Wer sich den Kopf anderer zerbricht, wird gewinnen - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Allgemein

Wer sich den Kopf anderer zerbricht, wird gewinnen

In Deutschland fehlen moderne Dienstleistungskonzepte. Ohne adäquate Forschung kommen wir nicht aus diesem Dilemma heraus, sagt Prof. Hans-Jörg Bullinger.

bild der wissenschaft: Verbands- und Ständevertreter werden nicht müde, die Produktionsschwäche Deutschlands zu beklagen. Dabei beweist die Automobil- Industrie doch beispielhaft, wie rasch und erfolgreich hierzulande immer noch auf internationale Herausforderungen reagiert werden kann. Wo liegen denn unsere echten Defizite, Herr Prof. Bullinger?

Bullinger: Zum einen lohnt es sich, gegen die Auffassung zu kämpfen, daß wir immer noch schliefen. Andererseits hat gerade die Automobil-Industrie Zigtausende von Stellen abgebaut und produziert dennoch ähnlich viele oder sogar deutlich mehr Autos als früher. Selbst wenn noch viele andere Branchen die Kehrtwende schaffen, heißt das: Im internationalen Wettbewerb überlebt nur der, dem es gelingt, die Wertschöpfung pro Beschäftigtem deutlich zu erhöhen. Dieser Trend durchzieht unsere gesamte Industrielandschaft. Wo Sie auch hinschauen, die Industrie braucht für eine Ertragsverbesserung immer weniger Arbeitsplätze in Deutschland.

bild der wissenschaft: Als Alternative werden Beschäftigungsmöglichkeiten in Dienstleistung und Service genannt. Ist das der Königsweg aus unserem Arbeitsmarktdesaster?

Bullinger: Letztlich können uns nur unternehmerisch denkende Menschen aus dem Tal der Arbeitslosen herausführen. Deshalb muß man sich vor allem darüber Gedanken machen, ob die Randbedingungen für Unternehmen und Gründer stimmen. Schaut man sich allerdings die Beschäftigungsstatistik an, so sind in den USA gut 66 Prozent aller Menschen im Dienstleistungsbereich tätig. Eine entsprechende offizielle Statistik für Deutschland gibt es zwar bisher nicht. Doch man kann davon ausgehen, daß nach US-Kriterien in Deutschland etwa 57 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungssektor arbeiten. Da steckt für uns also etwas drin.

Anzeige

bild der wissenschaft: Wo genau sehen Sie Chancen?

Bullinger: Wenn wir an den Export denken, so meinen wir Autos, Werkzeugmaschinen oder Getriebe. Die Amerikaner hingegen exportieren auch Beratung und Wirtschaftsprüfung, obwohl gerade letztere extrem länderspezifisch geprägt ist. Wir in Deutschland haben lange Zeit so getan, als ob das Heil für die Wirtschaft nur im High-Tech-Bereich liege. Ich glaube, daß sich für viele unserer Unternehmen eine bessere Chance böte, wenn sie neben der Ware auch die dazugehörenden Dienstleistungen verkaufen würden.

bild der wissenschaft: Geld für Forschung und Entwicklung geben unsere Unternehmen nur aus, um neue Produkte zur Marktreife zu führen. Um intelligenten Service kümmern sich dagegen die wenigsten Forscher und Entwickler.

Bullinger: Es gibt Gegenbeispiele – allerdings nur im Ausland. Wenn mich etwa die Wirtschaftsentwicklungs-Agentur Singapurs fragt, ob unser Institut ein Konzept für ein Qualitätsmanagement in Banken und öffentlicher Verwaltung von Singapur entwickeln kann, so geht es genau darum. In Deutschland werden dagegen weit über neunzig Prozent der öffentlichen Forschungsmittel direkt oder indirekt für Produkte ausgegeben. Möglicherweise ändert sich das ja: Nach langer Zeit der Abstinenz hat das Bonner Forschungsministerium eingesehen, daß für den Dienstleistungssektor mehr getan werden muß. Vor zwei Jahren gab es die erste Tagung des Ministeriums zu diesem Thema. Inzwischen hat der Bundesforschungsminister trotz knapper Kassen 20 Millionen Mark für erste Maßnahmen locker gemacht. Sie sollen in den kommenden Jahren in ein großes Forschungsprogramm einmünden.

bild der wissenschaft: Was sind für Sie die wichtigsten Ergebnisse der von Ihnen soeben herausgegebenen Studie „Dienstleistung für das 21. Jahrhundert“?

Bullinger: Sie enthält förderungswillige Forschungs- und Handlungsfelder sowie Empfehlungen, was die Politik tun könnte. Wichtig ist mir vor allem eines: Die industriell hergestellten Produkte werden weltweit immer ähnlicher. Wenn die Vorsprünge kleiner werden, die ich durch eine Produkt-Neuentwicklung habe, kann ich nur dann langfristig im Wettbewerb bestehen, wenn ich individuelle Dienstleistungen anbiete, die der Wettbewerber nicht im Leistungsverzeichnis hat. Könnte ein Spediteur Transporter samt Fahrer zu attraktiven Konditionen und auftragsbezogen anmieten, brauchte er keinen Fuhrpark mehr zu unterhalten. Ich will damit ausdrücken, daß jeder deutsche Produzent gut beraten ist, wenn er sich über produktbegleitende Dienstleistungen mehr als bisher Gedanken macht.

bild der wissenschaft: Sehen Sie darin die Chance, sich der außereuropäischen Herausforderer zu erwehren?

Bullinger: Der asiatischen ja, der ameri-kanischen nein. US-Unternehmen agieren schon heute vorbildlich, um Produkte am Markt zu profilieren, die nicht viel anders aussehen als die der Konkurrenz. Schauen Sie sich den Sportschuhhersteller Nike an: Diesem Unternehmen ist es gelungen, Interpretationsspielräume in der Gesellschaft zu besetzen – nach dem Motto „Coole Typen brauchen Nike-Schuhe“. Dieser strategische Ansatz, der sehr stark auf die jeweilige Gesellschaft abgestimmt sein muß, wird künftig eine ganz entscheidende Rolle spielen.

bild der wissenschaft: Welche Chancen bleiben da noch für mittelständische Firmen? In keinem Fall doch die, gesellschaftliche Spielräume mit globalen Werbebotschaften zu besetzen.

Bullinger: Sicher ist das Bewußtsein produzierender mittelständischer Unternehmen unterentwickelt, mehr in den Sektor Dienstleistung zu investieren. Oft fehlt einfach das Geld. Da helfen sogenannte Verbundprojekte weiter: Beispielsweise ist unser Institut dabei, für Handwerker eine umfassende Online-Dienstleistung zu entwickeln. Angeboten werden darin Kooperations- und Stellenbörsen, Informationen über Vertragsgestaltung oder neue Produkte – kurzum ein Service also, der Handwerkern zu Diensten ist, ihnen weiterhilft und so Arbeitsplätze schafft und sichert.

bild der wissenschaft: Was empfehlen Sie Menschen, die aus dem industriellen Arbeitsprozeß herausgefallen sind, weil ihre Stelle überflüssig wurde?

Bullinger: Der Arbeiter, der seinen Arbeitsplatz in der Endmontage der Automobil-Industrie verloren hat, kann auch bei Dienstleistungs-Unternehmen einen interessanten Job finden – vorausgesetzt, er ist dazu bereit, die dortigen Arbeitszeiten und unterschiedlichen Einsatzorte zu akzeptieren. Darüber hinaus muß unsere Gesellschaft weit intensiver als bisher Unternehmensgründungen fördern. Natürlich braucht man dazu Geld. Doch das allein reicht nicht: Ich denke, daß sich jeder erfolgreiche Geschäftsmann vornehmen sollte, potentiellen Unternehmensgründern als Pate zur Seite zu stehen. Denn ein Ingenieur, der arbeitslos geworden ist und sich deshalb selbständig machen möchte, ist überaus dankbar, wenn er von einem alten Hasen gesagt bekommt, welche Kniffe man drauf haben muß, damit eine Bank für seine Idee Geld locker macht.

bild der wissenschaft: Welche Eigenschaften hat der ideale Mitarbeiter der Dienstleistungsgesellschaft?

Bullinger: Er muß kundenorientiert sein, er muß leistungsorientiert sein, und er muß mitarbeiterorientiert sein. Das ist wie auf einem dreibeinigen Stuhl: Wer auf einer Seite zu ungleichgewichtig sitzt, kippt. Ungeachtet dessen muß die Kundenorientierung – also die Art, wie man mit dem Kunden umgeht – deutlich besser werden. Wer dem Kunden das Gefühl vermittelt, daß er sich intensiv um ihn kümmert, ihn mit Informationen auf dem laufenden hält und in dessen Sinne mitdenkt, wird aufgrund der zunehmenden Angleichung der Produktqualität künftig der sein, der gute Geschäfte macht.

Prof. Hans-Jörg Bullinger

(Jahrgang 1944) ist Chef des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart seit dessen Gründung 1981. Das Institut finanziert sich zu 70 Prozent aus Aufträgen der Wirtschaft. Bullinger,in Personalunion Lehrstuhlinhaber am Institut für Arbeitswissenschaft und Technologie-Management an der Uni Stuttgart, ist einer der profiliertesten Vordenker für neue, kundenorientierte Arbeitsabläufe und Herausgeber der Studie „Dienstleistungen für das 21. Jahrhundert“ (erschienen bei Schäffer-Poeschel).

Hans-Jörg Bullinger / Wolfgang Hess

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Rechts|wis|sen|schaft  〈f. 20; unz.〉 Lehre von den Gesetzen u. ihrer Anwendung sowie Rechtsgeschichte, –philosophie, –soziologie u. a.; Sy Jurisprudenz ... mehr

Li|lie  〈[–lj] f. 19〉 1 〈Bot.〉 Angehörige einer Gattung der Liliengewächse (Liliaceae) mit großen, trichterförmigen Blüten, die meist einzeln od. zu wenigen in lockeren Trauben od. Dolden aufrecht stehen: Lilium 2 Sinnbild der Reinheit u. Unschuld ... mehr

Fahr|stei|ger  〈m. 3; Bgb.〉 Aufsichtsperson im Bergbau, Vorgesetzter mehrerer Steiger

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige