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Allgemein

Von Dolly bis Peter

Das Klonschaf-Dolly verändert die Welt- und keiner will es wissen.

Es bedurfte eines Philosophen, um nach einer irrationalen Pause, ausgelöst durch Dolly, die öffentliche Debatte über die Folgen der Gentechnik wieder anzuheizen. Unabhängig davon, ob Peter Sloterdijk meinte, was er in seiner Rede über den Menschen der Zukunft sagte, unabhängig auch davon, was die Feuilletonisten von „FAZ“ bis „Zeit“ verstanden haben von Anthropotechniken und Menschenzüchtung, von Genen und Klonen: Man sprach wieder drüber. Die meisten Wissenschaftler hielten sich zurück. Das tun sie oft. Sie bereiten zwar die neue Welt vor, leugnen aber die Konsequenzen ihrer Arbeit, und wenn die Folgen dann doch eintreten, wollen sie es zumindest so nicht gewollt haben. Ein Beispiel: Noch 1994 bezichtigte ein Genetiker unsere Zeitschrift unseriöser Berichterstattung, weil wir über die Möglichkeit berichtet hatten, Menschen zu klonen. 1997 mußte sich der Forscher von einem schottischen Kollegen eines Besseren belehren lassen: Prof. Ian Wilmut präsentierte das erste geklonte Säugetier der Öffentlichkeit, das Schaf Dolly.

Die Technik hört sich einfach an: Man nehme eine Eizelle und entferne den Kern mit dem Erbgut. An seine Stelle plaziere man den Kern einer Zelle des Tieres, das man zweimal haben möchte. Das Paket pflanze man einem dritten Tier ein und lasse es den Embryo austragen. In der Realität ist es ein bißchen komplizierter, aber es funktioniert und läßt sich theoretisch beliebig oft wiederholen. Auf die Frage nach dem „Wozu“ wurden nur unbestreitbar wünschenswerte Ziele genannt: Man wolle Herden gentechnisch veränderter und dann geklonter Tiere einsetzen, um teure Medikamente produzieren zu lassen – in ihrem Blut und ihrer Milch. Man wolle vom Aussterben bedrohte Tierarten vermehren und zum Beispiel die putzigen Pandas klonen. Und man wolle wegen des Mangels an Spenderorganen aus geklonten Zellen neue körperverträgliche Herzen und Nieren wachsen lassen. Heftigst verwahrten sich Wissenschaftler und Politiker gegen „Außenseiter“-Meinungen, jetzt werde auch das Klonen von Menschen bald Wirklichkeit. Aber der Damm hielt nicht lange: Nach den Schafen wurden schnell Mäuse und Rinder geklont, nachdem es anfangs nur mit weiblichen Tieren ging, klappte es dann auch mit männlichen Zellen. 1999 traute sich Dollys Schöpfer Ian Wilmut aus der Deckung und sagte, er wolle noch in diesem Jahr Menschen klonen. US-Amerikaner und Koreaner taten es dann im Sommer wirklich – auch wenn sie die Klone im Stadium embryonaler Zellhaufen vernichteten. Die deutsche Regierung reagierte erschreckt: „In Deutschland bleibt Klonen verboten.“ Inzwischen stellten sich die ersten Mängel heraus: Die Klontechnik ist kein Jungbrunnen. Der Klon ist immer so alt wie die Zellen, aus denen er stammt. Wenn sich beispielsweise ein reicher Mann selbst als Erbe klonen will, ist der Klon bei seiner Geburt genetisch schon so alt wie der Zellspender, mit allen schädlichen Mutationen, die sein Erbmaterial im Lauf der Jahre angesammelt hat. Und es ist auch keine hundertprozentige Kopie, weil ein kleiner Teil der Erbmasse aus dem Wirtsei übernommen wird. Der Geist ist aus der Flasche, und auch angestrengtes Wegsehen bringt ihn nicht wieder hinein. Die Gesellschaft muß sich der Debatte stellen, was sie mit den neuen Möglichkeiten anstellen will. Und wenn die Naturwissenschaftler schweigen, dann ist es gut, wenn wenigstens ein Philosoph den Mund aufmacht.

Jürgen Nakott

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