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Allgemein

Waldsterben – da war doch was?

„Gezwungenermaßen habe ich 1979 meine Warnung etwas kräftiger formuliert.“ So beurteilt Bernhard Ulrich rückblickend seinen Bericht zum Thema Waldsterben an das Umweltbundesamt, der damals mächtig Staub aufwirbelte. Heute jedoch zieht der 75jährige, bis 1991 Inhaber des Lehrstuhls für Bodenkunde und Waldernährung an der Universität Göttingen, ein verhalten optimistisches Resümee: „ Die Gesellschaft hat mit Erfolg gehandelt: Wichtige Luftschadstoffe haben sich verringert. Das muß man betonen.“

„Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“, lautete der Protest-Slogan der Umweltschutzbewegung, die sich Ende der siebziger Jahre in Deutschland formierte. Ulrich lieferte ihr wissenschaftliches Unterfutter – wobei er selbst den „emotional gefärbten Begriff Waldsterben nicht benutzt“ habe, wie er klarstellt. Seit den sechziger Jahren war er einer der Ursachen auf der Spur: dem „sauren Regen“, der nach dem Bau immer höherer Schornsteine die Wälder schädigte – weitab von den Industriezentren, vor allem in höheren Lagen. Ulrich verfaßte eine wissenschaftliche Publikation nach der anderen und wurde – zunächst – geflissentlich überhört. „Ob Politiker, Wirtschaftsleute oder Forstkollegen – jeder, dem ich gesagt habe, die Emissionen müßten runter, hat geantwortet: ,Das geht nicht.‘“ Dann bewegte sich doch etwas. Ab Mitte der achtziger Jahre wurden beim Schwefel die Emissionen in Deutschland auf ein Drittel der Sechziger-Jahre-Werte heruntergefahren, europaweit immerhin auf die Hälfte. Ulrich: „Zum befürchteten großflächigen Absterben der Wälder kam es deshalb nicht.“

Zu tun bleibt indes genug. 23 Prozent der Bäume haben „ deutliche Schäden“, 42 Prozent sind in der „Warnstufe“, notiert der letzte Bericht über den Zustand des Waldes der Bundesregierung. 40 Prozent aller Buchen und 35 Prozent der Eichen sind – emotional formuliert – krank. Das Ökosystem ist gestört: „Der schlechte Zustand vieler Böden bleibt noch auf Jahrzehnte das Problem Nummer eins“, prophezeit Ulrich. Als Gegenmaßnahme empfiehlt er das Kalken und einen naturnahen Waldbau, der das Ökosystem stabilisieren könne. Es ärgert ihn, daß die Länderfinanzminister ausgerechnet jetzt der als wenig lukrativ stigmatisierten Forstwirtschaft die Stellen streichen. Ulrich: „Mit immer weniger Mitarbeitern einen viel intensiveren Waldbau betreiben wollen – das geht nicht.“

Außerdem verbleiben eine Fülle weiterer Schadstoffe in der Luft: Ozon, giftige Kohlenwasserstoffe und vor allem der Stickstoff aus Auspufftopf und Gülletank. Ulrich: „Der Wald wird seit den siebziger Jahren massiv überdüngt – das gab es nie zuvor.“ Selbst nach den Reduktionszielen für das Jahr 2020 hält er die Werte beim Stickstoff in Europa noch für zu hoch.

Trotzdem – auch in 100 Jahren wird es Wald in Deutschland geben, ist Ulrich überzeugt. Freilich einen anderen als heute: Aufgrund der Klimaerwärmung dürfte in Trockeninseln wie dem Mainzer Becken der Wald schwinden, die Buchen hingegen in den Mittelgebirgslagen höher klettern und mehr schnellwüchsiger Ahorn und Eschen hinzukommen. Auf den Höhen mancher Mittelgebirge prognostiziert Ulrich dem Wanderer auf Dauer freie Sicht: „ Aufgrund der hohen Niederschläge vernässen die freiliegenden Böden dort schnell. Dann ist kaum mehr Wald hinzukriegen, das bleibt offen.“

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Veränderung, das weiß auch Ulrich, ist für den Wald nichts Neues. Schließlich hat das, was wir heute Wald nennen, mit dem, was noch vor 2000 Jahren in unseren Breiten wuchs, nur wenig gemein.

Bernhard Epping

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