Trickreich ins Jahr 2000 - wissenschaft.de
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Trickreich ins Jahr 2000

Software-Experten entwickeln hektisch Strategien, um das zur Jahrtausendwnde erwartete Computer-Chaos noch rechtzeitig abzuwenden.

Amerikaner mit Hang zur Paranoia zittern vor dem Sprung ins Jahr 2000. In einer High-Tech-Variante von Endzeitfurcht glauben sie, daß Schlag Mitternacht Computerpannen die Versorgung mit Geld, Strom und Lebensmitteln zusammenbrechen lassen werden.

Karen Anderson, texanische Chefin einer Direktmarketing-Firma, weiß auf ihrer Internet-Seite nicht nur die Antwort auf die Frage, wie Frauen sich auf den Stromausfall vorbereiten können, wenn sie ungern im Dunkeln sitzen. Sie gibt dort Frauen auch den Tip, sich zu bewaffnen, um die Jahrtausendwende zu überleben. Schließlich könnten marodierende Horden auf der Suche nach Eßbarem in die besseren Wohnviertel einfallen. Und in einer Krise sei man „entweder hinter einem Gewehr oder davor“.

Die Panik hat einen realen Kern. Viele der Programme, die im Lauf der Zeit in die Rechner gefüttert wurden, können mit dem Jahr 2000 nichts anfangen, weil sie von Jahreszahlen nur die zwei letzten Ziffern speichern.

Um zu verhindern, daß Flugzeuge fehlgeleitet werden oder die Finanzmärkte aus den Fugen geraten, flicken Programmierer weltweit hektisch ihre Software – nach einer Schätzung der Investmentbank Merrill Lynch könnten die Reparaturaktivitäten bis zu einer Billion Dollar kosten.

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Die naheliegendste Lösung des Problems macht am meisten Arbeit: Sämtliche irgendwo erfaßten Datumsangaben werden mit einer vierstelligen Jahreszahl neu gespeichert. Weil dann aber beispielsweise ein Geburtsdatum mehr Raum braucht, müssen andere Angaben wie der Geburtsort auf neue Speicherplätze geschoben werden.

Um die EDV mit weniger Aufwand an die neuen Zeiten zu gewöhnen, greifen die Software-Spezialisten in die Trickkiste: Auf den vorhandenen sechs Plätzen lassen sich viele Jahrtausende unterbringen. Statt je zwei Plätze für Tag, Monat und Jahr zu vergeben, werden zum Beispiel einfach nur fortlaufend die Tage gezählt – etwa die seit dem 1. Januar 1900.

Diese Lösung funktioniert die nächsten 2600 Jahre. Damit reicht sie bequem für Daten „jenseits von allem, um dessen Aufzeichnung wir uns Sorgen machen müßten“, wie eine Anleitung der Organisation Mitre festhält, die für das amerikanische Verteidigungsministerium arbeitet.

Bei einer Variante dieser Strategie bleiben sogar die Tages- und Monatsangaben erhalten, nur das Jahr wird neu eingegeben – etwa mit einem Zahlensystem, das auf der 36 basiert wie das Dezimalsystem auf der 10. Weil mehr Ziffern zum Einsatz kommen – die jenseits der 9 werden mit Buchstaben dargestellt – lassen sich viele zusätzliche Jahreszahlen in zwei Stellen packen.

Doch auch diese Kniffe ersparen es den EDV-Verantwortlichen nicht, sämtliche Datumsfelder umzustellen. Wer sich diese Mühe schenken will, muß die Programme intelligenter machen. Die Daten können bleiben wie sie sind, wenn im Programm beispielsweise festgelegt wird, daß alle Jahresangaben über 60 ins 20. Jahrhundert gehören, der Rest ins 21. Jahrhundert.

Mit Hilfe dieses sogenannten Logik-Fensters läßt sich der Zeitraum von 1961 bis 2060 abdecken. Die gleitende Variante einer solchen Lösung kann das Zeitfenster sogar jedes Jahr weiterschieben.

Eine elegante Strategie – dumm nur, daß immer mehr Menschen älter als 100 Jahre werden. Soll Erika Mustermann Kindergeld oder Rente bekommen, wenn der Computer im Jahr 2001 feststellt, daß sie im zweistellig notierten Jahr 00 geboren wurde? Nach der Fensterlogik ist sie ein Jahr alt, doch in Wirklichkeit könnte sie auch 101 sein. Versicherungen sollten sich also lieber nicht auf Logik-Fenster verlassen.

Vielen Nutzern wird gar nichts anderes übrigbleiben, als neue Software zu kaufen, die für das nächste Jahrhundert gerüstet ist. Da dürfte so mancher Firmenboß mit den Zähnen knirschen, verdient doch dadurch die EDV-Branche scheinbar an der Lösung von Problemen, die sie selbst verursacht hat.

Doch womöglich war es gar nicht so dumm, Jahreszahlen nur zweistellig zu speichern. Leon Kappelman, Professor für Business Computer Information an der Universität von Nordtexas, rechnet vor: Angesichts der früher extrem hohen Preise für Speicherkapazität wäre es viel teurer gekommen, von Anfang an vierstellige Jahreszahlen zu verwenden, als jetzt alles umzustellen.

Jochen Paulus

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