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TÜBINGEN DARWIN ROCKS!

Ein Musikstück entsteht durch Evolution. Ein Video thematisiert den Kampf um die Liebe. Passende T-Shirts gibt es auch. Der poppigste Beitrag zum Darwin-Jahr kommt aus Tübingen.

Geht es diesem Mann immer nur um Sex? Keineswegs. Die asexuelle Fortpflanzung interessiert ihn ebenso. Ganz besonders aber haben es ihm die Zwitter angetan – dem Zoologen Nico Michiels, Professor für die Evolutionsökologie der Tiere an der Universität Tübingen. Die untersucht der 47-jährige Fortpflanzungs-Experte bereits seit 15 Jahren.

„Zwittertum“, erklärt Michiels, „scheint auf den ersten Blick eine Ideallösung zu sein: die ultimative sexuelle Gleichheit, alles für alle, jeder mit jedem.“ Doch wenn Zwittertum so paradiesisch wäre, warum kommt es dann vorwiegend bei Strudelwürmern, Schnecken, Saugwürmern und Egeln vor – und nur bei ganz wenigen Fischen? Warum geht es bei der Paarung von Zwittern oft so brutal zu – etwa mit Spermien-Injektionen direkt durch die Haut wie bei manchen Plattwürmern? Und warum hat sich das Sex-Modell mit zwei getrennten Geschlechtern in der Evolution auf breiter Front durchgesetzt? Auf solche Fragen sucht und findet Nico Michiels Antworten. Er schöpft sie aus Tierversuchen, aus Tauch-Exkursionen, aus Modellrechnungen im Computer und sogar aus Experimenten mit kleinen Robotern – Robotern, die sich fortpflanzen.

Obwohl es also nicht ständig nur um Sex geht im 5. Stock im Gebäude E auf dem Campus der Tübinger Naturwissenschaftler, ist das Fachgebiet des gebürtigen Belgiers Michiels sexy genug, um Studenten anzulocken. „Bei der Fortpflanzung gibt es alles, was Biologie spannend macht“, sagt Michiels. Kampf, Tauschhandel, Betrug, Verstümmelung und Mord bei der Kopulation – das Tierreich ist voll von krassen Beispielen. Aber auch Zärtlichkeit und Kooperation bei Nestbau und Brutpflege kann man finden. Fortpflanzung ist ein zentraler Schauplatz der Evolution. Denn: „ Ohne Fortpflanzung kein Leben“, bringt es Michiels auf den Punkt. Wenn man Student ist, im fortpflanzungsfähigen Alter, vielleicht sogar gerade auf Partnersuche, dann ist das natürlich ein interessantes Gebiet.

Und dann kommt man auch auf ausgefallene Ideen zum Darwin-Jahr: Ein Musikstück soll entstehen. „Es geht in Richtung Pop“, sagt Gregor Schulte, der Techniker, der zum Kernteam des Tübinger Projekts „Darwin Rocks!“ gehört. Der Popsong wird nicht komponiert, wie es Dieter Bohlen und Kollegen machen – das wäre ja zu einfach. Bei den Evolutionsbiologen soll sich die Musik evolutionär aus einer musikalischen Ursuppe heraus entwickeln. Die im Computer entstehenden Melodienfetzen heißen hier „Tunomes“ , angelehnt an das englische Wort „genome“, das die Summe der Gene eines Organismus beschreibt.

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Rund hundert dieser Tunomes von vier bis acht Takten sollen sich herausbilden. Die wollen die Tübinger auf ihrer Website www.darwinrocks.de ins Netz stellen, wo die Musik sich fortpflanzt und mutiert, also Varianten bildet. Und dann sollen die Nutzer entscheiden, was aus der Ursuppe wächst. „Der Zuhörer stellt die Umwelt dar“, erklärt der Bioinformatik-Student Sebastian Rheinnecker. Der „User“ bewertet die entstandenen Melodien mit „sehr gut“, „gut“, „mittel“ oder „schlecht“ – und sorgt so für eine Vermehrung der schöneren musikalischen Motive in der nächsten Generation.

CASTING FÜR EINE LOVE STORY

Klingt kompliziert? Nun, vermutlich muss man es erst einmal ausprobieren. Den Freunden der evolutionären Popmusik winkt am Ende ein Bonbon: Der evolvierte Song wird mit einem Video angereichert. Es trägt wie das ganze Projekt den Arbeitstitel „ Darwin Rocks!“. Ein Drehbuch gibt es schon, und Schauspieler wurden auch gecastet.

Die Story des Kurzfilms? Nun, alles soll nicht verraten werden. Nur so viel: Es wird eine Liebesgeschichte sein. Die Botschaft ist schlicht, dafür aber wissenschaftlich abgesichert: Die Liebe siegt! „Die natürliche Selektion dreht sich nämlich nicht direkt um den Kampf ums Überleben“, formuliert es das „ Darwin Rocks!“-Team auf seiner Website, „sondern es ist die Fortpflanzung, die Sexualität, kurz: die Liebe, die zählt.“ Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer dass man bei „Darwin Rocks!“ im Jahr 2009 natürlich noch mehr Videos sehen kann über Fortpflanzung und wie sie sich in der Naturgeschichte entwickelt hat. Nicht nur menschliche, auch tierische Akteure führen Lehrreiches vor. Dafür sorgen unter anderem der Zoologie-Doktorand Johannes Faber, der das Projekt koordiniert, und die Doktorandin Suska Sahm, die auch die roten T-Shirts gestaltet hat: Darwin Rocks! Mit Sonnenbrille und Ausrufezeichen. ■

von Judith Rauch

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