Warum Menschenaffen so trendy sind - wissenschaft.de
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Warum Menschenaffen so trendy sind

Zu 98,4 Prozent sind Menschen Affen – oder ist es umgehkehrt? Ihr Erbgut ist fast identisch, ihr Verhalten auch – Genetiker und Hirnforscher haben Menschen, Schimpansen und Gorillas eng zusammengerückt. Aber es steckt mehr als biologisches Interesse hinter dem Modephänomen Menschenaffe. Es ist die Sehnsucht nach den letzten Wilden.

Jeder dritte Mensch ist dafür, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans die Menschenrechte zuzusprechen. Das ergab eine weltweite Umfrage des britischen Medienkonzerns BBC unter seinen Internet-Lesern. Eine internationale Initiative prominenter Wissenschaftler fordert dies seit langem. In Neuseeland beantragte die Gruppe vor kurzem sogar eine entsprechende Gesetzesänderung (siehe Kasten „Menschenrechte für Gorilla & Co“).

Einen besonderen Platz in unserer Kultur haben Menschenaffen seit jeher. Der große Philosoph Immanuel Kant bestätigte, daß Schimpansen „mit den Menschen viel Ähnlichkeit haben“. Charles Darwin zog aus seiner Evolutionstheorie den Schluß: Die heutigen Affen und Menschen hatten einen gemeinsamen Vorfahren. Und für Friedrich Nietzsche war klar: „Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe als irgendein Affe.“

Neben der Ähnlichkeit faszinierten die Öffentlichkeit stets die schlagzeilenträchtigen Geschichten, die sich um die Erforschung unserer wilden Verwandten rankten. Etwa die der drei jungen Frauen, die in die Wildnis zogen und ihre Leben den Menschenaffen widmeten. Jane Goodall machte uns mit dem Familienleben der Schimpansen vertraut, die „Gorillafrau“ Dian Fossey wurde im Kampf um den Schutz ihrer geliebten Tiere brutal ermordet. Doch trotz der blutigen Tat „ist sie letzten Endes Siegerin geblieben“, sagte Biruté Galdikas, die „Mutter der Orang-Utans“: „Fosseys Opfertod hat den Berggorillas einen Platz im Bewußtsein der Öffentlichkeit verschafft.“ Hollywood machte daraus den Kinohit „Gorillas im Nebel“.

Kaum jemand kann sich der Faszination seiner haarigen Vettern entziehen. In einer Zeit, in der Philosophen wie Jürgen Mittelstraß, Professor an der Universität Konstanz, ein technophiles Bewußtsein fordern und den Menschen in einer technik- und wissenschaftszentrierten Welt sehen (bild der wissenschaft 6/1997 „Leonardo – oder die Welt, die wir uns schufen“), vermitteln Menschenaffen etwas beruhigend Vertrautes. Biruté Galdikas faßt dieses Gefühl in Worte, wenn sie über den Orang-Utan schreibt: „Mit seiner gelassenen Selbständigkeit verkörpert er einen großen Teil dessen, was wir in der heutigen hektischen Welt suchen.“ So gesehen sind Menschenaffen das Gegenbild zu unserer Kultur, die letzten Wilden, nachdem alle Naturvölker zivilisiert sind.

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Doch Medieninteresse und Zeitgeist allein reichen nicht, um den momentanen Affenboom zu erklären. Der Hauptgrund für den Affentrend liegt woanders: Noch nie war in den Augen vieler Wissenschaftler der Abstand zwischen Mensch und Menschenaffe so gering. Trennten uns früher Welten, so scheinen unsere Verwandten aus dem Busch heute auf unserer Hausschwelle zu stehen.

Die jüngste Phase dieser Annähe-rung begann, als Louis Leakey, Paläontologe und Mentor der wohl berühmtesten Affenforscherin Jane Goodall, sie 1960 zu den Schimpansen in die tansanische Wildnis schickte, damit „ein neues Fenster zu unserer Vergangenheit aufgestoßen würde“. Goodall erklärte später: „Leakeys Neugier beruhte auf der Überzeugung, daß ein Verhalten, das Menschen von heute und Schimpansen von heute gemeinsam haben, wahrscheinlich auch bei unseren gemeinsamen Vorfahren und also auch den frühen Menschen vorhanden war.“

Goodalls Forschung begann mit einem Paukenschlag. Bereits im ersten Jahr beobachtete sie wilde Schimpansen, die Zweige abrissen, deren Blätter entfernten und diese Stöcke zum Angeln von Termiten benutzten. Zum ersten Mal war damit beobachtet worden, daß wilde Tiere ein Werkzeug nicht nur gebrauchen, sondern selbst herstellen. Die Einzigartigkeit des Menschen war erschüttert. Als Goodall Louis Leakey ihre Beobachtung telegrafierte, antwortete dieser, man müsse entweder die Definition des Menschen ändern oder Schimpansen als Menschen anerkennen.

In den folgenden Jahren revidierte die junge Engländerin das Klischee von den behaarten Bananenfressern. Sie beschrieb Schimpansen als liebevolle, sensible und kluge, aber auch aggressive und durchtriebene Geschöpfe. Ihr Bild wandelte sich von einer Karikatur des Menschen zu dem einer selbständigen Persönlichkeit.

Dann beobachtete Goodall eine weitere Fähigkeit, die man bislang nur von Menschen kannte: die Kriegführung. 1974 kam es zu einem Bandenkrieg zwischen zwei Schimpansengruppen. Nach vier Jahren hatte die größere der beiden die kleinere vollständig ausgerottet.

Zur gleichen Zeit, in der Goodall ihre Beobachtungen in einer afrikanischen Hütte auf Band sprach, brachten Psychologen verschiedenen Menschenaffen die Zeichensprache bei und führten mit ihnen einfache Gespräche. Der Menschheitstraum vom Dialog mit den Tieren schien in Erfüllung zu gehen.

Heute ist die Forschung in eine Phase getreten, in der die Grenzen zwischen Mensch und Affe vollends zu verwischen drohen. Das Hauptargument lieferten die Genetiker: Das Erbgut von Schimpansen, Bonobos und Menschen ist zu 98,4 Prozent identisch. Diese drei Primatenarten sind miteinander näher verwandt als etwa der Afrikanische mit dem Indischen Elefanten. Genetisch wäre es gerechtfertigt, Schimpansen und Bonobos in die Gattung Homo aufzunehmen – oder umgekehrt: Der US-Anthropologe Jared Diamond bezeichnet den Menschen als „den dritten Schimpansen“. Ganz vernachlässigbar sind 1,6 Prozent Unterschied im Erbgut allerdings nicht. Winzige Abweichungen können große Wirkungen haben, wie die Genetiker auch wissen.

Vor kurzem wiesen Wissenschaftler der Universität von California in San Diego einen solchen Fall konkret nach: Ein Zuckermolekül, das zur Gruppe der Sialinsäuren gehört, besitzt bei Schimpansen ein Sauerstoffatom mehr. Um dieses Atom in den Stoffwechsel zu integrieren, braucht der Schimpanse ein besonderes Enzym. Beim Menschen fehlt dieses Enzym, weil das Gen, das den Bauplan dafür enthält, kürzer ist. Ein kleiner Unterschied mit großen Folgen: Sialinsäuren spielen eine Rolle bei der Weitergabe von Informationen zwischen den Zellen und bei der Gehirnentwicklung.

Darüber hinaus dienen sie als Andockstellen für Malaria-, Cholera- oder Grippeerreger. Möglicherweise erklärt dieser Unterschied, warum Menschen auf einige Krankheitserreger empfindlicher reagieren als Schimpansen.

Für sich allein betrachtet sagen 98,4 Prozent genetische Übereinstimmung also nicht viel aus. Wie ähnlich uns die Menschenaffen sind, muß an anderen Kriterien festgemacht werden.

Zum Beispiel am Selbstbewußtsein: Nach jahrzehntelanger Forschung gilt es heute als gesichert, daß zumindest Schimpansen sich als sich selbst im Spiegel erkennen – bei Bonobos hält man es für wahrscheinlich, bei Gorillas ist es umstritten. Ob das allerdings auch bedeutet, daß die Tiere Selbstbewußtsein besitzen, bleibt fraglich. Der US-Verhaltensforscher Gordon Gallup Jr. von der State University of New York in Albany glaubt daran. Nur wenn die Tiere eine Vorstellung von sich selbst haben, sagt er, könnten sie auch einen anderen Affen als andere Persönlichkeit erkennen – und nur so sei zu erklären, daß sie Artgenossen zu täuschen versuchen, sich mit ihnen versöhnen oder mit ihnen leiden.

Sein Kollege Daniel Povinelli von der Universität Southwestern Louisiana ist skeptisch. Bei seinen Versuchen zeigten sich die Schimpansen nicht in der Lage, gedanklich in die Haut ihres Gegenübers zu schlüpfen. Sein Fazit: „Geistig sind sie keine kleinen, behaarten Kinder.“ Gallup vermutet dagegen, daß Povinelli bei seinen Versuchen zu junge Schimpansen eingesetzt hat. Neben dem Selbstbewußtsein spielt die Sprache eine große Rolle in der Debatte um die Menschenähnlichkeit der Affen: Die beiden Experimentalpsychologen Beatrix und Allen Gardner brachten Ende der sechziger Jahre einem Schimpansenweibchen namens Washoe die Gebärdensprache bei. Der Psychologe Roger Fouts führte das Projekt weiter und konnte sich durchaus mit Schimpansen über einfache Themen unterhalten. Der Gebärden-Dialog mit Lucy, die im Wohnzimmer ein Kothäufchen hinterlassen hatte, veranschaulicht die geistige Kapazität der Tiere – auch beim Lügen. Hier das Gebärden-Protokoll:

Roger: „Was ist das?“

Lucy: „Lucy weiß nicht.“

Roger: „Weißt du doch. Was ist das?“

Lucy: „Schmutzig. Schmutzig.“

Roger: „Wessen schmutzig, schmutzig?“

Lucy: „Sue“ (eine Studentin).

Roger: „Das ist nicht von Sue. Von wem?“

Lucy: „Roger.“

Roger: „Nein, das ist nicht mein. Von wem?“

Lucy: „Von Lucy schmutzig, schmutzig. Es tut Lucy leid.“

Trotz solcher Dialoge gelang es Fouts aber nicht, alle Zweifel am Sprachvermögen seiner Schützlinge zu beseitigen. Zu tief saß das Trauma vom „Klugen Hans“. Dieser Hengst hatte Anfang des Jahrhunderts Furore gemacht. Durch das Klopfen seiner Hufe konnte er Rechenaufgaben lösen, die ihm das Publikum stellte. Erst Psychologen, die genau hinschauten, stellten fest, daß Hans keineswegs so klug war wie angenommen. Vielmehr konnte der Hengst selbst feinste Anspannungen und Reaktionen seines Trainers oder des Publikums registrieren und so die Lösung erahnen.

Erst Sue Savage-Rumbaugh vom Yerkes Primatenzentrum in Atlanta überzeugte die Fachwelt vom Intellekt der Menschenaffen. Sie setzte spezielle Symboltafeln ein, so daß die Tiere auch per Computer kommunizieren konnten. Weil verräterische Körpersignale dabei keine Rolle spielen, war der „Kluge-Hans-Effekt“ damit ausgeschlossen. Kanzi, ein Bonobo-Mann, hat es in „Yerkisch“, wie die Kunstsprache genannt wird, zur Meisterschaft gebracht. Beim direkten Sprachvergleich mit einem zweijährigen Kind schnitt der Bonobo deutlich besser ab. Heute geht man davon aus, daß die Menschenaffen etwa die Sprachfähigkeit eines zweieinhalbjährigen und die Intelligenz eines vierjährigen Menschenkindes besitzen.

Neben Selbstbewußtsein und Sprache definiert sich der Mensch über seine Emotionen und sein Sozialverhalten. Hier stehen ihm Menschenaffen kaum nach. Goodall erzählt beispielsweise die Geschichte des achtjährigen, bereits selbständigen Schimpansenjungen Flint, der nach dem Tod seiner Mutter unter schweren Depressionen litt und drei Wochen später starb. Ein anderes Beispiel ist der fast erwachsene Spindle, der sich um den dreijährigen, verwaisten Mel kümmerte.

Goodall: „Spindle teilte sein Schlafnest und seine Nahrung mit ihm. … Tatsächlich trug er Mel so oft, daß an seinen Lenden, wo Mel sich mit den Füßen anklammerte, das Haar bald abgewetzt war und er zwei große, helle, haarlose Stellen bekam.“ Erstaunlich war dabeit, daß Spindle Mel adoptierte, obwohl beide nicht verwandt waren.

Ähnlich „menschliche“ Beobachtungen machte auch der niederländische Verhaltensforscher Frans de Waal. Er berichtet in seinen Büchern – zum Beispiel in „Wilde Diplomaten“ – von Einschüchterung, Koalitionsbildung, Intrigen und Verrat in einer Schimpansengesellschaft. Würde man die Schimpansen durch Menschen ersetzen, könnten diese Geschichten auch das alltägliche Leben in einem Büro beschreiben.

Gestützt wurden die reinen Verhaltensbeobachtungen kürzlich durch vergleichende Untersuchungen von bestimmten Hirnstrukturen bei Affen und Menschen. Es gibt einen bestimmten Typ von Hirnzellen beim Menschen – die Spindelzellen -, dem die Forscher eine besondere Rolle zuschreiben bei der Verbindung von Wahrnehmungen und Emotionen sowie bei der bewußten Erfahrung von Schmerzen. Diese Spindelzellen liegen in einer kleinen Gehirnwindung in der Mitte des Stirnlappens, der Schnittstelle von Gedanken und Gefühlen. Diese Hirnregion verglich die amerikanische Neurobiologin Esther Nimchinsky bei 28 Halbaffen, Affen und Menschen. Während sie bei den Halbaffen nicht fündig wurde, entdeckte sie die Spindelzellen bei allen Menschenaffen. Beim Menschen machen sie 5,6 Prozent der dortigen Hirnzellen aus, bei den Bonobos 4,8 Prozent, bei Schimpansen 3,8, bei Gorillas 2,3 und bei Orang-Utans 0,6 Prozent.

Keine Frage, die Parallelen zwischen Menschen und Menschenaffen sind nicht zu leugnen. Dennoch sollte man die geistige Distanz nicht verlieren. Auch die „Schimpansenfrau“ Jane Goodall hat gefordert, daß der Mensch sich des Unterschieds bewußt bleibe: „Selbst wenn wir uns nicht in der Sorte, sondern nur im Ausmaß von den Menschenaffen unterscheiden, ist dieses Ausmaß doch überwältigend.“

Menschenrechte für Gorilla & Co Vor sechs Jahren machte ein Affenbuch weltweit Furore. Sein unverfänglicher Titel: The Great Ape Project (GAP). In der deutschen Ausgabe sticht die Provokation direkt ins Auge: „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen“. Darin fordern 37 international namhafte Wissenschaftler, Philosophen und Juristen nicht weniger, als daß Bonobos, Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen dieselben Grundrechte genießen sollten wie Menschen, konkret: Recht auf Leben, Schutz der individuellen Freiheit, Verbot von Folter und medizinischen Versuchen.

Mittlerweile ist das GAP eine weltweite Bewegung. Seine Vertreter möchten die vier Menschenaffenarten in die menschliche „Gemeinschaft der Gleichen“ aufnehmen. Sie argumentieren, daß Menschenaffen „geistige Fähigkeiten und ein emotionales Leben haben, die hinreichend sind, ihre Einbeziehung in die Gemeinschaft der Gleichen zu rechtfertigen“. Anfang des Jahres unterbreiteten neuseeländische Wissenschaftler und Juristen dem Parlament einen Gesetzesvorschlag , der den Forderungen des GAP folgt. Sollte er Gesetz werden, wäre Neuseeland einmal mehr Vorreiter. Es war der erste Staat, der – 1893 – Frauen das Wahlrecht gab.

Harald Lorenz

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