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TÜFTLER UND WELTMARKTFÜHRER

In und um Heilbronn blüht der Mittelstand, und auch bekannte Markenfirmen wie Audi produzieren hier. Die Innovationskraft der Region hat Geschichte: Der Naturforscher Robert Mayer (links) und der Autokonstrukteur Wilhelm Maybach gehören zu den großen Söhnen der Stadt.

„Der Heilbronner ist fleiSSig und unternehmend und wagt eher, als dass er die Hände in den Schoß legt.“ So steht es in einer Beschreibung des Oberamts Heilbronn aus dem Jahr 1865. Es muss wohl stimmen, denn diese Eigenschaft zeichnet heute noch die ganze Region Heilbronn-Franken aus. Woher kämen sonst die zahlreichen Innovationen und klugen Köpfe, die kleinen und großen Firmen von Weltruf, frühe Erfindungen wie der Suppenwürfel und aktuelle Verkaufsschlager wie die attraktiven Automobile, die Audi in seinem Werk in Neckarsulm baut?

Es ist eine Region der Marktführer, die da nördlich vor den Toren der Landeshauptstadt Stuttgart liegt. Zwischen Heilbronn und Schwäbisch Hall finden sich Dutzende mittelständische Unternehmen, die mit ihren Produkten nicht nur im globalen Wettbewerb bestehen, sondern ihn maßgeblich mitbestimmen. Es sind vergleichsweise junge Firmen, meist entstanden in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie entwickeln im Metall-, Elektronik- und Chemiebereich Lösungen und pfiffige Nischenprodukte, mit denen sie sich in einer globalisierten Welt behaupten. Ihr Aufstieg erfolgte in aller Stille, nach dem Motto: Mehr sein als scheinen. Als beherzigten alle das Mantra des typischen schwäbischen Unternehmers: „Jedes Mal a bissle besser.“ Und es ist die enorme Vielfalt der Geschäftsfelder, die der Region bislang dabei hilft, die aktuelle Krise vielleicht ohne allzu große Verwerfungen durchzustehen.

AUS TRÜMMERN NEU ERSTANDEN

Dies gilt auch für Heilbronn als Oberzentrum der Region. Dabei trägt die Stadt auch heute noch an einer schweren Bürde. Die Unterländer Metropole verlor ihre schönsten Gebäude nach einem alliierten Bombenangriff im Dezember 1944. Vier Fünftel der Innenstadt wurden damals auf einen Schlag vernichtet, fast 7000 Menschen starben. Die ehemalige Reichsstadt am Neckar bemüht sich dennoch, ihr Image weiter aufzupolieren. Als neues Millionenprojekt soll nach Plänen eines Münchner Architektenbüros ein grüner, urbaner Stadtteil direkt am Neckar entstehen, Teil einer umfassenden Planung für die Bundesgartenschau im Jahr 2019.

Verstärkte Anstrengungen im Bildungs- und Dienstleistungsbereich, der Ausbau der Hochschule und ein von der Dieter-Schwarz-Stiftung finanzierter Bildungscampus sollen weitere Wegmarken in die Zukunft sein. Dieter Schwarz, der mit Lidl und Kaufland einen der größten deutschen Lebensmittelkonzerne aufgebaut und lange Jahre geleitet hat, zählt zu den herausragenden Mäzenen in der Region. Er ist auch der großzügigste Geldgeber der experimenta. Seit 2004 bereits unterstützt seine Stiftung die Akademie für Information und Management gGmbH, die erfolgreich eine Vielzahl innovativer Bildungsprojekte in der Region umsetzt, sowie seit 2005 die German Graduate School of Management & Law (GGS), eine staatlich anerkannte Stiftungshochschule in Heilbronn. Die Stadt hat Schwarz vor zwei Jahren zum Heilbronner Ehrenbürger ernannt.

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DIE experimenta HEBT DAS IMAGE

Die Lernwerkstatt experimenta im Heilbronner Hagenbucher, einem ehemaligen Ölsaatspeicher, liefert der Stadt einen wichtigen Baustein, um sich modern und fortschrittlich zu präsentieren. „Mit ihr wird das Image von Heilbronn entscheidend aufgewertet“, sagt Uwe Ralf Heer, Chefredakteur der „Heilbronner Stimme“, der größten Tageszeitung der Region. Nur dank der tatkräftigen Unterstützung von Sponsoren war das Projekt in dieser Dimension überhaupt umsetzbar. Anders als in Stuttgart, wo man für ein geplantes Science Center händeringend nach Unterstützern aus der Wirtschaft sucht, sorgen in der Region Heilbronn-Franken fast ein Dutzend Unternehmen selbst noch in der Krise dafür, dass diese Idee Wirklichkeit werden kann.

„EIN AUSNAHMEMENSCH“

Die Region hat viele Jahrzehnte von wirtschaftlichen Erfolgen profitiert, deren Grundstein in der Vergangenheit gelegt wurde. Man kann mit großen Namen aufwarten, die von der Grundlagenforschung bis zum Produkt für Endverbraucher Maßstäbe setzten. Beispielsweise Robert Julius Mayer, 1814 in Heilbronn geboren. Sein Name ist eng mit dem Ersten Hauptsatz der Thermodynamik verbunden und findet sich in jedem Physikbuch. Die Stadt Heilbronn ist selbstverständlich stolz auf ihn und hat ihm ein würdiges Denkmal vor dem Rathaus gesetzt. „Mayer war ein Ausnahmemensch, ein ganz außergewöhnlicher Kopf“, sagt Stadtarchivdirektor Christhard Schrenk.

Der Sohn eines Apothekers studierte Medizin. 1840 heuerte er als Schiffsarzt auf einem holländischen Ostindien-Kauffahrtschiff an und unternahm eine Reise von Rotterdam nach Indonesien. Als er zur Behandlung eines kranken Matrosen einen Aderlass durchführte, machte er eine erstaunliche Entdeckung: Das Blut war sehr hell. Denn der Körper benötigt zur Aufrechterhaltung seiner normalen Temperatur in heißen Zonen weniger Sauerstoff. Das Ereignis wurde zum Ausgangspunkt von Mayers allgemeinen Überlegungen über die Wanderbarkeit und Erhaltung verschiedener „Kräfte“ der Natur: Energie kann weder erzeugt noch vernichtet, sondern nur in andere Energieformen umgewandelt werden. Er hatte ein Grundgesetz der Natur gefunden. Doch im Gegensatz zu anderen europäischen Forschern, die gleichzeitig ähnliche Ideen verfolgten – etwa James Prescott Joule in England – musste Mayer lange auf Ruhm und internationale Anerkennung warten. Der Naturforscher starb schließlich 1878 in seiner Heimatstadt als gefeierter Mann.

DAS ZUKUNFTSAUTO VON 1900

Ein anderer Heilbronner, Wilhelm Maybach, legte den Grundstein für den deutschen Automobilbau. Der Sohn eines Schreinermeisters, 1846 in Heilbronn geboren, bildete mit Gottlieb Daimler das erfolgreichste Duo in der Geschichte des Verbrennungsmotors. Maybach, der geniale Konstrukteur, ersann für Daimler unter anderem einen Vergaser, der den gefahrlosen Betrieb mit Benzin ermöglichte. Er baute 1885 das erste Motorrad der Welt, ein Jahr später die erste Motorkutsche und 1889 schließlich das erste Automobil mit einem Viergang-Zahnradgetriebe. Sein Mercedes Simplex, ein Rennwagen mit 35-PS-Zylindermotor, nahm um 1900 bereits das Auto der Zukunft vorweg.

Nach heutigem Verständnis waren auch die ersten Tütensuppen der Firma C.H. Knorr ab 1870 ein echtes Hightech-Produkt, erzeugt in für damalige Verhältnisse hochmodernen Produktionsanlagen. Und sie kamen aus Heilbronn wie die ersten Suppenwürfel und die legendäre Erbswurst, eines der ersten maschinell hergestellten Fertiggerichte. In Heilbronn stand auch 1969 die modernste vollautomatische Suppenfabrik Deutschlands. Aus Knorr wurde über die Jahre Maizena. Heute gehört die Traditionsmarke zum englisch-niederländischen Unilever-Konzern.

Der größte Arbeitgeber der Region beschäftigt in Neckarsulm mehr als 13 000 Mitarbeiter: Die Audi AG baut in ihrem Zweigwerk die Autos mit den vier Ringen und ist zum ernsthaften Herausforderer des Untertürkheimer Konzerns mit dem Stern geworden. Aus den Produktionshallen in Neckarsulm rollen neben den Modellen A4 und A6 auch Sportwagen wie der schnittige R8, von Spezialisten größtenteils handgefertigt, und elegante Limousinen wie der Audi A8. Zur Geschichte der Autostadt Neckarsulm gehören die NSU Motorenwerke, die in den Fünfzigern größter Motorradhersteller der Welt waren und 1969 im Audi-Konzern aufgingen. Berühmt wurden der NSU Wankel Spider (1964), das erste Fahrzeug mit Wankelmotor, und der NSU Ro 80 (1967), eine Limousine der gehobenen Mittelklasse mit richtungweisendem Keilform-Design. Felix Wankel (1902–1988), der den Motor entwickelte, war in seiner Branche ein Außenseiter wie Mayer in der Physik. In der Region erhielt er die Chance, seine Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen. Der Wankelmotor hat nur wenige Teile, ein niedrigeres Gewicht als ein Hubkolbenmotor und braucht nur wenig Platz. Freilich: Sein Kraftstoffverbrauch liegt wesentlich höher als bei einem gewöhnlichen Viertaktmotor.

LEUCHTTÜRME DER INNOVATION

Es gibt nicht wenige Leuchttürme der Innovation, die in der Region herausragen. In der Viereinhalbtausend-Seelen-Gemeinde Abstatt, keine zehn Autominuten von Heilbronn entfernt, hat Bosch vor fünf Jahren ein Entwicklungszentrum für Kraftfahrzeugtechnik auf die grüne Wiese gesetzt. In dem 200-Millionen-Euro-Komplex arbeiten 2800 Spezialisten daran, Autos noch sicherer und verlässlicher zu machen. Im letzten Jahr hat der Konzern 3850 Patente angemeldet, viele davon sind in Abstatt entstanden. Drei Viertel der dortigen Mitarbeiter sind Ingenieure. Viele Unternehmensgeschichten in der Region lesen sich wie moderne Wirtschaftsmärchen. Ein Beispiel ist der Spanntechnik-Spezialist Schunk in Lauffen südlich von Heilbronn. Den Grundstein legte Firmengründer Friedrich Schunk unmittelbar nach Kriegsende 1945 mit einer bescheidenen „mechanischen Werkstatt“ in einer kleinen Garage. Heute ist das mittelständische Unternehmen in über 50 Ländern und auf fünf Kontinenten präsent und beschäftigt 1800 Mitarbeiter. Schunk gilt als einer der innovativsten Anbieter in der Automation.

FASZINIERENDE ERKENNTNISSE

Den Beweis dafür können Besucher in der Heilbronner experimenta direkt besichtigen. „Wir stellen einen Roboter aus neuester eigener Entwicklung zur Verfügung, der in Größe und Beweglichkeit dem menschlichen Arm entspricht“, sagt Andreas Hoch, bis 2008 Chef der Vorentwicklung bei Schunk (siehe den Beitrag „Zupackendes Exponat“). Hoch, heute Professor für Robotermechanik an der Hochschule Heilbronn, ist ein Fan des experimenta-Konzepts: „Pädagogisch intelligent aufbereitete Technik ermöglicht dem Nachwuchs einen Zugang zu faszinierenden Erkenntnissen.“ Nicht minder faszinierend: In einem eher landwirtschaftlich geprägten Teil der Region Heilbronn-Franken, im Hohenlohekreis, sind gemessen an der Einwohnerzahl die meisten Weltmarktführer in Deutschland konzentriert. Das hat Bernd Venohr, Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, herausgefunden. Über 50 sollen es sein, schrieb vor wenigen Monaten die „Süddeutsche Zeitung“. Am bekanntesten: Reinhold Würth, der Schraubenkönig von Hohenlohe. Die Künzelsauer Würth-Gruppe ist unter seiner Führung zu einem Milliarden-Unternehmen gewachsen, das die ganze Welt nicht nur mit Befestigungsmaterial, sondern auch mit Elektronik-Komponenten versorgt.

Den Blick nach vorn gerichtet hat der Zukunftsfonds Heilbronn. Mehrere Unternehmerfamilien aus dem Raum Heilbronn haben Kapital zusammengelegt, um damit den Grundstein für die nächste Erfolgsgeneration der regionalen Wirtschaft zu legen. Wer aus dem Fonds, der mit einem zweistelligen Millionenbetrag bestückt ist, Kapital für seine Firma bekommen möchte, muss seinen Geschäftsbetrieb nach Heilbronn verlegen. Bisher haben ein Dutzend Firmen Ja zu diesem Angebot gesagt: Sie kommen aus der Biotech- und Medizintechnik-Branche, aber auch aus dem Bereich der Datenverarbeitung und der Umwelttechnologie. Zusammengerechnet beschäftigen sie heute schon mehr als 300 hochqualifizierte Mitarbeiter. Im Gewerbegebiet „Wohlgelegen“ entsteht derzeit ein Campus, der diesen jungen Firmen ein ansprechendes Zuhause bieten soll.

RAKETENMOTOREN IM TEST

Ein besonderes Markenzeichen der experimenta sind fünf Laborbereiche. Hier sollen künftig Programme für das Vorschulkind bis zum „Jugend-forscht“-Teilnehmer angeboten werden. Dabei kann man auch auf Erfahrungen zurückgreifen, die im Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Lampoldshausen (DLR) gesammelt wurden. Wo sonst Raketenmotoren getestet werden, hat man vor vier Jahren ein School-Lab für begabte Schüler eingerichtet. Sie lernen durch das praktische Beispiel die Axiome Newtons kennen oder das Herschel-Experiment, bei dem durch ein Prisma Licht in seine Spektralfarben zerlegt wird. Betreut werden sie von zehn Mitarbeitern, allesamt engagierte Fachleute und Wissenschaftler.

„Nur durch eigenes Forschen und Ausprobieren kann man die Faszination der Naturwissenschaften kennen lernen“, sagt Bernhard Heislbetz, der Leiter des School-Lab. Hat er nicht Recht? ■

von Siegfried Lambert

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Am|mo|ni|ak|sal|pe|ter  〈m. 3; unz.; Chem.〉 = Ammoniumnitrat

Buph|thal|mus  〈m.; –; unz.; Med.〉 = Hydrophthalmus [→ Buphthalmie ... mehr

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