Titelthema - Mörderische Forschung: Die richtige Portion Angst - wissenschaft.de
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Titelthema – Mörderische Forschung: Die richtige Portion Angst

Neugier, Ehrgeiz, Kontroll-Erlebnisse. Ein erfahrener Motivationspsychologe analysiert, warum manche im Labor Leib und Leben riskieren – und warum eine Kelle voll Angst heilsam ist.

bild der wissenschaft: Wie müßte man es anstellen, um Sie zur Teilnahme an einer lebensgefährlichen Forschungsaufgabe zu bewegen?

Trudewind: Voraussetzung wäre, daß das Forschungsthema in meinen bisherigen Lebensplan und zu meinen Erwartungen für die Zukunft paßt. Risikoreiche Unternehmungen müßten bei mir in Sinnzusammenhänge meines gegenwärtigen Lebens eingebettet sein. Und ich müßte von der Chance gelockt werden, auf neue Erkenntnisse zu stoßen, die auf andere Art niemals zu gewinnen wären.

bild der wissenschaft: Ist es eine grundlegende menschliche Eigenschaft, für die Chance auf neue Erkenntnis durchaus auch Kopf und Kragen zu riskieren – ein angeborenes „faustisches Streben“?

Trudewind: Wissensdurst ist ein Stück weit unser biologisches Erbe. Im Lauf der Evolution wurde unsere Spezies mit einem psychischen System ausgestattet, das zum Gewinnen von Informationen über Ereignisse und Objekte in unserer Umgebung anregt. Ohne dieses Motivationssystem – schlicht: die Neugier – hätte die Menschwerdung überhaupt nicht stattgefunden. Diese angeborene Disposition zur Informationsgewinnung läßt sich bereits bei Babys beobachten. Schon sechs Monate alte Säuglinge greifen nach Gegenständen in ihrem Blickfeld und versuchen, etwas damit anzufangen. Spätestens im Alter von 18 Monaten beginnen Kinder, mit den Dingen, die sie umgeben, regelrecht zu experimentieren. Dieses biologische Erbe unterliegt allerdings tiefgreifenden kulturspezifischen und sozialisationsbedingten Abwandlungen. Der Mensch erfährt beispielsweise während seiner Erziehung, wie „man“ sich verhalten sollte und wie nicht. Welches Ausmaß an Wissensdrang sich schließlich wo entfaltet – also beispielsweise in einer überdurchschnittlichen Bereitschaft zu besonders riskanten Forschungsaufgaben -, hängt von zweierlei ab: erstens von den Lebenserfahrungen des einzelnen und zweitens vom Anreiz, der vom Erkenntnisgewinn ausgeht.

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bild der wissenschaft: Was für ein Anreiz kann das sein?

Trudewind: Häufig ist Leistungsmotivation im Spiel. Wer sich – aufgrund seiner persönlichen Entwicklung – leistungsmotiviert verhält, sucht vor allem nach Aufgaben, bei denen es um Erfolg oder Scheitern geht. Er sucht immer wieder das Gefühl von Freude und Stolz, das mit Erfolg verbunden ist. Das Ganze ergibt eine „emotionale Schleife“: Erfolg zu haben, stärkt das Selbst. Ein gestärktes Selbst sucht nach neuen Herausforderungen, um sich erneut zu beweisen. Aber was „Erfolg“ ist, bestimmt der einzelne in weiten Bereichen selbst: Das hängt von seinem Anspruchsniveau ab.

bild der wissenschaft: Und wenn die Erfolge trotz aller Bemühungen ausbleiben?

Trudewind: Wenn einer immer wieder an seinen Vorhaben scheitert, wird er irgendwann zu einer Vermeidungsstrategie übergehen: Herausforderungen aus dem Weg gehen, um weitere Beschämung zu vermeiden. Das alles findet allerdings nicht im luftleeren Raum statt. Menschliches Verhalten ist nicht nur von Motiven und deren unmittelbaren Zielen bestimmt – wir beziehen auch die möglichen Folgen unseres Handelns stark in unser Verhalten ein.

bild der wissenschaft: Was heißt das für die Arbeit eines Forschers?

Trudewind: Für seine Risikobereitschaft bedeutet das: Die Entscheidung für eine gefährliche Aufgabe hängt nicht allein von Neugier und vom Reiz der Herausforderung ab. Mitentscheidend sind die Folgen, die das erhoffte Forschungsergebnis für ihn persönlich hätte.

bild der wissenschaft: Materielle Vorteile?

Trudewind: Da kann Finanzielles im Spiel sein oder das Motiv „sicherer Arbeitsplatz“ oder „gutes Ansehen beim Chef“, aber auch das Ziel, etwas Sinnvolles zu tun – das eigene Forschungsgebiet voranzubringen, zu einem größeren Ganzen beizutragen, bis hin zum Wohle der Menschheit.

bild der wissenschaft: Wie ist Ehrgeiz begründet?

Trudewind: Der Ehrgeiz – im umgangssprachlichen Sinn von „Streben nach Ruhm und Anerkennung“ – macht sich an den Folgen fest. Denn der Ehrgeizige fragt sich vor der Entscheidung für oder gegen eine riskante Aufgabe: „Was kommt dabei für mich heraus?“ Ein leistungsmotivierter Forscher fragt sich statt dessen: „Welches neue, wichtige Ergebnis wäre erreichbar, wenn ich die Herausforderung annähme?“

bild der wissenschaft: Ist dem einzelnen stets klar, aus welchem Motiv er gefährliche Forschung betreibt?

Trudewind: In der Lebensrealität sind die Aspekte nicht immer deutlich zu trennen. Manchem ist nicht so recht klar, ob er auf das erhoffte Ergebnis konzentriert ist oder auf dessen Folgen für ihn persönlich. Er weiß nicht genau, warum er risikoreich arbeitet.

bild der wissenschaft: Es gibt „Adrenalin-Junkies“, die sich beispielsweise durch riskante Fahrmanöver auf der Autobahn ausleben – um ein „Kontrollerlebnis“ zu erhalten. Kann so etwas auch hinter riskantem Verhalten im Labor stecken?

Trudewind: Durchaus möglich. Das Streben nach Kontrolle kann das Gefühl der eigenen Wirksamkeit verstärken – letztlich: der eigenen Macht. Die ungewiß reagierende Umwelt – etwa ein laufendes Experiment – unter Kontrolle zu halten, kann Unsicherheit und Angst ausräumen helfen.

bild der wissenschaft: Wie läuft so etwas psychisch ab?

Trudewind: Je riskanter ein Vorhaben ist, desto mehr besteht die Möglichkeit des Scheiterns – etwas, was dem Menschen unangenehm ist. Die Fähigkeit, das Risiko der drohenden Beschämung auszuhalten, steigt bei kontrollmotivierten Menschen in dem Maße, in dem sie sich davon überzeugen, daß sie „alles im Griff haben“ – eben unter Kontrolle. Innerhalb dieses im Kopf konstruierten Verhaltensmodells ist es nur logisch, daß der Betreffende sich auf immer riskantere Arten neu beweisen muß. Denn nur wenn die Gefahr des Kontrollverlusts groß ist – wenn die Sache auch schiefgehen kann -, winkt eine entsprechend starke Emotion im Erfolgsfall: Befriedigung, Erleichterung, Befreiung von Ängsten. Ein stark leistungsmotivierter Forscher wird sich nicht so schnell auf hoch riskante Aufgaben einlassen – er bezieht seinen Anreiz ja aus dem erhofften Ergebnis. Kontrollmotivation könnte bei ungewöhnlich risikobereiten Forschern die entscheidende Rolle spielen.

bild der wissenschaft: Was kann dem einzelnen helfen, den eigenen psychischen Konstrukten nicht zum Opfer zu fallen?

Trudewind: Was fast allen Menschen tagein, tagaus überleben hilft, ist eine ordentliche Portion Angst. Ohne diesen Verhaltensregulator wäre unser biologisches Erbe, die Neugier, unserer Spezies längst zum Verhängnis geworden. Angst ist der natürliche Gegenspieler – der „Antagonist“ – der Neugier. Angst ist die Mutter der Vorsicht, denn sie führt dazu, sich beispielsweise mehrfach zu vergewissern, daß ein Experiment korrekt vorbereitet ist.

bild der wissenschaft: Heißt das: „Laborleiter, stellt nur noch Ängstliche ein“?

Trudewind: Es kommt auf das richtige Maß an. Einer, der zu wenig Angst hat oder gar den „Kick“ des Kontrollerlebnisses sucht, kann eine Zeitbombe im Labor sein. Genauso aber einer, der zu viel Angst hat: Er ist verkrampft und neigt deshalb dazu, Fehler zu machen. Der mittelmäßig Ängstliche ist ideal für riskante Forschungsaufgaben.

bild der wissenschaft: Kann ein Laborleiter mittelmäßig Ängstliche und Gefährliche beim Kennenlerngespräch identifizieren?

Trudewind: Kaum. Es gibt zwar eine Reihe von Fragebogen-Tests, mit denen man das Angstmotiv messen kann, aber sie tragen alle einen Makel: Sie geben lediglich die Selbsteinschätzung dessen wieder, der sie ausfüllt. Und der kann bewußt täuschen – oder er täuscht sich sogar über sich selbst. Es führt kein Weg daran vorbei: Nur durch Beobachten während der Arbeit kann der Laborleiter neue Teammitglieder richtig einschätzen und herausfinden, wer eventuell gefährdet oder gefährlich ist – übrigens auch bei den „idealen“ Laborarbeitern mit der richtigen Portion Angst.

bild der wissenschaft: Was gefährdet denn die?

Trudewind: Ungeachtet der psychischen Konstellation sind zwei Gruppen von Laborarbeitern grundsätzlich gefährdet. Erstens die unter hohem Zeitdruck – sie leisten sich zu wenig Erholungszeit und riskieren dadurch Fehler, denken auch zuwenig über die eigene Arbeit und deren Risiken nach. Und zweitens solche, die in Forschungsbereichen der öffentlichen Hand arbeiten, wo immer mehr Mittel zusammengestrichen werden. Darunter leidet nämlich unweigerlich die Laborsicherheit.

Dr. Clemens Trudewind ist Lehrstuhlvertreter für Motivations- und Emotionspsychologie an der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum. Der Lehrstuhl wurde von Prof. Heinz Heckhausen gegründet, einem der Väter der Motivationspsychologie. Trudewinds wissenschaftliches Interesse gilt unter anderem Leistungsmotivation, Neugier, Angst und der Wirkung von Aggression in Videospielen.

Thorwald Ewe

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