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Überleben nach dem Koma

Ärzte in Magdeburg haben von über 100 Koma-Patienten Kernspintomogramme aufgenommen. Sie stellten fest: Die Chancen sind gut, wenn der Hirnstamm nicht geschädigt ist.

Peter Müller stürzte so unglücklich, dass er mit dem Kopf aufschlug und das Bewusstsein verlor. Der 38-Jährige wurde sofort in das Klinikum der Universität Magdeburg eingeliefert. Die Ärzte nahmen ein Computertomogramm seines Schädels auf, entdeckten eine Blutung und entfernten sie bei einer Operation. Trotzdem blieb Peter Müller (Name geändert) im Koma – eine schwierige Situation für Ärzte und Angehörige. Wird der Patient wieder aufwachen? Wenn ja, wird er ein Pflegefall sein oder wieder seinem Beruf nachgehen können? Antworten auf diese Fragen könnte in Zukunft die Kernspin- oder Magnetresonanz-Tomografie (MRT) geben. Zum ersten Mal haben Magdeburger Ärzte Koma-Patienten im großen Stil mit dieser Methode untersucht. v „Ein Koma ist der unerweckbare Zustand der Wahrnehmungslosigkeit seiner selbst und seiner Umgebung“, definiert Prof. Raimund Firsching, Direktor der Klinik für Neurochirurgie der Universität Magdeburg und einer der Autoren der MRT-Studie. Wichtigste äußere Merkmale für ein Koma: Der Patient hat die Augen geschlossen, und wenn man ihn anspricht, reagiert er nicht. Das menschliche Gehirn besteht aus den drei großen Bereichen Großhirn, Hirnstamm und Kleinhirn. In der Großhirnrinde sitzen beispielsweise Zentren, die Seh- und Hörsignale verarbeiten. Das Kleinhirn koordiniert Gleichgewicht und Bewegungen. Vom Hirnstamm gehen viele Hirnnerven aus, auch das Zentrum der Eigenatmung liegt hier. Die 102 Koma-Patienten, von denen die Gruppe um Firsching und den Radiologen Prof. Wilfried Döhring Kernspintomogramme aufnahmen, waren zwischen 2 und 86 Jahre alt. Die Ärzte stellten fest, dass Überlebenschancen und Krankheitsverlauf eng mit der Art der Schädigung verbunden waren, die sie auf dem MRT sahen. Sie teilten die Verletzungen in vier Klassen ein: Bei einer Grad-1-Verletzung ist ausschließlich das Großhirn geschädigt. Bei einem 58-jährigen Patienten stellten die Ärzte Schäden in den Großhirnhälften fest, der Hirnstamm war unverletzt. Nach zwei Tagen erwachte der Mann aus dem Koma, er trug keine nennenswerten Folgeschäden davon. Insgesamt überlebten 86 Prozent der Patienten mit Grad-1-Verletzungen. Bei einer Grad-2-Verletzung ist der Hirnstamm einseitig und bei Grad-3- und Grad-4-Verletzungen beidseitig geschädigt. Wichtig für die letzte Unterscheidung ist, wo genau die Verletzung im Hirnstamm liegt. So verstarb ein 71-jähriger Patient nach 20 Tagen Koma, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Die MRT-Diagnose: Beidseitige Verletzung der Brücke – Grad 4. Die Brücke ist als Teil des Hirnstamms für Wachheit und Eigenatmung verantwortlich. Alle 19 Patienten mit einer Grad-4-Verletzung starben. „Es ermutigt den Arzt, wenn er weiß, dass der Hirnstamm eines Patienten nicht oder nur in bestimmten Teilen geschädigt ist“, meint Raimund Firsching. „Für die akute Therapie haben unsere Ergebnisse allerdings wenig Bedeutung.“ Bisher werden Schädel-Hirn-Verletzungen mit Computertomogrammen (CT) beurteilt. Der Nachteil: CTs sind zu wenig aufgelöst, Verletzungen im Bereich des Hirnstamms bleiben unsichtbar. Mit der MRT dagegen lassen sich noch Strukturen unter einem Millimeter Größe darstellen: genug, um Verletzungen genau zu lokalisieren. Deshalb könnte die MRT Ärzten helfen, bei Schädel-Hirn-Verletzungen schon sehr früh Vorhersagen über die Überlebenschancen zu treffen – wenn sie denn ein MRT des Patienten aufnehmen können. „Genau hier liegt das Problem: im Klinik-Alltag“, meint Petra Maurer, leitende Neuropsychologin an der Fachklinik Neresheim, „die MRT-Untersuchungen sind technisch sehr aufwändig.“ Denn Koma-Patienten sind in der Frühphase meist an viele Maschinen angeschlossen, sie müssen beatmet und intubiert werden. Diese Maschinen stören aber das Magnetfeld des Kernspintomografen. Nur mit speziellen Beatmungsapparaten, die magnetisch abgeschirmt sind, können trotzdem Kernspintomogramme aufgenommen werden. In Magdeburg gibt es solche Beatmungsmaschinen, hier ist die frühe MRT bewusstloser Patienten schon Routine. „Da die Methode auch personell aufwändig und zudem teuer ist, wird es wohl noch eine Weile dauern, bis sie auch an anderen Kliniken etabliert ist“, bestätigt Firsching. Bei Peter Müller entdeckten die Ärzte im MRT eine Verletzung des Hirnstamms, allerdings nur auf einer Seite. Müller erwachte nach neun Tagen aus dem Koma – mit einer leichten einseitigen Lähmung.

Renée Dillinger

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