Titelthema - Leben 21: Denn sie wissen nicht, was sie tun - wissenschaft.de
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Titelthema – Leben 21: Denn sie wissen nicht, was sie tun

Ziel fürs nächste Jahrhundert: besser informierte Ärzte. Zu viele Weißbekittelte verschreiben oder unterlassen etwas, ohne auf dem neuesten Stand zu sein. Dieser Vorwurf kommt nicht etwa von Patienten – so urteilen Mediziner über Mediziner.

Die Medizin des nächsten Jahrtausends soll – so fordern es die Vertreter einer wachsenden Gruppe von Ärzten – „gewissenhaften, offenen und verständnisvollen Gebrauch machen vom aktuell besten gesicherten Wissen“. So übersetzen sie den in Mode gekommenen Begriff „evidence-based medicine“. Das heißt: Der Arzt kombiniert seine Berufserfahrung mit den Erkenntnissen der neuesten medizinischen Studien, um die bestmögliche Behandlung für seinen Patienten zu finden.

Ja, ist das denn nicht der selbstverständliche Anspruch jedes Kranken? fragt sich der verblüffte Laie. Schon – aber das Bild, das die Medien mit ihren täglichen Schlagzeilen über die Erfolge der medizinischen Forschung und der High-Tech-Medizin vermitteln, trügt. Was die Wissenschaft weiß, ist noch lange nicht ärztliche Praxis. Bei einem vom Arzneimittelhersteller Glaxo Wellcome organisierten Forschungsgespräch und einem halben Dutzend weiterer Experten-Kongresse im vergangenen Jahr wurde die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit deutlich: „Nur 15 bis 20 Prozent aller ärztlichen Eingriffe sind durch wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse und haltbare klinische Studien gesichert“, sagt Prof. Hans-Konrad Selbmann. Er ist Biometriker in Tübingen. „Obwohl man weiß, wie Krankheiten der Herzkranzgefäße behandelt werden müssen, können wir froh sein, wenn wenigstens jeder zweite Patient richtig behandelt wird.“ So urteilt Prof. Helmut Roskamm vom Herzzentrum Bad Krozingen. „Bei der Diabetes-Behandlung werden jedes Jahr dreistellige Millionenbeträge ausgegeben für Substanzen, deren Wirk-samkeit nicht belegt ist“, beklagt Prof. Heiner Raspe, Sozialmediziner in Lübeck. „Die Frage, wie man Bluthochdruck behandelt, ist mehr davon abhängig, wann der Arzt sein Examen gemacht hat, als vom Krankheitsbild selbst“, bezeugt Prof. David Sacket, Epidemiologe in Oxford. „Das Verschreibungsverhalten der Ärzte hängt weniger von den Erkenntnissen großer klinischer Studien ab als von poli-tischen und berufspolitischen Erwägungen.“ Dies erbrachte eine Untersuchung der Pharmafirma Bristol-Myers Squibb.

Aus solchen Zitaten ist vor allem zweierlei herauszulesen. Erstens: Wie ein Patient behandelt wird, richtet sich oft weniger danach, wie man ihn möglichst effizient heilt, als nach dem Bestreben, in Abhängigkeit vom geltenden Gesundheitssystem möglichst wirtschaftlich zu arbeiten. Zweitens: Der Arzt weiß oft nicht, welche Therapie dem neuesten Stand des Wissens entspricht.

Die Folge: Mal wird hemmungslos überversorgt, mal fahrlässig unterversorgt – aus fehlendem Wissen oder Bequemlichkeit. Einerseits werden laut Arzneiverordnungs-Report – herausgegeben von Prof. Ulrich Schwabe an der Universität Heidelberg – in Deutschland jährlich mehr als sieben Milliarden Mark für Medikamente ausgegeben, deren Wirkung nicht belegt ist. Andererseits entstehen allein durch falsche oder unterlassene Schulung von Diabetikern jährliche Folgekosten von 300 Millionen Mark.

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Der „evidenz-basierte“ Mediziner dagegen, so das neue alte Ideal, sucht nach dem für jeden einzelnen Patienten aktuellen Wissensstand. Dabei hilft dem Arzt künftig ein neues Informationssystem im Internet (http://www.cochrane.de): das Cochrane-Register, dessen deutsches Zentrum in Freiburg eingerichtet wurde. Es soll den Wissenstransfer in die Praxis beschleunigen. Denn es ist unübersehbar: Ein fortbildungswilliger Arzt müßte heute – je nach Fachgebiet – täglich bis zu vier Stunden lesen, um alle Forschungsarbeiten seiner Disziplin auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Jetzt ist Abhilfe in Sicht: Weltweit arbeiten 3000 Ärzte daran, die Ergebnisse sämtlicher relevanten und kontrollierten klinischen Studien in dieser Internet-Bibliothek zusammenzufassen. Bisher brauchen neue wissenschaftliche Erkenntnisse oft bis zu zehn Jahren, um aus den Labors der Forscher in die Behandlungszimmer zu sickern – dann sind sie unter Umständen Schnee von gestern. „Alle fünf Jahre ist die Hälfte des medizinischen Wissens überholt“, sagt der Freiburger Medizininformatiker Dr. Gerd Antes. Das Cochrane-Register macht aktuelles Wissen sofort für den Arzt zugänglich.

Aber evidenz-basierte Medizin geht darüber hinaus. Die Ärzte, die sich unter diesem Schlagwort sammeln, halten auch die Frage für wichtig: Wird das Leben des Kranken durch eine mögliche Behandlung tatsächlich verbessert oder verlängert? Eine ehrliche Antwort darauf könnte manche teure Behandlung künftig überflüssig machen, von der viele profitieren – nur nicht der Patient. Das meint jedenfalls Gerd Raspe.

Andererseits, plädiert der Sozialmediziner, dürfte man sich genausowenig von den Kostendrückern des Gesundheitssystems instrumentalisieren lassen: „Wenn der Arzt das beste ihm zur Verfügung stehende Wissen nur im Sinne des Kranken einsetzt, kann das sicher Kosten sparen. Im Einzelfall kann es genausogut viel teurer werden.“

Jürgen Nakott

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