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Allgemein

Was die Psyche verrät

In der Praxis nutzen die Jugendämter die medizinische Altersschätzung jedoch selten. Routinemäßig gehen sie psychologisch an die Sache heran. Bevor man Makeba zu den medizinischen Tests schickte, wurde auch sie von zwei Beamten des ­Jugendamts befragt. Warum und wie sie nach Deutschland gekommen sei und was sie hier vorhabe, wollten sie von Makeba wissen. An der Art, wie sie antwortete, verschafften sich die Beamten einen ersten Eindruck von ihrem Alter.

Daneben sind Fragen über die Familie, das Leben zuhause und die Schulbildung üblich. Die Interviewer beurteilen auch das Erscheinungsbild. Makeba hat einen kräftigen Körper, offenbar gezeichnet von der harten Arbeit von Kindesbeinen an. Schon mit sechs half sie, Wasser zu holen, erzählt die Guineerin. Seit sie acht war, balancierte sie regelmäßig Brennholz viele Kilometer lang auf dem Kopf.

Wie treffsicher die Behörden in ihrem Urteil sind, hat bislang niemand geprüft. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge teilt mit: „Eine methodische Standardisierung wäre wünschenswert.“ Und bezeugt: „Eine Einschätzung, die auch das äußere Erscheinungsbild einer Person einbezieht, ist naturgemäß von der subjektiven Wahrnehmung des Gesprächsführenden abhängig.“

Die psychosoziale Reife

Das einzige Instrument, das die bisherigen Methoden der Altersschätzung ersetzen könnte, ist die Feststellung der ­psychosozialen Reife. Anwendung findet sie seit jeher bei der Einschulung oder bei Gericht, wenn Heranwachsende unter 21 Jahren straffällig geworden sind. Dann sollen Psychologen die geistige Reife ermitteln. Danach bemessen Richter, ob sie das Jugend- oder das Allgemeine Strafrecht anwenden.

1955 entwickelte die Deutsche Vereinigung für Jugendpsychiatrie dazu die Marburger Richtlinien. Sie sollen helfen, die Reife zu beurteilen. Der Gutachter ­erkundigt sich beispielsweise nach der Lebensplanung oder beruflichen Perspektiven – und wie ernsthaft der Befragte beides verfolgt. Auch nach dem Sexual­leben fragt er. Flatterhaftigkeit, Naivität und häufig wechselnde Partner sprechen für Unreife, sagt Michael Günter, Psychiater an der Universität Tübingen, der regelmäßig von den Gerichten mit entsprechenden Begutachtungen betraut wird.

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Es gibt jedoch keine standardisierten Fragen. Dementsprechend klaffen die Einschätzungen der Experten auseinander. In Deutschland zeigt sich hier ein ­kurioses Nord-Süd-Gefälle: In Baden-Württemberg, so Günter, entscheiden die Richter nach vorherigem psychologischem Gutachten bei rund 50 Prozent der jungen Angeklagten auf Anwendung des Jugendstrafrechts – während es in den nördlichen Bundesländern über 80 Prozent sind.

Wie reif ist ein Mensch?

Für Zuwanderer eignen sich die Marburger Richtlinien nur bedingt. Kürzlich beurteilte Michael Günter den Reifegrad zweier Syrer und stellte fest: „Durch die Erlebnisse auf der Flucht und die Trennung von den Eltern hatten sie eine beachtliche Sozialkompetenz erworben.“ Doch was ihr Sexualleben betraf, besaßen die beiden keine Vorstellungen. Sie meinten nur, ihr Vater würde es nicht gutheißen, wenn sie mit einem Mädchen vor der Ehe sexuellen Kontakt hätten. „Man konnte gewiss nicht von reifen Personen sprechen, denn ihre Persönlichkeitsentwicklung unterschied sich in den verschiedenen Bereichen enorm“, urteilt Günter. Und: Vor allem Zuwanderer aus afrikanischen und hispanischen Ländern, würden in der Reife überschätzt.

Makebas Betreuerin ( Name zum Schutz der Klientin nicht genannt) glaubt zunächst an das geschätzte Alter. Die junge Afrikanerin wirkt auf die Psychologin diszipliniert und ruhig – durchaus erwachsen also. Makeba lebt mittlerweile mit dem Vater ihrer Kinder in Berlin und hat mit ihm zwei weitere Kinder bekommen. Doch als sich die Psychologin erkundigt, weshalb sie ihr erstes Kind schon mit 13 Jahren gebar, antwortet Makeba: Sie hätte sich sehr über ihren Sohn gefreut, weil sie so jemanden zum Spielen hatte – sie sei sehr einsam gewesen. Ein Mensch mit einer reifen Persönlichkeit würde das eigene Kind jedoch nicht als Spielkameraden ansehen. Und selbst wenn: Ein gereifter Mensch würde beim Blick in die Vergangenheit klarstellen, dass die Gefühle einst so waren, sie heute aber der Verantwortung für das Kind gewichen sind. Durch ihre Äußerungen erscheint Makeba der Psychologin kindlich – vielleicht ein Hinweis, dass ein früh erlebtes Trauma ihre persönliche Entwicklung stocken ließ.

Entscheidung ausstehend

Die Betreuerin schreibt schließlich an den Senat, dass Makebas Reife nicht der einer 18-Jährigen entsprechen würde. Daraufhin wird die Guineerin zwar im Asylverfahren weiterhin als 19-Jährige behandelt, doch einem Antrag auf ­Jugendhilfe wird stattgegeben. Makeba kommt in eine Wohngemeinschaft mit anderen Jugendlichen statt in ein Asyl­bewerberheim mit erwachsenen Migranten. Aus diesem Grund kann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester beginnen. Sie sorgt für ihre kleinen Kinder, lernt nachts Deutsch, ihr Mann geht arbeiten. Doch ob sie in Berlin bleiben darf oder abgeschoben wird, weiß sie noch nicht.

 

Teil I Sag mir erst, wie alt du bist

Teil II Das Alter an den Knochen ablesen

Teil III Von Irrtümern und Fehlurteilen

Teil IV Was die Psyche verrät (Sie sind hier)

Der Beitrag ist in bild der wissenschaft 10/2016 erschienen.

   

  
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© wissenschaft.de – Susanne Donner
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