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Titelthema – Leben 21: Diagnose per Automat

Test-Kits und Analyse-Roboter verkünden Befunde im trauten Heim. Schon heute gibt es medizinische Diagnoshilfen für jedermann. Werden im nächsten Jahrhundert die Arztpraxen verwaisen?

Lisa ist aufgeregt. Hand in Hand mit Leon betritt sie die Apotheke. „Wir hätten gerne eine große USEU“, sagt sie zum Pharmazeuten. Der nickt: „Kein Problem, die Box für die Ultraschall-Embryonal-Untersuchung ist gerade frei geworden.“

Das Paar verschwindet hinter dem Vorhang in der Ecke. Wenig später kommen die beiden freudestrahlend zurück. Lisa streichelt sich zärtlich über den Bauch. „Es wird ein Mädchen“, sagt sie.

Noch ist dieses Szenario Utopie. Doch die Diagnostik macht derzeit solche Fortschritte, daß selbst das Babyfernsehen in der Apotheke nicht weit hergeholt ist. Der Gynäkologe Harm-Gerd Blaas von der Universitätsklinik Trondheim testete vor kurzem einen Apparat für dreidimensionale Ultraschallbilder, der mehrere Aufnahmen eines Embryos automatisch zu einem räumlichen Bild zusammensetzt.

Bernhard Kleffner vom Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik in St. Ingbert geht noch weiter: „Bei uns werden Verfahren für dreidimensionale Aufnahmen in Echtzeit entwickelt. Sie ermöglichen eine deutliche Steigerung der Bildqualität.“ Davon können beileibe nicht nur Schwangere profitieren. „Für Querschnittsgelähmte gibt es bereits Ultraschallgeräte zum Selbstgebrauch, die beim Wasserlassen helfen“, erläutert Kleffner.

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Die Kranken können damit sehen, wie voll ihre Blase ist. Diagnose-Apparate rücken immer näher an den Patienten heran. Durch Miniaturisierung, Biosensorik und neue Diagnose-Methoden werden sie kleiner, einfacher und besser. Schon heute stellen sich viele Nicht-Mediziner ihre Befunde in den eigenen vier Wänden: Herzklappen-Patienten bestimmen den Gerinnungsstatus ihres Blutes selbst, jeder kann seinen Blutdruck mit handlichen Meßgeräten daheim ermitteln, und in der Apotheke um die Ecke kann man bei Bedarf Cholesterin- und Schwangerschaftstests kaufen.

Der Diagnose-Computer „Persona“ hilft seit eineinhalb Jahren sogar bei der Verhütung: Das schicke Apparätchen für die Handtasche mit Display, Leuchtdioden und Leseschlitz für Urinteststäbchen ermittelt den Monatszyklus der Frau. Leuchtet ein grünes Licht, sind Verhütungsmittel überflüssig. Ein rotes Lämpchen warnt vor ungeschütztem Sex.

„Heimdiagnose ist auf dem Vormarsch“, urteilt Hendrik Helms von Cambridge Consultants, einer Ideenschmiede für neue Medizintechnik, die auch „Persona“ entwickelt hat. „Allein bei Blutzuckertests dürfte sich das Volumen des deutschen Markts von 350 Millionen Mark im Jahr 1994 inzwischen mehr als verdoppelt haben“, führt Helms aus.

Kein Wunder, daß Forscher gerade die lukrative Blutzukkerbestimmung verbessern wol-len. Noch opfern Diabetes-Patienten, die ihren Blutzuckerstatus überwachen müssen, mehrmals täglich einen Blutstropfen. Das wird sich bald ändern: „Wir werden eine Meßsonde auf den Markt bringen, die unter der Haut liegt und kontinuierlich den Blutzukkerspiegel bestimmt“, verspricht Gerd Grenner, Cheftechnologe bei Roche-Diagnostics. Langfristig kann er sich vorstellen, die Blutzuckersonde mit einer Insulinpumpe zu verbinden und so eine künstliche Bauchspeicheldrüse zu schaffen. „Diagnose und Therapie werden insgesamt immer stärker kombiniert“, sagt Grenner. Je besser die Überwachung, desto perfekter könne man die Medikation an die individuelle Reaktion jedes Patienten anpassen.

Schon bald könnte zum Medikament gleich das passende Diagnostikum mitgeliefert werden: Beim neuen Roche-Grippemittel GS4104 zum Beispiel soll der erkältete Patient per Teststreifen ermitteln können, ob er tatsächlich von einem Grippevirus infiziert ist – denn nur dann lohnt sich der Pilleneinsatz. Und Menschen, die medikamentös einer drohenden Entkalkung ihrer Knochen (Osteoporose) vorbeugen müssen, könnten die Stärkung ihres Knochengerüsts künftig per Test-Kit überwachen.

Da läßt sich mit etwas Phantasie auch der Allround-Apparat vorstellen, der – mit Speichel oder Blut gefüttert – die Auskunft erteilt: „Sie haben eine Schleimbeutelentzündung im linken Knie und eine Staphylokokken-Infektion in der rechten Ohrspeicheldrüse. Angesichts Ihrer Gewebskenndaten und Ihres Immunstatus stehen diese Medikamente zur Wahl: …“. Doch Geduld: „In den nächsten 20 Jahren gibt es so etwas sicher nicht“, urteilt Gerd Grenner. „Dazu müßte man ein großes Labor mit Hunderten verschiedener Testreagenzien in eine kleine Kiste sperren.“

Allgemeinere Diagnosen per Maschine könnten jedoch bereits in etwa fünf Jahren möglich sein. So werden derzeit in den USA Geräte getestet, die Blut optisch auswerten. Sie sollen grob-qualitativ abschätzen, ob der Verdacht besteht, daß jemand beispielsweise an Rheuma oder Herzschwäche leidet. Den Arzt ersetzen solche Apparate indes nicht. Intuition und Erfahrung sind laut Lehrbuch bei vier Fünfteln aller Diagnosen ausschlaggebend. Eine Studie der Universitätsklinik Kiel ergab 1996, daß dort der Anteil an Fehldiagnosen trotz neuer apparativer Techniken während der letzten 30 Jahre gleich geblieben ist. „In der Mehrzahl aller Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen ist eine exakte Diagnose gar nicht möglich“, urteilt der Arzt und Publizist Till Bastian.

Zweimal Selbstdiagnose für zu Hause: „Persona“ (ganz oben) signalisiert die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage der Frau, „Refloflux S“ (darunter) mißt den Blutzuckerspiegel.

Letztlich kann der Fortschritt sogar nach hinten losgehen: Mit jedem neuen Diagnosegerät steigt auch das Risiko, „Befundkranke“ herbeizumessen – gesunde Patienten, deren Werte lediglich ein wenig neben der Lehrbuchnorm liegen.

Peter Spork

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