühlten, aber nur 10 bis 20 Prozent der Griechen, Franzosen und Italiener. Eine soeben veröffentlichte Studie der London School of Economics bestätigte diese Zahlen. Wie verträgt sich diese Selbsteinschätzung mit der bei uns weit verbreiteten Ansicht, daß die Südländer doch viel fröhlichere Menschen sind und immerzu lachen und singen?

Bellebaum: Also, zunächst einmal trifft diese Ansicht ja möglicherweise gar nicht zu. Sodann sind solche gesamtgesellschaftlichen Unterschiede nicht leicht zu erklären. Inglehart vermutete als Ursache für die Selbsteinschätzung der Menschen in den befragten Nationen einen „Unterschied in der allgemeinen Weltsicht“. Denn eine andere einfache Erklärung, daß der höhere Lebensstandard im Norden für das bessere Lebensgefühl der Menschen dort verantwortlich sei, stimmt so auch nicht. In der erwähnten Studie rangiert etwa das arme Irland weit oben, Deutschland und Japan liegen dagegen weit darunter.

bild der wissenschaft: Das erinnert an die Befragung amerikanischer Multimillionäre, von denen sich 37 Prozent für unglücklicher hielten als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Bellebaum: Nun ja, alles zu haben bedeutet eben auch, jedes Bedürfnis sofort befriedigen zu können. Das Resultat ist oft Überdruß und Langeweile. Wer sich um seine Existenz nicht sorgen muß, hat eher das Problem, wie er seine Zeit ausfüllt. Das kann sehr aufwendig sein, körperlich und geistig. Manche stürzen sich dann in lebensgefährliche Sportarten, andere werden depressiv.

bild der wissenschaft: Fühlen sich die Deutschen also unglücklich, weil es ihnen zu gut geht?

Bellebaum: Man kann für Deutschland belegen, daß hier trotz allgemein gestiegenen Wohlstands das Glücks- oder Zufriedenheitsniveau heute nicht höher ist als vor 40 Jahren.

bild der wissenschaft: Die deutsche Sprache kann zwischen so ganz verschiedenen Dingen wie „glücklich sein“ und „Glück haben“ nur mit Umschreibungen unterscheiden. Andere Völker haben dafür ganz verschiedene Ausdrücke. Läßt das Rückschlüsse zu auf eine bestimmte Geisteshaltung, auf unsere Einstellung zum Glück?

Bellebaum: Diese Gegenüberstellung hat im Abendland eine lange Tradition. Die Griechen unterscheiden Eudaimonia – glücklich sein, eigentlich: einen guten Dämon haben – und Eutychia – Glück haben. Die Römer machen einen Unterschied zwischen beatitudo und fortuna, die Engländer zwischen happiness und luck, die Franzosen zwischen bonheur und fortune. Ob solche feinen sprachlichen Differenzierungen auch ein ausgeprägteres Gespür dieser Kulturen für so ein komplexes Phänomen wie das Glück anzeigen, das wäre ein eigenes Thema.

Alfred Bellebaum, Professor an den Universitäten Bonn und Koblenz, ist Soziologe. Er gründete 1990 in Vallendar am Rhein das Gemeinnützige Institut für Glücksforschung e.V. Er organisierte bisher acht wissenschaftliche Tagungen zu Themen wie „Glücksvorstellungen in Hochkulturen“ oder „Staat und Glück“. Die Essenz der Symposien ist in mehreren Büchern veröffentlicht (siehe Seite 99).

Jürgen Nakott / Alfred Bellebaum

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