Waren die ersten Künstler Europas Neandertaler? - wissenschaft.de
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Waren die ersten Künstler Europas Neandertaler?

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Höhlenmalereien im nordspanischen El Castillo. Bild: Pedro Saura
Bisher waren sich Wissenschaftler eigentlich sicher: Die ersten Kunstwerke entstanden in Europa, und ihre Urheber waren moderne Menschen. Zumindest Letzteres stellt eine aktuelle Science-Studie jetzt infrage, denn eine neue Datierungsmethode ergab nun für Höhlenmalereien in Nordspanien ein Alter von mindestens 40.000 Jahren. Zu dieser Zeit war der moderne Mensch in dieser Gegend aber nicht alleine: hier lebten auch noch Neandertaler.

Höhlenmalereien geben Paläontologen Zeugnis davon, wann in der Menschheitsgeschichte ein Sinn für symbolhafte Ausdrucksweise und Kunst einsetzte. Mit einem geschätzten Alter von 37.000 Jahren zählten die 2007 in der südfranzösischen Höhle Abri Castanet entdeckten Zeichnungen von Tieren und geometrischen Formen bisher als älteste bekannte Beispiele für Höhlenkunst. Die Datierung von Höhlenmalereien stellt für Paläoanthropologen allerdings eine große Schwierigkeit dar. In der Regel enthalten die Malereien nämlich kaum organisches Material. Für die gängigste Datierungsmethode, die auf dem Zerfall des natürlicherweise vorkommenden radioaktiven 14C- Isotops beruht, ist dies jedoch eine wichtige Voraussetzung. Daher setzte ein Team aus britischen, spanischen und portugiesischen Wissenschaftlern um Alistair Pike von der University of Bristol in einer aktuellen Science-Studie auf eine andere Methode, um das Alter von Zeichnungen und Malereien in elf nordspanischen Höhlen zu bestimmen. Diese roten Punkte sind einer aktuellen Studie zufolge mindestens 40.800 Jahre alt – und damit die ältesten bekannten Höhlenmalereien. Bild: Pedro Saura, Höhle El Castillo Die Forscher datierten Kalkablagerungen, die sich auf den insgesamt 50 untersuchten Werken gebildet hatten, anhand von deren Gehalt an Thorium-230. Dieses entsteht durch den radioaktiven Zerfall von Uran, welches bei der Entstehung des Materials eingebaut wurde. Aus dem Alter der Kalkablagerungen konnten die Wissenschaftler auf das Mindestalter der darunter gelegenen Kunstwerke schließen. Das spektakuläre Ergebnis der Datierung setzt den Beginn der Höhlenmalerei in Europa gleich um mehrere Jahrtausende zurück: So ist die Abbildung einer Gruppe von roten Scheiben in der Höhle El Castillo den Autoren zufolge mindestens 40.800 Jahre alt. Für den Umriss einer Hand in derselben Höhle stellten die Wissenschaftler ein Mindestalter von 37.300 Jahren fest, und für das Abbild eines Zapfens 35.600 Jahre. Moderne Menschen sind in Europa seit rund 42.000 Jahren nachgewiesen. Demnach müssten sie die Höhlenmalerei damals entweder bereits als Teil ihres kulturellen Repertoirs mitgebracht haben, oder sie haben diese Fähigkeit sehr bald nach ihrer Ankunft entwickelt. Über 37.000 Jahre alte Handumrisse. Stammen sie von Neandertalern? Bild: Pedro Saurafa, Höhle El Castillo Einen Grund dafür, dass die Höhlenmalerei bisherigem Wissen zufolge in Europa entstanden ist, sieht Studienleiter Pike darin, dass der Ressourcenkonflikt mit den Neandertalern innerhalb der ersten Gruppe von modernen Menschen kulturelle Innovationen stimuliert und dadurch deren Überleben gesichert habe. Pike weist jedoch noch auf eine weitere Möglichkeit hin, wer die Künstler in den nordspanischen Höhlen gewesen sein könnten: ?Die Höhlenmalerei könnte auch vor der Ankunft der modernen Menschen begonnen haben und von den Neandertalern stammen. Das wäre eine fantastische Entdeckung, denn es würde bedeuten, dass die Handkonturen auf den Wänden der Höhlen von Neandertaler- Händen stammen.? Er räumt allerdings ein, dass man noch mehr Beispiele datieren müsse, um zu sehen, ob das tatsächlich der Fall sei. Möglich ist es, denn in die jüngsten Neandertaler-Spuren in Nordspanien sind gerade mal 42.000 Jahre alt und das Aussterben der archaischen Menschenart wird auf 30.000 Jahre vor Christus geschätzt. Unabhängig von den Urhebern der Malereien und Zeichnungen in den spanischen Höhlen verdeutlichen diese, wie sich im Laufe der Zeit der Stil der Höhlenkünstler veränderte: Während ältere Werke wie die in der aktuellen Studie untersuchten, eher einfarbig waren und keine Figuren zeigten, entwickelte sich der Malstil innerhalb der darauf folgenden Jahrtausende hin zum Figurativen und zur Mehrfarbigkeit. Hierbei wurden frühere Malereien auch des Öfteren von neueren übermalt, wie etwa in der berühmten Höhle Altamira, die in dem folgenden Video zu sehen ist. Nach 46 Sekunden erscheinen einige rote Symbole, die der neuen Studie zufolge mindestens 35.600 Jahre alt sind. Das mehrfarbige Bison, das die roten Symbole überdeckt, ist nur etwa halb so alt. Video: National Museum and Research Centre of Altamira

Alistair Pike (University of Bristol) et al.: Science, doi: 10.1126/science.1219957 © wissenschaft.de ?Maren Emmerich
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