Wie das Internet die Wissenschaft verändert - wissenschaft.de
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Wie das Internet die Wissenschaft verändert

Durch das Internet wird sich der Wissenschaftsprozeß radikal wandeln, meint Prof. Eberhard R. Hilf von der Universität Oldenburg. Er ist Sprecher der Initiative Information und Kommunikation der wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland.

Daten und Dokumente sind die gebräuchlichsten Formen wissenschaftlichen Aus-tauschs. In der „Papier-Zeit“ wurden sie vom Autor auf einen mühevollen Weg gebracht: Zunächst mußte ein wissenschaftlicher Verlag gefunden werden, in dem die Arbeit veröffentlicht werden sollte. Von dem Verlag ging der Beitrag an Gutachter, anschließend zur Druckerei, und über den Vertrieb kam er endlich in die Bibliotheken. Oft verstrichen Monate, bis der Leser den Inhalt zur Kenntnis nehmen und für seine eigene wissenschaftliche Arbeit nutzen konnte. Der Autor übertrug dazu seine Autorenrechte an einen Verlag, der alleiniger Besitzer des Dokuments wurde, um den teuren Prozeß ohne zu hohes Risiko zwischenzufinanzieren.

Wie es zur Krise kam

Die Verlage haben in den letzten Jahren ihr Monopol genutzt und die Preise für wissenschaftliche Bücher und Zeitschriften ständig erhöht – allein in diesem Jahr um etwa 20 Prozent. Fatal an einer solchen Entwicklung ist, daß die Universitätsbibliotheken mit ihren festen Etats deshalb gezwungen sind, immer mehr Zeitschriften abzubestellen. Weil das Copyright keine andere Beschaffung der Artikel als über den jeweils einzigen Anbieter zuläßt, ist an manche wissenschaftliche Fachpublikationen immer schwerer heranzukommen.

Diese vielbeschworene Bibliothekskrise hat dazu geführt, daß sich Wissenschaftler jetzt auf anderem Wege ihre Informationen beschaffen – über elektronische Dokumente im Internet. Durch sie wird der Informationsaustausch drastisch beschleunigt – und dennoch werden Kosten gespart. Und weitere Zusatzdienste werden möglich: So kann ein Autor nicht nur wie bisher die Artikel anderer Wissenschaftler zitieren, sondern der Verlag kann dem Leser auch die Möglichkeit geben, direkt auf die zitierten Arbeiten zuzugreifen. Für die Qualität der Information garantieren sowohl der Autor als auch das Institut, in dem er arbeitet.

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Analog zur industriellen Fertigung benötigt der Wissenschaftler Informationen, die aktuell und möglichst zutreffend sind und die ihm an seinem Schreibtisch elektronisch zur Verfügung stehen, wenn er sie braucht. In den einzelnen Wissenschaftsfächern bilden sich daher neue Dienstleistungen aus – etwa die Vernetzung der Internet-Server der weltweit verstreuten lnstitute.

Neue Dienstleister werden assistieren

Um alle Möglichkeiten voll zu nutzen, müssen weitere Strukturen entstehen. Es werden innovative Dienstleister benötigt, die dem Wissenschaftsbetrieb assistieren: Gutachtergruppen, die abgekoppelt von der Kommunikation zwischen Autoren und Nutzern wissenschaftliche Arbeitsergebnisse im Internet auf ihre Richtigkeit und Korrektheit prüfen. Informationsverdichter, die kompetent die Diskussionen im Netz verfolgen und die Ergebnisse rezensieren oder zu Übersichtsartikeln und Büchern verdichten. Archivierungsdienstleister, die aus dem aktuellen Wissenschaftsprozeß solche Informationen herausfiltern und verdichten, die für die Fachwelt aufbewahrt werden müssen. Computerzentren, die Wissenschaftlern Arbeitszeit zur Verfügung stellen, um die wissenschaftlichen Rechnungen und Formeln nachzuprüfen, die ein Autor über das Netz mitteilt. Markierungsdienstleister, die wissenschaftliche Informationen so beschreiben und markieren, daß sie weltweit über das Internet auch wirklich rasch gefunden werden können. Browserfirmen, die es jedem Leser trotz unterschiedlicher Computerausstattung erlauben, die immer komplizierteren Informationen, Animationen, Filme oder interaktiven Programme zu lesen. Alle Dienste sind nur ein Teil des uns bevorstehenden Umbruchs im Management wissenschaftlicher Informationen. Um wieder zu einem universellen, verläßlichen und professionellen Wissenschaftsinformationssystem zu kommen, müssen weltweit alle Fachrichtungen an einem Strang ziehen. Dazu sollten Wissenschaftler ihre meist mit Staatsmitteln erstellten Dokumente weltweit frei zur Verfügung stellen – unabhängig von ihren Vereinbarungen mit Verlagen und Providern zur späteren Weiterverarbeitung. Das geht nicht ohne staatliche Förderung.

Da sich aber die Bundesregierung bisher nicht engagierte, fällt die Informationsversorgung in Deutschland international stetig zurück. Dabei würde der Mehrwert, den die Wissenschaft für die Gesellschaft durch neuartige Erkenntnisse erzeugt, die Kosten eines modernen Informationsmanagements jederzeit rechtfertigen.

Eberhard R. Hilf

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