Wem gehört die Wissenschaft wirklich? - wissenschaft.de
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Wem gehört die Wissenschaft wirklich?

Was war das Leben ehedem doch so bequem. Da waren die Verhältnisse klar. Heute ist alles kompliziert geworden – auch für die Forscher. Einstmals standen sie im Dienste der Gesellschaft. Der Staat bezahlte die Wissenschaft aus den Geldern der Steuerzahler, die Forschungsergebnisse gehörten der Öffentlichkeit. Wissenschaftler forschten, um ihre Ergebnisse möglichst schnell einem breiten Kreis von Kollegen mitzuteilen und allen, die sich dafür interessierten. Das diente den Forschern, denn es steigerte Renommee und Karrierechancen. Es diente der Wissenschaft, denn offengelegte Ergebnisse ermöglichen die kritische Prüfung und stimulieren neue Fragen. Und es diente der Gesellschaft, denn der Fortschritt der Erkenntnis, mit allen praktischen Konsequenzen, lief so am schnellsten.

Es war einmal. Seit der Staat nicht mehr genug Geld hat, allein die Kosten der Forschung zu tragen, sind die Verhältnisse nicht mehr klar. Heute haben Drittmittel und Anwendungsorientierung für die öffentlich finanzierten Institute Interessenskonflikte gebracht.

Wer zahlt, schafft an. Das gilt auch im Zeitalter des Sponsoring und der Auftragsforschung. Geheimhaltung und taktisches Publizieren sind die Folge. Denn ein Unternehmen, das ein Hochschulinstitut dafür bezahlt, ein Problem zu lösen, möchte natürlich die Ergebnisse nicht der Konkurrenz zugute kommen lassen. Und erst recht möchte es nicht, daß unerwünschte Ergebnisse in den Gazetten für Schlagzeilen sorgen.

Traurig aber ist, daß sich Wissenschaftler immer häufiger selbst ihre Freiheit beschneiden. Etwa jeder fünfte Forscher in den Biowissenschaften, so eine Umfrage in den USA, hat schon einmal Ergebnisse, die eigentlich reif zur Publikation waren, länger als ein halbes Jahr zurückgehalten: Weil er sich erst einmal Patentrechte und Tantiemen sichern oder die Arbeit von Kollegen verzögern wollte oder weil die Resultate nicht ins Konzept paßten. Die Fälle, in denen Firmen gegen die Veröffentlichung von Daten Einspruch erheben, nehmen zu. Kommerzialisierung und knallharter Wettbewerb haben die freie Kommunikation zunichte gemacht.

In Europa hören wir bislang kaum etwas von solchen Machenschaften. Leben wir im Tal der Ahnungslosen? Die Erfahrungen der letzten Monate mit Betrug in der Forschung lassen nichts Gutes ahnen. Schon gibt es Gerichtsverfahren und sogar den Rücktritt eines renommierten Max-Planck-Direktors.

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Es hat keinen Sinn, sich nach den guten alten Zeiten zu sehnen. So idealistisch wie Forschung vielleicht einmal war, ist sie heute nicht mehr. Und es sind nicht nur die anderen, die diese heile Welt zerstört haben, nicht nur die Politiker, die zuwenig Geld bereitstellen und mit ihrer Regulierungswut jede Kreativität strangulieren, nicht nur die Medien, die Technikfeindlichkeit schüren, nicht nur Weltverbesserer, die Emotionen höher schätzen als Fakten, nicht nur profitgierige Industriemanager, die die Ergebnisse einkassieren wollen.

Schuld sind zum großen Teil die Wissenschaftler selbst – durch mangelhafte Kontrollen gegen Mißbrauch. Die Wissenschaft ist zu einem Geschäft geworden, in dem Eigennutz und Gewinnstreben die Regeln bestimmen. Für ein Linsengericht haben die Forscher selbst ihre Freiheit verkauft.

Den Schaden haben wir alle. Das Grundgesetz schreibt noch immer: Forschung ist frei. Ganz sicher wurde dieser Passus vor 50 Jahren nicht aufgenommen, um den Forschern zu nutzen. Eigentlich sollte die ganze Gesellschaft profitieren.

Reiner Korbmann

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