Ur, Ninive, Babylon – Modelle antiker Metropolen - wissenschaft.de
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Ur, Ninive, Babylon – Modelle antiker Metropolen

Macht, Handel, Fortschritt – die Stadt in der Frühgeschichte. Der Mythos der Metropolen hat Jahrtausende überdauert. Tatsächlich ist die Stadt die wichtigste Erfindung des Menschen.

Zehntausende von Generationen ist der Mensch ohne gebaute Unterkunft ausgekommen. Erst im Neolithikum begann er, gestaltend in Umwelt und Natur einzugreifen: Mit der bäuerlichen Gesellschaft bekamen Bauten für Mensch, Tier und Vorräte Gewicht.

Die aus einzelnen, zunächst noch autarken Familien und Sippen entstehenden Dörfer waren eine egalitäre Gesellschaft weitgehend gleich-berechtigter Mitglieder. Erste Differenzierungen der Gemein-schaft brachten einen dominierenden Clan-Häuptling an die Spitze. Umstritten ist, wann sich diese immer noch familiäre Konstellation in „die da oben“ und „die da unten“, in Herrscher und Beherrschte, splittete.

Diese völlig neue Qualität des menschlichen Zusammenseins mit abgestufter Teilhabe des einzelnen an Macht, Reichtum und Freiheit ist das ureigenste Charakteristikum der Stadt. Die Stadt ist mehr als ein großgewordenes Dorf, sie stellt in der Menschheitsgeschichte etwas völlig Neues dar.

Das Mannheimer Reiss-Museum widmet dem Mythos der frühen Metropolen ab dem 1. März eine wohldurchdachte Ausstellung – Näheres auf Seite 99. Darin werden Modelle berühmter antiker Städte präsentiert, die nach gesicherten archäologischen Erkenntnissen gebaut wurden. Statuen, Bildnisse, Schriften, Schmuck, Keramik, Alltagsgegenstände und Waffen lassen das Umfeld der damaligen (Stadt-)Menschen plastisch werden.

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Der Anschaulichkeit einiger Modelle stellen wir auf den folgenden Seiten die Faszination der entsprechenden archäologischen Luftbilder zur Seite.

Die Grundlage jeder Stadtentwicklung war eine Landwirtschaft, die so massiv Überschüsse produzierte, daß nicht mehr alle Menschen auf den Acker mußten, um die tägliche Nahrung zu erwirtschaften. Die Abkehr von der Hand-in-den-Mund-Gesellschaft begünstigte handwerkliche Entwicklungen, die wiederum die bäuerlichen Methoden verbesserten – Paradebeispiel ist der Pflug.

Gleichzeitig setzte eine Spezialisierung – und damit Hierarchisierung – der Bevölkerung ein: Die tönernen Töpfe wurden nicht länger von Familienmitgliedern für die eigene Sippe, sondern von einem Fachhandwerker für das Dorf, die Stadt, den Fernhandel gefertigt – Sinnbild ist der Siegeszug der Töpferscheibe.

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich die Stadt von Beginn an als Sitz der herrschenden Klasse – König, Beamte, Militär, Priester – über die ländliche Umgebung. Die Stadt wurde zum Motor der Entwicklung, denn durch den Überschuß der Landwirtschaft, die Veredelung der Rohprodukte in der Stadt, die zentrale Verwaltung und Verteilung der Ressourcen und Produkte, den gewinnbringenden Handel mit den heimatlichen Produkten und einen übergeordneten Gestaltungswillen wurde erstmals in der Mensch-heitsgeschichte langfristige Planung möglich – mit allen schönen wie schlechten Komponenten: Kultur, Kunst, Krieg.

Die Stadt fokussiert und verstärkt alle Entwicklungen, sie spiegelt deshalb auch immer die Geschichte einer Epoche oder die Situation der Gegenwart: Das vieltausendjährige Babylon wurde zum Mythos, das unregierbare Mexico City zum Moloch. Die Zwiespältigkeit der Metropolen zieht sich durch alle Zeiten: vom mittelalterlichen Bauernspruch „Stadtluft macht frei“ bis zur heutigen Stadtflucht des saturierten Mittelstandes.

Man liebt die Stadt oder man haßt sie, kalt läßt sie niemanden. Doch sie ist kein natürlicher Zustand des Menschen, sondern eine künstliche Lebensform, die wieder abgelöst werden kann.

Unter den Städten ist Babylon ohne Zweifel „die Größte“. Legenden und Mythen gibt es zuhauf um die langlebigste Hauptstadt der Welt. Berichte, archäologische Funde und die spärlichen Reste zeugen von ständigem Aufstieg und Niedergang der größten Metropole der Alten Welt. Doch von wirklicher Einsicht ist man weit entfernt, denn bislang ist nur ein Bruchteil Babylons ausgegraben. Ob nun „Mutter der Huren“ (so die Bibel), oder „Quelle des Lebens und der Weisheit, Zentrum des Universums“ (so die antike „Stadtbeschreibung“) – Babylon ist das Synonym für DIE STADT.

Ninive – die Stadt der Bibliotheken Der neuassyrische König Sanherib (704 bis 681 v. Chr.) nannte seinen Hof in Ninive bescheiden „Palast ohnegleichen“. Bislang wurden 70 königliche Räume lokalisiert. Auf den mit raren Steinplatten verkleideten Innenwänden berichten Reliefs von den Großtaten des Königs, der das Reich nach einer Schwächeperiode wieder zu Glanz und Größe führte.

Seine Hauptstadt Ninive baute er entsprechend aus: Mit einer Wehranlage von 25 Meter Breite und 12 Kilometer Länge umgürtete er 750 Hektar – 7,5 Quadratkilometer, das ist mehr als doppelt so groß wie die Nürnberger Altstadt. Eine effektive Bürokratie verwaltete ein Reichskonglomerat, das vom Mittelmeer bis Persien und von Anatolien bis Ägypten reichte. Zu der Zeit war Ninive mit höchst wechselhafter Geschichte bereits mehrere tausend Jahre alt. Die ersten Spuren stammen aus dem 6. Jahrtausend.

Die Gelehrten spielten schon in der Frühzeit der assyrischen Reiche eine staatstragende Rolle. Sie hatten – zum größeren Ruhm des Königs – die Gesamtheit der Kultur zu bewahren und zu erweitern. Die Bibliothek in der alten Hauptstadt Assur war schon gewaltig, die in Ninive übertraf alles: Die Archäologen gruben 20000 Texte aus, die sich nicht mit Verwaltung beschäftigten. Es war die erste systematisch gesammelte Bibliothek des Nahen Ostens – ein Grund, warum Ninive nach seiner Zerstörung durch eine Meder-Babylonier-Koalition 612 v. Chr. als Mythos einer glanzvollen Metropole fortlebte.

Susa – die Residenz auf dem künstlichen Hügel Der assyrische König Assurbanipal säte 647 v. Chr. Salz auf den Feldern von Susa, um die altehrwürdige elamische Stadt endgültig zu zerstören. 3500 Jahre zuvor als Heiligtum gegründet, war Susa im 3. Jahrtausend Hauptstadt des elamischen Reiches gewesen. Die Könige von Akkad und Ur eroberten und plünderten die Stadt im 2. Jahrtausend v. Chr. Assurbanipal gab ihr den Rest. Scheinbar: Denn Darius, der Perser, wollte sichergehen, sein Palast sollte Bestand haben. Gleich zu Beginn seiner Herrschaft, 521 v. Chr., begann er mit dem Bau seiner Residenz in Susa. Dazu wurde ein Hügel eingeebnet und zu einer riesigen künstlichen Terrasse umgestaltet, die die Umgebung 18 Meter hoch überragte.

Jede Mauer, jede Säule von Darius Domizil bekam ein eigenes Fundament aus gestampfter Erde und Kies. Die zweiflügeligen Türen seines Privathauses waren zehn Meter hoch, die Säulen der 109 mal 109 Meter großen Audienzhalle kamen auf das Doppelte und wogen 25 Tonnen. Glasierte Reliefziegel schmückten die Wände, Gold und Lapislazuli waren Standard, die Königsstatuen kolossal, die Inschriften dreisprachig. Big was beautyful – einem Reich angemessen, das von Indien bis Ägypten reichte.

Großkönig Darius I. konnte seine Pracht nicht mehr bewohnen, er starb 486 v. Chr. Erst sein Sohn Xerxes stellte den Palast fertig. 331 v. Chr. eroberte Alexander der Große Susa – heute erinnert das Dorf Sus an den einstigen Mittelpunkt der Welt. Die wenigen tausend Bewohner des Hügels wurden umgesiedelt, als Darius I. seinen Prunkpalast südöstlich von Babylon plante. Auf einer voluminösen künstlichen Terrasse kam der Besucher zunächst durch ein freistehendes Tor von 49 mal 49 Meter Grundfläche – im Modell unten links – und blickte dann auf den königlichen Palast mit seinen drei Innenhöfen, an den sich rechts der gewaltige, mit vier Türmen bewehrte Audienzsaal anschloß. Im Flugbild sind auf dem linken Plateau die drei Innenhöfe der königlichen Residenz mit ihren Nebenräumen zu erkennen, links davon das Quadrat der Audienzhalle mit ihren Säulenbasen. Rechts und ganz rechts hinten: Nur oberflächlich ausgegrabene Teile der Königsstadt. Im Vordergrund das Dorf Sus. Links: König Hammurabi (1792 bis 1750 v. Chr.), Urvater der großen Zweistromland-Dynastien, einte erstmals die vielen Stadtstaaten Mesopotamiens zu einem einzigen Reich: dem babylonischen. Rechts ein Wachsoldat in Susa aus glasierten Ziegeln.

Hattusa – die Stadt der 1000 Götter 70 Jahre lang bauten die hethitischen Könige an ihrem Palast auf dem Büyükkale-Hügel in Zentralanatolien. Dann prunkte der monumentale Bau als königliches, kultisches und wirtschaftliches Zentrum eines Reiches, das sich in seiner 400jährigen Glanzzeit mit allen Mächten des Nahen Ostens anlegte: Das Land Hatti mit seiner Hauptstadt Hattusa überrannte Babylon, schlug sich mit Mitanni und Assyrien und zwang selbst Ägypten zu einem Friedensvertrag, der die hethitische Oberherrschaft über Nahost festschrieb.

Die ältesten Siedlungsspuren in Hattusa stammen aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., im 13. Jahrhundert v. Chr. hatte sich die Stadt auf 167 Hektar ausgedehnt. Bewohnt war sie hauptsächlich von der Königsfamilie, deren Bediensteten, Priestern und Beamten. Die religiösen Pflichten des Königs waren immens. 18 teilweise tagelange Kultfeiern mußten allein in Hattusa absolviert werden. Die Götterwelt der Hethiter war überfüllt, denn sie gewährten jedem Überirdischen unterworfener Völker Bleiberecht in ihren Mauern, wo es regelrechte Reihensiedlungen für sie gab. Auch die Götter halfen nicht. Um 1200 wurde Hattusa, nicht zuletzt geschwächt durch Familien-Fehden, im Sturm der sogenannten Seevölker vernichtet..

Ur – die Stadt der Bürokraten Die Stadt am Persischen Golf war schon über 2000 Jahre alt, als sie zur Kult- und Residenzstadt avancierte: Um 2112 v. Chr. katapultierte König Urnammu den Stadtstaat Ur, einen unter vielen in Mesopotamien, ins Zentrum eines sumerischen Imperiums, das den Handel von Indien bis Anatolien kontrollierte. Urnammu und seine Nachfolger schufen ein Musterreich: Eine straffe Bürokratie verwaltete die 23 Stadtstaaten und 90 Vasallentümer des Imperium. 50000 Schafe, die alljährlich durch eine Provinzstadt getrieben wurden, bereiteten offenbar keine logistischen Probleme. Die älteste bekannte Gesetzgebung gab Bürgern und Handel Sicherheit bis ins Detail: „Wenn ein Mann einem anderen seine Zähne ausgeschlagen hat, wird er zwei Schekel Silber pro Zahn zahlen.“

Es war – trotz ständiger Bedrohung an den Reichsrändern – eine Zeit, in der Kultur und Künste gediehen. Das Errichten von Tempeln oder göttlichen Statuen gehörte neben der Erhaltung der Wasserwege zu den vornehmsten Aufgaben des Königs. 100 Jahre bestand die Dynastie Ur III, dann machten die Elamiter die Stadt am Euphrat restlos nieder.

Babylon – die Stadt aller Städte Babylon kam aus kleinen Verhältnissen: Im 3. Jahrtausend als mickrige Siedlung begonnnen, war es bis zum Beginn des 2. Jahrtausends nur eine Stadt unter vielen im fruchtbaren „Land zwischen den Flüssen“ Euphrat und Tigris.

Im 19. Jahrhundert v. Chr. schwang sich Babylon unter König Hammurabi erstmals über ihre Konkurrentinnen empor und machte sich auf den Weg zur politischen, religiösen und wirtschaftlichen Metropole vieler und sehr unterschiedlicher Reiche. Immer wieder zerstört, immer wieder aufgebaut, bekam die Stadt bald den Nimbus des Außerordentlichen: Der „Turm zu Babel“ war mit 90 Metern tatsächlich das gewaltigste Bauwerk der Alten Welt – nichts davon steht heute mehr. Die „Hängenden Gärten der Semiramis“ zählten zu den sieben Weltwundern – sie sind bislang nicht einwandfrei identifiziert. Auch bei zurückhaltender Berechnung war Babylon mit 850 Hektar ummauerter Stadtfläche die größte Stadt ihrer langen Zeit. Das unheilversprechende Mene (Gezählt hat Gott die Tage Deiner Herrschaft und macht ihr ein Ende)-Tekel (Gewogen wurdest Du und für zu leicht befunden) stand hier an der Wand. Nur der frühe Tod hinderte Alexander den Großen daran, Babylon zur Hauptstadt seines Weltreichs zu machen.

Michael Zick

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Eis|sturm|vo|gel  〈m. 5u; Zool.〉 möwenähnlicher Sturmvogel der Nordmeere, Hochseebewohner: Fulmarus glacialis; Sy Fulmar ... mehr

Sät|ti|gung  〈f. 20; Pl. selten〉 1 das Sättigen, Stillen des Hungers, Sattheit, Sattsein 2 〈fig.〉 Befriedigung ... mehr

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