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Allgemein

Verbotenes Wissen

Altes und Neues aus dem Giftschrank der Natur: Heilkräuter, -salben und -tees sind gefragt. Ein paar kundige Bücher führen durch den Drogen-Dschungel.

400 Jahre lang wurden in Mitteleuropa kräuterkundige Frauen als Hexen verbrannt, in Deutschland loderte der letzte Scheiterhaufen erst 1775. Was die Inquisition begann, setzte im 19. Jahrhundert die Aufklärung fort – das Zeitalter der Dampfmaschine und der Chemie, in dem sich die Menschen immer weiter von der Natur entfernten. Heute wogt eine „grüne Welle“ durch die Medizin, das Wissen der Hexen ist wieder gefragt. Trotzdem: Wer das Wort Drogen gebraucht, macht sich nach wie vor verdächtig. Man spricht – obwohl dasselbe gemeint ist – lieber von Pflanzenheilkunde und Phytopharmaka. Es sei denn, man ist ausgewiesener Wissenschaftler, Pharmakologe oder Ethnobotaniker – wie die Autoren der folgenden Bücher.

Eine wunderbare Mischung aus Geschichte und Geschichten, aus Mythen und Märchen, aus Wundern und Wissenschaft ist das Buch Hexenmedizin – Die Wiederentdeckung einer verbotenen Heilkunst. Die Autoren verbinden darin klassisches Wissen mit neuen Erkenntnissen der pharmazeutischen Forschung. Sie erzählen von „guten“ Kräutern wie Kamille, Birke, Johanniskraut und Schafgarbe, und sie nennen auch die dunklen Seiten der Naturmedizin: die Anwendung von Bilsenkraut, Herbstzeitlose und Stechapfel, die als tödliche Gifte, aber auch als Halluzinogene eingesetzt wurden, als „Flug- und Buhlsalben“. Die prächtige Ausstattung des Bandes mit schönen Farbfotos und zahlreichen alten Holzschnitten macht das Schmökern zu einem optischen Genuß.

20 Jahre Arbeit stecken in der 940 Seiten starken Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen des Hamburger Ethnopharmakologen Dr. Christian Rätsch. Von gängigen Genußmitteln wie Kaffee und Kakao über Hopfen, Baldrian und Mohn beschreibt er bis zum Cocastrauch alle Pflanzen, deren Inhaltsstoffe das Bewußtsein des Menschen erweitern und die vielfältig medizinisch angewendet werden. Das Buch gibt zu jeder Pflanzenart die wissenschaftliche Beschreibung, das Foto, die Verbreitung, die Geschichte, die traditionelle und die moderne medizinische Verwendung, die Inhaltsstoffe der Pflanzenteile, ihre Zubereitung, Dosierung und Wirkung. Jede Seite bietet Überraschungen. Haben Sie zum Beispiel gewußt, daß die Azteken unsere gute alte Studentenblume, die Tagetes, als Liebestee zubereiteten – quasi als Viagra der Indianer? Heute bekämpfen westliche Naturheilkundler mit einem Tee aus den Pflanzenblättern Rheuma oder Durchfall.

Fast genauso opulent hat der Marburger Pharmazeut Prof. Max Wichtl sein Werk Teedrogen und Phytopharmaka ausgestattet. In Darstellung und Sprache wendet es sich zwar an Ärzte, Apotheker und Drogisten, aber auch der Laie findet auf jeder Seite gute Hinweise, welche Pflanzen er für seine Küchenapotheke nutzen kann und wie er sie am besten zubereitet. Neben den Pflanzen geht es auch um Tees aus Algen und Flechten.

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Vom Waldrand und dem heimischen Kräutergarten weg führt Hans Neuwinger bis in die Ethnopharmakologie Afrikas. Ein Hauch von Krimi weht den Leser an, wenn er in Afrikanische Arzneipflanzen und Jagdgifte liest, aus welchen Pflanzen die verschiedenen Gifte zubereitet und bei welchen Anlässen sie auch heute noch verwendet werden. „Mit wenigen Ausnahmen sind die afrikanischen Pfeilgifte absolut tödliche Herzgifte, es gibt kein Gegenmittel wie bei den südamerikanischen muskellähmenden Curare-Giften“, klärt Neuwinger auf, aber „die gefürchteten Pfeilgifte haben auch die moderne wissenschaftliche Medizin mit effektiven Heilmitteln versorgt, oder sie wurden wichtige Werkzeuge der Forschung.“ Neuwinger beschreibt die Chemie und Verbreitung der Pflanzen sowie ihre Anwendungen in der traditionellen und der modernen Medizin. Auch Kulturgeschichte und Völkerkunde bindet er ins Thema ein.

Während man sein kiloschweres Buch am besten auf einem stabilen Tisch durchblättert, eignet sich die Medizin aus dem Regenwald – Die Weisheit der Naturvölker vom Enzyklopädisten Christian Rätsch gut als entspannende Abendlektüre. Auf vielen Reisen durch die Dschungel Südamerikas hat er die Naturheiler bei der Arbeit beobachtet und ihnen die Rezepte abgeschaut. Lebendig schildert Rätsch das Leben der Einheimischen, ihre Mythen und Traditionen, und berichtet, wie die pharmazeutische Industrie heute versucht, das alte Wissen zu nutzen. Viele Kästen bieten eine Menge Detailinformationen – über Herzmedikamente, Schmerzmittel oder die pflanzlichen Vorläufer der „Pille“.

In Drogen, Kräuter und Kulturen – Pflanzen und die Geschichte der Menschen zeigen die Ethnobotaniker Michael Balick und Paul Cox, daß die Geschichte der Menschheit auch die Geschichte der Nutzung ihrer pflanzlichen Umwelt ist. Und sie prangern an, was verlorengeht, wenn die Regenwälder abgeholzt werden. Unzählige nützliche Pflanzenarten drohen zu verschwinden, um eine Handvoll momentan ertragreicher, aber enorm anfälliger Nutzpflanzen zu kultivieren.

DROGEN

Christian Rätsch Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen AT-Verlag 1998, DM 228,-

Hans Dieter Neuwinger Afrikanische Arzneipflanzen und Jagdgifte Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 1998, DM 178,-

Claudia Müller-Ebeling, Wolf-Dieter Storl, Chr. Rätsch Hexenmedizin AT-Verlag 1998, DM 58,-

Balick, Cox Drogen, Kräuter und Kulturen Spektrum Akademischer Verlag 1997, DM 68,-

Christian Rätsch Medizin aus dem Regenwald Midena 1997 DM 29,80

Max Wichtl (Hrsg.) Teedrogen und Phytopharmaka Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 1997, DM 198,-

Jürgen Nakott

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Lehm|wes|pe  〈f. 19; Zool.〉 Angehörige einer Familie der Faltenwespen, die ihre Nester aus Lehm bauen: Eumenidae

erd|far|big  〈Adj.〉 = erdfarben

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