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Titelthema – Glücklich?: Unzufrieden? Sie sollten mehr lesen!

Bücher sind gedruckte Arzneimittel. Lesen macht glücklich, weil es Mühe bereitet, lautet eine These von Verhaltensforschern. Das Ergebnis der Anstrengung ist meditative Konzentration, ein verändertes Zeitgefühl und die Überwindung beengender Ich-Grenzen – der „Flow“.

Die Bettdecke spannt sich zwischen Nacken und Knien und bildet eine Höhle. Die rechte Hand hält eine Taschenlampe. Kein Lichtstrahl darf unter der Zimmertür nach außen dringen. Schon vor Ewigkeiten hat die Mutter dem Jungen befohlen, er solle endlich schlafen. Aber Viertelstunde um Viertelstunde vergeht, während der Daumen der linken Hand Seite für Seite umblättert. Ein Buch entführt den Leser in das ferne „Land der Skipetaren“, läßt ihn durch endlose Wüsten reiten, gemeinsam mit Kara Ben Nemsi und dem treuen Begleiter Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd Al Gossarah. An ihrer Seite reitet er im Geiste mit, fängt üble Schurken und erlebt tausend fesselnde Abenteuer.

Wer aus der heutigen Elterngeneration erinnert sich nicht gerne an die Jugendzeit, als Karl May, Michael Ende und Astrid Lindgren die Tür öffneten in ferne Welten, als Lesen gleichbedeutend war mit Abheben, Entschweben, Versinken oder mindestens Verreisen? Wer erinnert sich nicht daran, wie glücklich er damals war? Wer bedauert nicht hin und wieder die heutige Jugend, die scheinbar – Knopf im Ohr und Bildschirm vor der Nase – dieses Glück nicht mehr kennt? Wer bedauert nicht manchmal sich selbst, daß er für dieses Glück keine Zeit mehr hat? Umfragen des Allensbacher Instituts für Demoskopie zufolge nimmt nur ein Drittel der Deutschen mehrmals pro Woche ein Buch zur Hand. Ist die Mehrheit der Nicht- oder Gelegenheitsleser also unglücklich?

Dieser Frage ging 1996 ein Häuflein Experten unterschiedlichster Fachrichtungen bei einer Veranstaltung des einzigartigen Instituts für Glücksforschung in Vallendar und des Verbands der Verlage und Buchhandlungen in Nordrhein-Westfalen nach. Sie versuchten, ein rätselhaftes, schwer faßbares und vielen Menschen dennoch sehr vertrautes Phänomen interdisziplinär einzukreisen: das Leseglück. Wer empfindet es, wie entsteht es, warum ist es bei Kindern besonders ausgeprägt und wie kann man es ins Erwachsenenalter hinüberretten, fragten sie.

Der Glücksforscher Prof. Alfred Bellebaum und der ehemalige Verlagsdirektor und jetzige Dozent für Buchmarktforschung Ludwig Muth faßten die Beiträge zu einem Tagungsband zusammen. Die Lektüre von „Leseglück, eine vergessene Erfahrung?“ ist hochinteressant, vermittelt selbst aber selten Glücksgefühle. Außerdem muß man sich ständig klarmachen, daß hier nur sogenannte Büchermenschen zu Wort kommen. Die glauben schon aus Selbsterhaltung an die Existenz der Lesefreude und die Bedeutung regelmäßiger Lektüre.

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Lesen sei „ein kultureller Hochleistungsakt“, heißt es da, doch die Mühen des Schmökerns würden belohnt. Die Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann erklärt fast poetisch: „Die unscheinbaren schwarzen Buchstaben auf weißem Grund haben etwas, was man ihnen nicht unmittelbar ansieht, die magische Kraft eines fliegenden Teppichs, der den Leser und die Leserin in ein anderes Reich entführt.“

Wie aber – angenommen, die Experten haben recht – gelingt es den gerade 26 Zeichen des Alphabets, so in das komplexe, Milliarden Nervenzellen umfassende menschliche Gehirn einzugreifen, daß es Glück empfindet? Regen wohlsortierte Buchstaben unser körpereigenes Belohnungssystem im Mittelhirn zur Ausschüttung des Glücksboten Dopamin an? Verleitet die Lektüre schöner Sätze – ähnlich wie der Genuß von Ecstasy und Schokolade – spezielle Nerven dazu, unser Gehirn mit dem Hormon Serotonin zu überschwemmen, was Hochgefühle auslösen soll (siehe Beitrag „Glück ist, wenn die Chemie stimmt“)?

Gerade weil es schwer ist, sich aus wenigen abstrakten Symbolen ganze Welten zusammenzusetzen, macht Lesen Spaß, glauben die Experten. „Nur auf Umwegen erreicht man das Glück“, predigte schon Anfang der neunziger Jahre der prominente Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi, Psychologe an der Universität Chicago. Er suchte nach gemeinsamen Verhaltensmustern zufriedener Menschen und entwikkelte die Flow-Theorie: Wenn Menschen konzentriert auf ein Ziel hinarbeiten, ständig Rückmeldungen über ihr Fortkommen erhalten und sich selbst vergessen, empfinden sie irgendwann den sogenannten Flow, ein glücksbringendes Gefühl.

Elisabeth Noelle-Neumann, Leiterin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, sieht im Flow den Schlüssel für das Leseglück: „Das Lesen von Büchern ist anstrengender als andere Formen der Unterhaltung, insbesondere das Fernsehen“, referierte sie bei der Tagung. „Aber mit der Anstrengung entwickeln sich die Kräfte, und darauf scheint es nun für ein in der Grundstimmung glückliches Leben vor allem anzukommen.“ Seit Jahrzehnten will die Meinungsforscherin herausfinden, was Menschen glücklich macht. Eine ihrer Umfragen legte 1995 die Vermutung nahe, daß Lesen dazugehört. „Regelmäßige Bücherleser erleben häufiger Flow“, faßte sie ihr Resultat zusammen. Das so erzeugte Gefühl sei zudem von anderen Faktoren wie Bildung und Einkommen weitgehend unabhängig. Aber natürlich lassen sich die Allensbacher Daten auch andersherum interpretieren: Vielleicht haben gerade Menschen, die häufig Flow empfinden, öfter die Ruhe, ein Buch zur Hand zu nehmen.

Trotz solcher Kritik passen Noelle-Neumanns Thesen und Csikszentmihalyis Theorie gut zusammen. Buchmarktforscher Ludwig Muth zeigte die Parallelen zwischen Flow-Theorie und Leseerfahrung – und definierte gleichzeitig die Grund-voraussetzungen für Leseglück: So wie Flow eine schwierige Aufgabe voraussetze, „der man gewachsen ist – und an der man wächst“, erfordere Lesen eine „dynamische Balance zwischen Lese-Anstrengung und Lese-Fähigkeit“.

Auch andere Aspekte der Flow-Theorie, etwa die volle Konzentration auf eine Aufgabe, ein verändertes Zeitgefühl oder das Gefühl, sich über das eigene Ich zu erheben, lassen sich laut Muth problemlos auf das Lesen übertragen. Kurt Tucholsky jedenfalls empfand beim Lesen Flow: „Herz und Lungen arbeiten, der Körper verrichtet gleichmäßig seine innere Fabrikarbeit – Du fühlst ihn nicht. Du hörst nichts, Du siehst nichts, Du liest.“

Aber Vorsicht, warnt die Literaturwissenschaftlerin Assmann, Lesen als selbstvergessene Erfahrung könne auch zu „Aussteigen und Eskapismus“ führen, weshalb „Leseglück leicht umschlagen kann in Lebensunglück“. Assmann definiert ein zweites, ganz praktisches Leseglück: Nur dank Bücher könnten viele Menschen die Welt kennenlernen, Erfahrungen machen, die ihnen sonst verwehrt blieben. Somit sei Leseglück oft geradezu „ein Einsteigen in soziokulturelle Zusammenhänge“.

Doch Einsteigen hin, Aussteigen her: Wenn das Lesen wirklich eine so schöne Erfahrung ist, warum tun es so wenige, und – wenn man den Umfragen glauben will – immer weniger? Auch darauf wissen die Experten eine Antwort: Konzentriertes Schmökern erfordert ständiges Training. Nur wer im Flow-Kanal schwimmt, also eine fordernde, aber nicht überfordernde Lektüre liest, macht die glücksbringende Erfahrung. Als Kinder stiegen früher viele völlig unbefangen mit „Hanni und Nanni“, den „Fünf Freunden“ oder den „Drei Fragezeichen“ in den Kanal ein. Der schwemmte sie früher oder später zu Grass und Eco. Die neue Erwachsenengeneration aber hat den Kanal irgendwo auf dem Weg zur Erwachsenenlektüre verlassen, macht jetzt lieber den Fernseher an und schaut „Kommissar Rex“, „Boulevard Bio“ oder „Wetten, daß…“.

Dennoch scheint die These nicht zu stimmen, daß die elektronischen Medien das Buch verdrängen. Jede Buchmesse ist größer als die vorherige, viele Buchläden expandieren. Zwar veröffentlichte unlängst das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, daß westdeutsche Jugendliche 1995 weniger als halb so viel lasen wie 1980, statt 56 nur noch 24 Minuten pro Tag. Was es unterschlug: Schon seit 1985 bleiben die Lesezeiten konstant – obwohl TV, Funk und Computerspiel-Industrie explodierten.

Die zweite Modethese ist, daß ein endlos spröder Deutschunterricht früheren Bücherwürmern das Lesen verleide. Doch auch das kann so nicht stimmen. Sicher sind Deutschstunden oft staubtrocken. Wer sich aber während der Schulzeit nicht nur durch Pflichtschwarten quält, die der Lehrplan verlangt, sondern sich auch seine Lektüre selbst sucht, der behält seine Lesefreude bei. Das schließt Werner Graf, Germanist und Literaturdidaktiker an der Universität Paderborn, aus Biographien bekennender Schmökerer.

Dennoch: Es gehört zum Älterwerden meist dazu, an Bücher mit weniger Emotionen heranzugehen. Als Erwachsener muß man sich sein Leseglück ungleich härter erkämpfen, sich mit Büchern gezielter und bewußter auseinandersetzen. Viele Menschen sind irgendwann nicht mehr bereit, die Zeit dafür bereitzustellen.

Daß Erwachsene weniger lesen als Jugendliche, ist also nichts Neues. Bedenklich ist dagegen, daß immer weniger Kinder überhaupt zum Buch finden. Graf betont, wie wichtig es für künftiges Leseglück ist, „Rahmenbedingungen wie die Versorgung mit Lesestoff sicherzustellen, Erwartungen zu wecken und beginnende Aktivitäten zu unterstützen“.

Gefordert sind die Eltern. Statt den Wünschen ihrer Kinder nach Videospielen und einem Fernsehgerät nachzugeben und den Nachwuchs ständig zwischen Klavierunterricht, Bastelgruppe, Fußballtraining und Nachhilfestunden hin- und herzufahren, sollten sie ihm Freizeit gönnen, altersgerechte Bücher herumliegen lassen, beispielgebend die Fern-bedienung weglegen – und selbst mehr lesen. Dann bräuch-te wohl auch keine Expertentagung das fragile Leseglück unter warmen Bettdecken hervorzerren in den kalten Raum der Wissenschaft. Oder ist das nur die Idealvorstellung eines lebensfernen Germanisten?

Peter Spork

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