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Wem nutzt die Forschung?

Ob Steuermittel in der öffentlichen Forschung richtig angelegt sind, stellt die Wirtschaft mehr denn je in Frage. Prof. Joachim Treusch, Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich warnt davor, die Effizienz von staatlich finanzierter Forschung nur an Zielen zu messen, die kurzfristig zu erreichen sind.

Der 23jährige Gottfried Wilhelm Leibniz klagte 1670 in einer Denkschrift: „Es ist uns Teutschen gar nicht rühmlich, dass, da wir in der Erfindung grossentheils mechanischer, natürlicher und anderer Künste und Wissenschaften die Ersten gewesen, nun in deren Vermehr und Besserung die Letzten seyn. Gleich als wenn unser Alt-Väter Ruhm gnug wäre, den unsrigen zu behaupten.“ Seine Klage könnte von heute sein. 1700 gründet Leibniz die Churfürstliche Akademie in Berlin mit dem Zweck, „gleich Anfangs das Werck samt der Wissenschaft auf den Nuzen (zu) richten“, denn „Reale ministri werden unnützer Curiositäten bald überdrüssig“.

Gut 200 Jahre später setzt der Theologe Adolf von Harnack bei Wilhelm II. die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft durch. Sie sollte „sicherstellen, daß Deutschland bei der Suche nach wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Neuerungen nicht in die Hinterhand gerät und damit an wirtschaftlicher Macht einbüßt“.

Auch heute beschäftigen sich viele Kommissionen damit, ob die deutsche Forschungslandschaft in ihrer Vielgestaltigkeit für die Zukunft gerüstet sei. Die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis von Forschung wird immer dringlicher gestellt. Ihr überlagert sich die Frage nach der Vorhersehbarkeit des Nutzens: In welche Forschungsprogramme soll man investieren, und wer entscheidet das? Welcher Organisationsform der Wissenschaft dürfen Politik und Öffentlichkeit am ehesten ver- und am meisten zutrauen? Wie kann man den erhofften Nutzen messen – in Nobelpreisen und Veröffentlichungen oder in Patenten und Lizenzeinnahmen?

Über all diesen Fragen gerät in den Hintergrund, daß gegenwärtig noch eine dringlichere Frage ansteht: Durch die deutliche Reduktion der deutschen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung von einem fast dreiprozentigen Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) vor 1990 auf nur noch 2,3 Prozent heute und durch eine fatale Einstellungspolitik der deutschen Industrie wurde der potentielle naturwissenschaftlich-technische Nachwuchs in der ersten Hälfte der neunziger Jahre so erschreckt, daß die Studienanfängerzahlen auf die Hälfte einbrachen und etwa im Fach Physik die Zahl der Doktoranden in den nächsten Jahren von etwa 1500 jährlich auf unter 500 sinken wird. Für Chemie, Elektrotechnik und Maschinenbau gilt ähnliches.

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Dabei trägt ein in der Forschung ausgebildeter, promovierter Chemiker, Physiker oder Ingenieur nach Schätzung der Industrie jährlich wenigstens 300000 Mark zum BIP bei. Das ist fast zehnmal mehr als der Mittelwert aller Beschäftigten und summiert sich in gut 30 Berufsjahren auf rund zehn Millionen Mark pro Kopf. Dies ist ein gewichtiger Teil der Rückzahlung auf die Investitionen, die der Staat in seine Forschungsinstitutionen steckt. Mit über 100 promovierten Doktoranden pro Jahr steuert so allein das Forschungszentrum Jülich jährlich eine gute Milliarde Mark zum BIP bei. Mit acht Millionen Mark Lizenzeinnahmen jährlich bewegt es Marktprodukte mit fast einer weiteren Milliarde Mark, von der indirekten Wirkung der wissenschaftlichen Erkenntnisse ganz zu schweigen. Keine schlechte Bilanz bei einer halben Milliarde Mark Zuwendung! Und Jülich ist nur ein Beispiel.

Nun droht doppelte Auszehrung: Forscherlaufbahnen können wegen der massiven Stellenkürzungen kaum noch angeboten werden. Überdies werden gute Nachwuchskräfte von der Industrie direkt nach dem Diplom abgeworben. Die jungen Leute verdienen früher Geld, die Studentenzahlen werden sich anpassen. Es wird laufen wie in der Informatik, wo die Studierenden schon während des Studiums ihren Job haben – und nach dem Diplom eine gutdotierte Stelle im Softwarehaus. Der Haken liegt im Verlust einer Vision ebenso wie im Verlust der Reaktionsfähigkeit auf langfristige Anforderungen. Wenn sich die Bundesrepublik beispielsweise weiterhin in der Diskussion über die künftige Energieversorgung der Welt beteiligen und der deutschen Industrie einen Platz sichern will, dann muß sie vor allem hinreichend viele Studenten in den einschlägigen Fächern ausbilden. Will man dies ohne staatliche Regulierung erreichen, helfen nur Anreize, die aus einer Gesamtvorstellung für die Zukunft abgeleitet werden müssen.

So wie das Bio-Regio-Konzept der Biotechnologie einen Schub gegeben hat, müssen Leuchtturmprojekte wie der Linear-Beschleuniger TESLA oder die Europäische Spallations-Neutronenquelle angepackt werden. Beim europäischen Kernforschungszentrum CERN wie beim Grenobler Neutronen-Höchstflußreaktor haben wir es lernen können: Der mittelbare wirtschaftliche Nutzen solcher Großprojekte übersteigt die unmittelbaren Aufwendungen für den Erkenntnisgewinn um ein Vielfaches. Und solche Projekte begeistern den Nachwuchs. Dies hat – das wußten schon Leibniz und Harnack – eine Volkswirtschaft noch immer befördert. Langfristig!

Joachim Treusch

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