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Vom einfachen Tier zum Erfolgsmodell

Afrika, vor 2,5 Millionen Jahren: In den Waldgebieten und fruchtbaren Ebenen lebt ein ungefähr 1,20 Meter großer, vermutlich behaarter Primat. Sein Name: Australopithecus africanus. Sein Gehirnvolumen entsprach mit ungefähr 450 Kubikzentimetern etwa dem eines heute lebenden Schimpansen, seine Ernährung bestand ebenfalls ähnlich wie die eines Schimpansen wohl hauptsächlich aus pflanzlichem Material, auch wenn er sich hin und wieder ein Häppchen Fleisch gönnte. Sein Problem: Er war eine beliebte Beute für Großkatzen, Hyänen und große Raubvögel.

Rund eine Million Jahre später, ebenfalls in Afrika: Mittlerweile haben hochgewachsene, schlanke Frühmenschen Australopithecinen ersetzt. Ihr Gehirn ist nahezu doppelt so groß wie das der zierliche Primaten, und sie sind alles andere als eine leichte Beute – im Gegenteil: Aus ihnen sind echte Großwildjäger geworden, wie etwa der Fund von Knochen eines großen büffelartigen Tiers zeigen, die ganz klar Schnittspuren von Steinwerkzeugen aufweisen.

Doch wie wurden die Gejagten innerhalb von nur einer Million Jahren zu erfolgreichen Jägern? Was bescherte unseren Vorfahren den wohl größten Entwicklungssprung ihrer Geschichte? Um diese Frage zu beantworten, muss man in die Morgendämmerung der Menschheit blicken, berichtet das Magazin „bild der wissenschaft“ in seiner Juli-Ausgabe. Die Weichen wurden wohl gleich zu Beginn der Epoche gestellt, vor 2,5 Millionen Jahren: Damals lernten die ersten Angehörigen der Gattung Homo, Werkzeuge aus Steinen herzustellen – zunächst vor allem Hammersteine, aber auch scharfkantige Abschläge.

Diese Hilfsmittel benutzte Homo rudolfensis, nach aktuellem Wissen der älteste Vertreter der Gattung Homo, vermutlich ursprünglich, um hartschalige Früchte zu öffnen, Nüsse zu knacken oder Wurzeln und Knollen aufzubrechen. Denn der Frühmensch war wohl hauptsächlich Vegetarier, wie die heute lebenden Schimpansen. Doch dann begann das letzte Eiszeitalter, es wurde kühler, trockener, und aus den fruchtbaren feuchten Savannen wurden Trockensavannen. Die Wälder verschwanden, es gab mehr offene Flächen mit Gras, dornigen Sträuchern, robustem Blattwerk und harten Samen. Ein Problem für die Tiere und auch Homo rudolfensis: Ihre Zähne und ihr Verdauungstrakt waren nicht für derartige Nahrung ausgelegt.

Hätten sie ihre Werkzeuge nicht gehabt, wäre zu diesem Zeitpunkt möglicherweise Schluss gewesen mit der Gattung Homo. Denn ihre Zähne waren auch nicht dazu geeignet, Stücke aus einem Tierkadaver zu reißen. Dank ihrer Steingeräte erschloss sich den Frühmenschen dennoch die Ressource Fleisch: Sie konnten auf Tierkadaver zurückgreifen und mit den scharfen Steinen Fleischportionen abschneiden. Die erste Fundstelle, an der massenhaft Tierknochen mit Schnittspuren entdeckt wurden, ist 1,85 Millionen Jahre alt.

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Allerdings stiegen Homo rudolfensis und seine Nachkommen und Verwandten nicht vollständig auf Fleisch um: Nach wie vor machte es nur einen kleinen Teil ihrer Nahrung aus. Beim H. rudolfensis-Nachfahr Homo erectus waren das schätzungsweise 10 bis 20 Prozent und damit nur knapp doppelt so viel wie beim Schimpansen. Doch das reichte, um die Entwicklung des Menschen anzustoßen: Das Fleisch – ein sehr kalorienreiches Nahrungsmittel, das zudem viele ungewöhnliche Fettsäuren enthält – ermöglichte es den Frühmenschen, größere Gehirne zu entwickeln.

„Der Energiebedarf von Gehirngewebe ist rund 16-mal so groß wie der von Skelettmuskulatur“, berichtet der Anthropologe William Leonard in „bild der wissenchaft“. „Menschen investieren einen viel größeren Teil ihres täglich verfügbaren Energiebudgets in die Versorgung ihres Gehirns als irgendein anderes Säugetier“. Da der Grundumsatz selbst nicht größer ist, muss der Mensch sozusagen ständig Super tanken, um den hochgezüchteten Rennmotor in seinem Schädel am Laufen zu halten – sprich: Er muss Nahrung mit einem sehr hohen Energie- und Nährstoffgehalt zu sich nehmen.

Genau das bot den Frühmenschen das Fleisch ihrer Beutetiere. Dass bereits Homo erectus diese Strategie verfolgte, zeigt schon sein Körperbau: In seinem kurzen Rumpf hätte niemals ein Dickdarm gepasst, wie er beispielsweise bei Gorillas vorkommt, die ausschließlich pflanzliche Nahrung zu sich nehmen. Und durch den geringeren Zeitaufwand, den die kalorienreiche Nahrung mit sich brachte, hatte Homo erectus mehr Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen – dem Entwickeln von neuen Jagdstrategien, zum Beispiel.

Denn das Fleisch war zwar eine notwendige Bedingung für das Wachstum des Gehirns und damit die Evolution des Menschen, es war aber die nicht Ursache, schließlich hätten sonst auch alle möglichen anderen Fleischfresser eine ähnliche Entwicklung durchmachen müssen. William Leonard führt die rasante Entwicklung auf ein vielteiliges Karussell aus vielen Faktoren, die sich gegenseitig verstärkten, zurück: Mehr Fleisch bedeutete eine Begünstigung des Gehirnwachstums, dadurch erweiterte sich die Lernfähigkeit, was wiederum ein komplexeres Sozialleben ermöglichte und die Entwicklung innovativerer Werkzeuge oder Jagdtechniken. All dies verbesserte den Zugang zum Fleisch noch mehr, und das Karussell kreist erneut. Auf den Punkt gebracht: Hätte es nicht mehr Fleisch für unsere Vorfahren gegeben, würden wir heute wohl nicht existieren.

ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel Thorwald Ewe: „Gejagte werden Jäger“ und „Das hungrige Gehirn“, bild der wissenschaft 7/2009, ab S. 18
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