Titelthema - Leben 21: Bildung wird das Arzneimittel der Zukunft - wissenschaft.de
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Titelthema – Leben 21: Bildung wird das Arzneimittel der Zukunft

Er propagiert eine Revolution im ärztlichen Verständnis der Heilkunst: Dr. Ellis Huber, zwölf Jahre lang Präsident der Berliner Ärztekammer, verlor Ende Januar 1999 wegen unkonformer Äußerungen die Mehrheit im Berliner Ärzteparlament

bild der wissenschaft: Kranke wird es auch in Zukunft geben – und somit Ärzte. Was sehen Sie als erfreulichste Vision auf Arzt und Patient zukommen und was als schlimmste?

Huber: Meine positivste Vision sieht so aus: Beim Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft wird eine neue Medizin- und Heilkultur geboren. Sie fragt nicht mehr nur: „Was macht den Menschen krank?“, sondern: „Was fördert seine Gesundheit?“

Die moderne Wissenschaft, beispielsweise die Psychoneuro-Immunologie, entwickelt gegenwärtig sozusagen eine Relativitätstheorie der Medizin, die ärztliches Denken und Handeln ähnlich grundlegend revolutionieren wird wie Albert Einsteins Relativitätstheorie die Physik. bild der wissenschaft: Klingt bombastisch – was ist der inhaltliche Kern dieser Revolution?

Huber: Bildung wird zum Arzneimittel der Zukunft. Wir wissen heute, daß Körper, Seele und Geist von Menschen in einem kommunikativen Gewebe miteinander verknüpft sind. Gene und Lebenskultur stehen miteinander in Wechselwirkung. Dieses Gewebe aus Beziehungen und Interaktionen kann intakt oder aber gestört sein – im letzteren Fall stellt sich das ein, was wir als Krankheit beschreiben. Vor diesem Hintergrund muß die künftige Medizin den Menschen selbst wieder ins Zentrum stellen – eine Humanwissenschaft im klassischen Sinn werden. Der Arzt kann auch durch das Vermitteln geistiger Einstellungen in seinem Patienten heilsame Entwicklungsprozesse anstoßen. Das ist die wünschenswerte Zukunft der Heilkunst: eine neue Beziehungsmedizin.

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bild der wissenschaft: Und Ihre negativste Vision?

Huber: Das wäre eine herrschende Kaste von Medizinern, die Menschen als Objekte ihrer technischen Fertigkeiten sieht. Mit den Methoden der modernen Biotechnologie könnte eine kleine Berufsgruppe sich daranmachen, den Menschen nach dem Bedarf der Mächtigen im Staat zu bilden. „Erwünschte“ würden dann durch vorgeburtliche Analyse von den Unerwünschten selektioniert. Ein solches Szenario wäre allerdings ein Horror, der sich selbst richtet. Wir wissen aus der Geschichte der Menschheit, daß nur eine sanfte und dienende Kultur dauerhaft ist, keine tyrannisch herrschende.

bild der wissenschaft: Welcher Wandel im Menschenbild ist mit Ihrer positiven Vision verbunden?

Huber: Das Industriezeitalter hat den Menschen als Körpermaschine aufgefaßt, die man hin und wieder warten oder reparieren muß. Der Mensch ist aber sehr viel vielfältiger und komplexer: ein sich selbst ständig neu schaffender, veränderlicher Organismus, der von seiner Psyche beeinflußt wird. Es ist ein Faktum, daß geistige Kräfte im Patienten den Heilungsprozeß beschleunigen können. Die Bevölkerung weiß das längst. Als beispielsweise Altbundestrainer Sepp Herberger sagte, ein Fußballspiel werde im Kopf entschieden, hat ihn keiner als Spinner beschimpft. Was im Hochleistungssport funktioniert – nämlich durch mentale Einstellung ungeahnte Reserven im Körper zu mobilisieren -, funktioniert auch in der Heilkunst.

bild der wissenschaft: Zum Heilen gehört auch das kostenintensive Pflegen von chronisch Kranken und Alten. Verdrängen künftig Pflegeroboter den menschlichen Betreuer?

Huber: Ich bin ein Freund modernster Technik, denn durch sie kann man Handicaps auf der körperlichen, seelischen und sozialen Ebene für den Menschen erträglicher machen. Aber die Technik ersetzt nie die menschliche Bindung und Beziehung. Die helfende und heilende Kultur ist immer mehr als die Summe der Gerätschaften. Die Zukunft gehört menschlichem Personal und menschlicher Dienstleistung. Ich glaube, es wird eine Renaissance der pflegenden und heilenden Hände geben, die zu Hause den Kranken betreuen – durchaus unterstützt von intelligenten technischen Hilfen.

bild der wissenschaft: Braucht der Arzt künftig die technische Hilfe von Datenbanken, damit er seine Patienten nach dem aktuellen Wissensstand therapieren kann?

Huber: Die Informationstechnologie macht Wissen weltweit und rasch verfügbar. Das schafft neue Chancen für Arzt und Patient. Aber: Wissen allein heilt nicht. Heilsam sind nur die sich daraus ergebenden Entwicklungsprozesse, die der Patient zusammen mit dem Heilkundigen eingeht. Ich glaube, daß auch ein weltumspannendes Internet samt noch so vielen Datenbanken den großen menschlichen Stellenwert der emotionalen und geistigen Welt nicht ersetzen wird. bild der wissenschaft: Was erwarten Sie vom Wissenszuwachs aus künftig frei verkäuflichen Gentests, die ererbte Krankheitsrisiken anzeigen?

Huber: Wenig Gutes. Das führt in der Gesellschaft zu einer rivalisierenden Stimmung, wo jeder den anderen darin zu übertrumpfen versucht, der genetisch Bessere zu sein. Und was lebensverkürzende erbliche Belastungen betrifft: Was hat der Mensch davon, wenn er weiß, daß ihm ein früher Tod droht? Es spricht vieles dafür, daß der Zeitpunkt des Sterbens für den einzelnen genetisch fixiert ist und alle medizinischen Künste daran wenig ändern. Die Natur läßt sich nicht auf Dauer überlisten.

bild der wissenschaft: Zieht man unter alle kommenden neuen Methoden, Geräte und Pharmaka einen Strich – wieviel zählt demgegenüber der Zuwendung erteilende Arzt als moderner „Schamane“?

Huber: Der Schamane, der Computertomographen als rituelle Utensilien nutzt, um Heilkunst zu betreiben, setzt die verfügbaren Ressourcen nicht sinnvoll ein. Da ist mir ein singender Schamane mit einem blauen Lichtlein lieber – das ist für die Gesellschaft effizienter und preiswerter. Die Zukunft der Medizin gehört einer neuen Rationalität, die Gefühl und Verstand als gleichberechtigte Partner der Lebens- und Weltgestaltung versteht. Der künftige Arzt wird Mitmensch sein, mit besonderer Ausbildung und Erfahrung im Wegweisen… bild der wissenschaft: … ein medizinisch gebildeter Sozialarbeiter?

Huber: Ich sehe den Arzt von morgen als Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft, das den sozialen Ausgleich fördert. Und er wird weder egoistische Verrücktheiten noch den gesellschaftlichen Kapitalvermehrungswahn begünstigen dürfen. In allen Industriegesellschaften herrscht heute ein Kampf zwischen Werte- und Geldorientierung. Ich hoffe, die Heilkultur der Zukunft entscheidet sich für die Werte und gegen das Geld. Für mich ist das Gesundheitswesen ein Teil der sozialen Kultur – und nicht der kapitalistischen Wirtschaft.

Thorwald Ewe / Elis Huber

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