Weg mit dem Dünkel von Frank Stäudner - wissenschaft.de
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Weg mit dem Dünkel von Frank Stäudner

Professoren betrachten sich nicht als normale Berufstätige. Sollten sie aber – denn nur so können die Berührungsängste der Öffentlichkeit mit den Wissenschaftlern schwinden.

Was hat ein Priester, der seine messdiener sexuell bedrängt, mit einem Juniorprofessor gemeinsam, der Forschungsergebnisse fälscht? Beides sind schlimme Verfehlungen und eklatante Verstöße – auch gegen die jeweiligen Standesregeln. Man sollte erwarten, dass die betroffenen Institutionen Kirche und Hochschule sich entschlossen um die Aufklärung der Vorwürfe und den Schutz der ihnen anvertrauten Menschen, Güter und Werte kümmern. Das passiert aber nicht. Und zwar aus einem einfachen, aber überraschenden Grund: Es ist gerade das hohe gesellschaftliche Ansehen der beiden Institutionen, das die Aufklärung behindert.

Die Parallelen sind augenfällig. Die mit Aufarbeitung der Vorwürfe beauftragten Funktionäre tragen schwer an ihrer Aufgabe. Sie bedrückt die Sorge, das Ansehen der eigenen Institution zu beschädigen. Ein jahrelanger Eiertanz ist die Folge. Dabei wäre die Lösung einfach: Der Nimbus der Wissenschaft muss zerstört werden! Aus Professoren, die der Gesellschaft als Hohepriester des Wissens Erleuchtung bringen, müssten normale Berufstätige werden. Aus den Wissenschaftlern, deren Bedeutung für den Wohlstand Deutschlands gerne herausgehoben wird, würde dann ein gesellschaftlicher Teilbereich, über dessen Eigengesetzlichkeiten und Milieubedingungen, Stärken, Schwächen und Probleme sich so nüchtern reden ließe wie über die jeder anderen Berufsgruppe.

Die oberen katholischen Kirchenfunktionäre haben Missbrauchsfälle über Jahrzehnte verschleiert. Noch im März 2012 erhob „Der Spiegel“ schwere Vorwürfe gegen den Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragten der katholischen Kirche Stephan Ackermann. Er predige zwar null Toleranz, gehe aber auffallend milde mit entlarvten Pfarrern um. Ackermann stelle die Interessen der Kirche einseitig über die der Opfer.

Die öffentliche Debatte über ein mögliches Versagen der Kirche zeigt inzwischen Folgen. Ärzte, Krankenschwestern und Lehrer üben die Berufe mit dem höchsten gesellschaftlichen Ansehen aus – das besagt die Allensbach-Berufsprestige-Skala 2011. Nach den Umfragen der Meinungsforscher vom Bodensee folgen bald darauf die Hochschulprofessoren (Platz 6). Abgestürzt sind dagegen die Geistlichen. Priester landeten in früheren Umfragen stets auf Platz 2, jetzt reicht es nur noch für Platz 8. Dazu passt, dass sich auch die Zahl der Kirchenaustritte erhöht hat. Es liegt nahe, beides als Folge der Missbrauchsskandale und ihrer als dürftig empfundenen Aufarbeitung in der katholischen Kirche zu deuten.

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Auch das Geschäft der Wissenschaftsinstitutionen verläuft äußerst zäh, wenn es darum geht, in den eigenen Reihen wissenschaftliches Fehlverhalten aufzuarbeiten und zu bestrafen. Zwar haben Silvana Koch-Mehrin, Karl-Theodor zu Guttenberg oder Jorgo Chatzimarkakis schnell ihren Doktortitel verloren, als herauskam, dass sie in ihren Doktorarbeiten ungeniert abgekupfert und fremde Texte als eigene ausgegeben hatten. Doch sie arbeiteten als Berufspolitiker und nicht in der Wissenschaft. Im Umgang mit betrügenden Kollegen tut sich die Wissenschaft schwerer.

Wie schwer, das lässt sich an der Berliner Charité studieren, dem mit rund 15 000 Mitarbeitern größten Universitätsklinikum in Europa. Der Hirnforscher Nicolai Savaskan wurde 2008 von einem ehemaligen Kollegen beschuldigt, in einem beim „Journal of Neurochemistry“ eingereichten Manuskript irreführende Angaben gemacht zu haben. Eine Untersuchungskommission hat 2010 „grobe Verletzungen der wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht“ gebrandmarkt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat Savaskan eine Rüge ausgesprochen. Seine Berufung zum Professor platzte. Es gibt weitere Manipulationsvorwürfe gegen ihn, und es stehen Vorwürfe gegen Koautoren der Studien im Raum. Der hartnäckige Herausgeber vom „Laborjournal“, Hubert Rehm, hat diesen und andere aktuelle Fälschungsfälle aufgearbeitet, nachzulesen unter www.laborjournal.de – Ausgang offen.

Immer wieder geraten Wissenschaftler unter Fälschungsverdacht, immer wieder werden sie des Betrugs überführt. Was also ist zu tun, damit die Reputation der Professoren demnächst nicht genauso in den Keller sackt wie die der Geistlichen? Meine Antwort: Wissenschaftler und Laboranten, Studenten und Professoren, Hochschulfunktionäre und Wissenschaftslobbyisten müssen anfangen, dem Wissenschaftsmilieu das Weihevolle genau wie das Dünkelhafte auszutreiben. Würde dieser Weg auf breiter Bahn beschritten, könnten alle diejenigen, die Wissenschaft betreiben, gelassener über die Probleme der Profession sprechen und versuchen, Abhilfe zu schaffen.

Für den Umgang mit Wissenschaftsbetrügern hätte das Folgen. Wissenschaftliches Fehlverhalten würde nicht länger mit – wirkungslosen – Appellen an die wissenschaftliche Ethik beantwortet. Stattdessen gerieten die Milieubedingungen stärker in den Blick, namentlich die scharfe Konkurrenz, die unter wissenschaftlichen Kollegen herrscht. Wissenschaftler stehen in härtestem Wettbewerb um Reputation, Finanzmittel und Personal. In der Sprache der Wissenschaft heißt das „publish or perish“ – drastisch übersetzt: „veröffentliche oder verrecke“.

Der Hintergrund: Wer als Wissenschaftler nicht ständig neue Veröffentlichungen nachlegt, hat schlechte Chancen auf eine feste Stelle, schon gar nicht auf eine Professur. Auch seine Forschungsanträge haben schlechte Karten: Wer selten publiziert, dem mangelt es an Bekanntheit, von der sich auch Gutachter von Forschungsanträgen beeindrucken lassen. Die Folge: Sich um was auch immer bewerbende Forscher erliegen der Versuchung, die eigene Publikationsliste trickreich aufzupolieren. Mit erlaubten Kniffen: So lassen sich mehrere bereits veröffentlichte Forschungsergebnisse zu einem neuen Aufsatz für eine andere Fachzeitschrift kombinieren. Aber auch mit unerlaubten Kniffen: Manche Forscher duplizieren Abbildungen, fingieren Resultate.

Um den Publikationsdruck abzuschwächen, wäre es hilfreich, das sich immer rasanter drehende Veröffentlichungskarussell zu bremsen. Beispielsweise könnte man die Zahl der Veröffentlichungen beschränken, die bei Karriere- und Bewilligungsentscheidungen eine Rolle spielen. Wenn nur noch fünf bis zehn Aufsätze eines Wissenschaftlers für die Berufung auf eine Professur zählen, lohnt es sich für den Einzelnen, mehr in Qualität statt in Quantität zu investieren. Eine Beschränkung hätte zu-sätzliche Effekte: Wenn weniger geschrieben wird, erhöht das die Chance, dass ein einzelner Artikel auch wirklich gelesen wird. Und das führt wiederum dazu, dass Schummeleien eher auffallen. Betrug würde dadurch riskanter – und seltener.

Ein anderes Feld, auf dem die Wissenschaft häufig über sich selbst stolpert, ist die Wissenschaftspolitik. In Sonntagsreden beschwören unsere Politiker und Wissenschaftsfunktionäre stets, welche Bedeutung Bildung und Forschung für den künftigen Wohlstand des Landes haben. Erstaunlicherweise kommen im politischen Alltag die Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen aber dennoch oft unter die Räder. Die Länder verteidigen ihre Zuständigkeiten im Bildungsbereich zwar mit Zähnen und Klauen. Doch den Orten der Wissenschaft geht es unter ihrer Obhut keineswegs gut. Priorität genießen andere Dinge – die Rettung von Banken etwa oder Steuerermäßigungen für Hoteliers. Der Misserfolg für Forschung und Bildung fußt – so meine These – in der Selbst- und Fremdüberschätzung der Wissenschaft. Nicht selten sind ihre Lobbyisten – in den meisten Fällen hoch respektierte Professoren – erfolglos, weil sie dem Irrglauben aufsitzen, die Bedeutung der Wissenschaft sei ohnehin jedermann klar. Selbstkritik ist ihre Sache nicht. Und das, obwohl sie mit ihren Denkschriften im politischen Verteilungskampf selten die erhoffte Wirkung erzielen. Stattdessen sollten sie besser Verbündete suchen. Mitunter hilft sogar nur ein öffentlich klug inszenierter Protest. Die Lübecker haben das 2010 beim erfolgreichen Kampf für die medizinische Fakultät ihrer Universität vorgemacht, die kurz vor der Schließung durch die schleswig-holsteinische Landesregierung stand.

Wissenschaftler zeichnen sich durch Akribie, Präzision und begriffliche Genauigkeit aus. Sie trainieren ihr ganzes Berufsleben lang die sprichwörtliche wissenschaftliche Exaktheit. Dabei gerät ihnen aus dem Blick, dass in anderen Lebensbereichen andere Regeln gelten und andere Dinge wichtig sind. In der Politik etwa geht es um knallharte Interessen. Es geht um Positionen, Machterhalt oder Machtgewinn und – vor allem – um die Organisation von Mehrheiten. Der Alltag in der Wissenschaft und der Alltag in der Politik sind zwei Welten, die verschiedener kaum sein könnten. Und so unterliegen die Wissenschaftsinstitutionen auf manchen Feldern regelmäßig der Politik. Das fängt bei der eklatanten Unterfinanzierung der Hochschulen an, betrifft den seit Jahren vergeblich geforderten Wissenschaftstarifvertrag und geht bis hin zu den Studiengebühren, dem symbolträchtigsten Schlachtfeld der Hochschulpolitik schlechthin.

Professorinnen und Professoren sind kluge, neugierige und meist umfassend gebildete Leute. Es ist an der Zeit, dass sie ihre Gaben und erlernten Fähigkeiten endlich nutzen und begreifen, was erfolgreiche Lobbyisten auszeichnet und wie man hier an Terrain gewinnen kann. ■

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