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Was heißt eigentlich gesund?

Die Vorstellung von Gesundheit und Krankheit hat sich in letzter Zeit extrem gewandelt. Ein Essay von Prof. Robert Jütte.

„Die Erforschung der Krankheiten hat so große Fortschritte gemacht, dass es immer schwerer wird, einen Menschen zu finden, der völlig gesund ist“, bemerkte der englische Schriftsteller Aldous Huxley. Da ist durchaus etwas Wahres dran. Doch kommt es ganz darauf an, was man unter „gesund“ versteht. Dazu müssen wir zunächst die Frage beantworten, was wir, die wir in einer postmodernen Industriegesellschaft westlicher Prägung leben, eigentlich mit Gesundheit oder Krankheit meinen, denn auf diese Frage gibt es in anderen Kulturen und im Verlauf der Menschheitsgeschichte ganz unterschiedliche Antworten.

1946 definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO): „ Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen“. Auch wenn diese Definition vor allem in Hinblick auf ihren Realitätsgehalt und ihre Bedeutungsbreite häufig kritisiert worden ist, so hat der darin enthaltene weit gefasste Gesundheitsbegriff, dem man utopische Züge nicht absprechen kann, die gesundheitspolitische Diskussion in den letzten Jahrzehnten mitbestimmt. Gesundheit wird darüber hinaus heute wieder vermehrt als Ausdruck eines dynamischen Gleichgewichts gesehen, allerdings nicht mehr im Sinne der antiken Säftelehre, sondern in Anlehnung an ein bio-kybernetisches Modell, das den cartesianischen Körper-Geist-Dualismus überwindet. „Der Unterschied zwischen Krankheit als Defekt einer Maschine und als Antwort eines lebenden Systems“, so Thure von Uexküll und Wolfgang Wesiack, „ entspricht dem Unterschied zwischen der Vorstellung von dem Kranken als Objekt und dem Kranken als Subjekt.“

Krankheit wird also seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr nur im Sinn der dominierenden naturwissenschaftlichen Richtung in der Medizin als lokalisierbare pathologisch-anatomische Veränderung gedeutet, auch nicht als reine Funktionsstörung. Man trifft inzwischen vermehrt auf die Einsicht, dass der Mensch durch einschneidende biografische Erlebnisse und Konfliktsituationen nicht nur seelisch erkranken kann, sondern dass er durch ständige Überforderung in der Arbeits- und Lebenswelt schwere psychosomatische Leiden bekommen kann.

Damit wurde der einst vorherrschende biologische Krankheits- und Gesundheitsbegriff um eine psychosoziale Dimension erweitert. Eine der Folgen ist eine Ausweitung und Auffächerung des Angebots an diagnostischen Verfahren und Therapien, die uns immer mehr Geld kosten – ganz gleich, ob sie nun aus dem Solidartopf der Gesetzlichen Krankenversicherung oder aus eigener Tasche bezahlt werden.

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„Alle suchen im Arzt verzweifelt den Schamanen oder den Priester; der Arzt, stumpf und eingeschüchtert, verbarrikadiert sich hinter der Technik, der Chemie, der Physik, dem Experiment und der Analyse“, behauptet der italienische Dichter Giudo Ceronetti in seinem Buch „Das Schweigen des Körpers“ – und trifft damit den Nerv unseres Zeitalters, das durch den weiteren Ausbau der Hochleistungsmedizin und die damit verbundene Kostenspirale auf der einen Seite und dem wachsenden Angebot und der steigenden Nachfrage nach un-konventionellen medizinischen Richtungen auf der anderen Seite geprägt ist. So wird – wie Experten zugeben – viel zu viel geröntgt, in Deutschland noch mehr als in anderen Ländern.

Doch gibt es nicht nur einen Überfluss an modernster (und meist sehr teurer) Diagnostik, da man den Ärzten beigebracht hat, „auf Nummer Sicher zu gehen“ und lieber zu viel als zu wenig an bildgebenden Verfahren und Laboruntersuchungen einzusetzen. Auch in der Therapie vertraut kaum ein Mediziner mehr auf die einst viel beschworenen und sicher wirksamen Selbstheilungskräfte des Körpers. Das zeigt die unkritische Verabreichung von Blutplasma, die schon bei Blutwerten einsetzt, die nach experimentellen und klinischen Studien als unbedenklich gelten. Doch auch die Patienten sind mit schuld an dieser kostentreibenden Situation, denn sie zeigen eine große Bereitschaft zu glauben, dass man durch die Apparatemedizin gesund werden könne, wie ihnen ihr behandelnder Arzt oder die Werbung von Herstellern medizintechnischer Geräte vermitteln.

Das ist die eine Seite der Medaille, die andere Seite ist der gegenwärtige Boom alternativer Heilverfahren, die größtenteils nicht von der Gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt werden. Die Wirksamkeit dieser Therapien im Sinne einer Evidence-Based-Medicine ist bekanntlich umstritten. Immerhin haben Untersuchungen festgestellt, dass bei vielen Anhängern solcher Verfahren – darunter etlichen Anwendern der Bachblüten- Therapie – die Bereitschaft groß oder sogar größer ist, ihr Verhalten in punkto Essen, Alkohol oder Rauchen zu verändern.

Aus einer Schweizer Studie geht hervor, dass die Mehrheit der Befragten der Meinung war, die heutige Medizin sei zu stark auf Heilung und zu wenig auf Gesundheit ausgerichtet. Entsprechend wird der Krankheitsprävention von den Patienten ein großer Stellenwert zugebilligt. Dem widerspricht nicht, dass sich die Menschen im Alltag oft nicht an ihre guten Vorsätze halten. Erinnert sei hier an Karl Jaspers, der einmal gesagt hat, dass Gesundheit eine Lebensform sei, die nicht allgemein entworfen und nicht unter denselben Bedingungen wiederholt werden kann.

Seit einigen Jahren wächst unter den Ärzten die Bereitschaft, an einem Paradigmenwechsel in der Medizin mitzuwirken, den der verstorbene israelische Gesundheitswissenschaftler Aaron Antonovsky vor eineinhalb Jahrzehnten mit dem Begriff „ Salutogenese“ umschrieben hat. Darunter verstehen die Anhänger dieses Konzepts mehr als nur das Werben für gesundes Essen oder regelmäßige Bewegung. Dem Menschen soll ein Sinn für die Sinnhaftigkeit, die Überschaubarkeit und die Beeinflussbarkeit des eigenen Lebens vermittelt werden. Das festige das Selbstvertrauen und stärke die Eigenverantwortlichkeit.

Doch leichter gesagt als getan. Als sich beispielsweise in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern die Fälle von Menschen häuften, die über Depressionen klagten und gleichzeitig ein somatisches Beschwerdebild entwickelten, kam es zunächst zu einer rapiden Zunahme von Untersuchungen auf Schilddrüsenüberfunktionen und Herzrhythmusstörungen. Nach kurzer Zeit näherte sich allerdings die ostdeutsche Bevölkerung der Rate der in den übrigen Bundesländern erfassten somatischen Erkrankungen mit psychischer oder sozialer Ursache an.

Einmal auf das Phänomen aufmerksam geworden, ging eine psychosomatische Rehabilitationsklinik in Thüringen neue Wege: Sie orientierte sich dabei an dem Konzept der „Salutogenese“, das nach dem Selbstverständnis ihrer Anhänger die Anwendung moderner Medizintechnik nicht grundsätzlich ausschließt. So unternahm man in diesem Krankenhaus Anfang der neunziger Jahre den Versuch, den oft selbst verschütteten Weg aus der gesundheitlichen Krise vieler „medikalisierter“ Patienten freizuschaufeln und ihnen damit zu helfen, wieder Eigenverantwortung für ihr Wohlbefinden zu übernehmen.

Einen anderen Weg ging man in München. Dort haben die Stadtwerke schon früh ihren Busfahrern die Möglichkeit eingeräumt, mehrere Tage im Jahr an einer Gesundheitsschulung im Münchner Gesundheitspark teilzunehmen. Auf diese Weise sollen die durch beruflichen Stress bedingten hohen Fehlzeiten wegen Arbeitsunfähigkeit sowie die zahlreichen Frühpensionierungen aus Krankheitsgründen verringert werden. Inzwischen hat dieses Modell auch in anderen Betrieben Nachahmer gefunden. Der Erfolg blieb nicht aus. Was einmal mit dem klassischen Betriebssport begann, ist heute eine breite Angebotspalette, die den Arbeitsnehmer zu gesundheitsbewusstem Verhalten motivieren soll. Hat die Gesundheit heute also einen größeren Stellenwert als früher?

Tatsächlich kam die Idee der „absoluten Gesundheit“ erst im 20. Jahrhundert auf. Mit dem Gesundheitsbegriff hat sich auch das Gesundheitsverhalten verändert. Vorsorge für die eigene Gesundheit ist inzwischen in den Rang eines normgerechten Verhaltens erhoben worden. Wer sich anders verhält, gesundheitliche Risiken (zum Beispiel Rauchen) in Kauf nimmt, weicht von der Norm ab und wird schief angesehen, da er sich nicht nur selbst oder andere gefährdet, sondern auch der Gesellschaft die Folge-kosten seines unverantwortlichen Handelns aufbürdet. Prof. Dr. Robert Jütte ist Leiter des Instituts für Geschichte der Medizn der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart und lehrt Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart. Sein neuestes Buch „Lust ohne Last – Geschichte der Empfängnisverhütung“ erschien 2003 im Verlag C.H. Beck.

Prof. Robert Jütte

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