„Wie kommt das Neue in die Welt?" von Heinrich von Pierer, Bolko von Oetinger - wissenschaft.de
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„Wie kommt das Neue in die Welt?“ von Heinrich von Pierer, Bolko von Oetinger

“Reformstau“ wurde zum (Un-)Wort des Jahres 1997 gewählt – und selbst der Bundespräsident, für den Gelassenheit zur Amtsführung gehört, verlangt energisch nach einem Ruck, der die deutsche Gesellschaft endlich aus solchem Stau herausreißen soll. Da kommt ein Buch gerade richtig, das mehr als 40 Autoren als aller Welt darüber nachdenken läßt, wie eigentlich Neues in die Welt kommt – meint Hubert Markl, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

Der Blickwinkel des weitgefächerten Buches reicht von Erfahrungen von Unternehmern, Politikern, Wissenschaftlern oder Technikern bis zu jenen von Erfindern, Architekten, Schriftstellern und Künstlern. Es lohnt sehr, sich auf die ganz unterschiedlichen Gedanken zum Entstehen von Innovationen aller Art einzulassen – von technischen Erfindungen bis zu Werbekampagnen, von literarischen Werken bis zu politischen Neuerungen -, um besser zu verstehen, was Frauen und Männer, die auf die eine oder andere Art bewiesen haben, daß sie selbst zu Innovationen fähig sind, als wichtige Voraussetzungen für innovative Leistungen ansehen.

So entstand ein Buch zum Kreuz- und Querlesen, zum Anregung suchen und Anstoß nehmen, vor allem aber zum kritischen Nachdenken. Als Biologe fragt man sich freilich, warum man – mit wenigen Ausnahmen – fast nichts darüber erfährt, wie sich das gewaltigste Innovationsgeschehen abspielt, nämlich die unaufhörlich schöpferischen Leistungen der biologischen Evolution, obwohl doch die Prozesse biologischer und kulturell-geistiger Innovation in vielfältiger Weise miteinander verbunden sind. Gerne hätte ich auch mehr erfahren über die wichtigste Voraussetzung aller geistigen und gesellschaftlichen Innovation, das Auftreten, die Entwicklung und die Förderung jener besonderen Menschenindividuen, die die außergewöhnliche Gabe zu genuin kreativen Leistungen besitzen, und der Analyse der Bedingungen, unter denen sie diese Fähigkeiten am besten entfalten können.

Wir wissen, wie unentbehrlich Innovationen für die Entwicklung menschlicher Kultur in ihren vielfältigen Differenzierungsformen seit jeher waren. Wir sind uns gerade hier und heute nur zu sehr bewußt, wie unentbehrlich politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, wissenschaftliche und technische Innovationsfähigkeit für uns alle ist, um im weltweiten Wettbewerb erfolgreich genug zu bleiben, um den gewohnten Lebensstandard zu sichern, eine lebensfreundliche Umwelt zu erhalten, soziale Absicherung für alle Bedürftigen zu garantieren und dies alles, obwohl der Wandel der wirtschaftlichen Verhältnisse und insbesondere der Arbeitswelt rascher denn je fortschreitet.

Wir wissen auch, daß hochtechnologische Innovation trotz oder gerade wegen gesteigerter Leistungsfähigkeit mehr Arbeitsplätze verschwinden lassen kann als sie hervorbringt, daß aber der Verzicht darauf die vorhandenen Arbeitsplätze nicht etwa sichert, sondern sogar in noch höherem Maße gefährdet. Erst die hohe Wertschöpfung innovativer Leistung ist es, die viele neue, andersartige Beschäftigungspotentiale freisetzt – zum Beispiel im Bereich neuer Formen von Dienstleistungen.

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All dies ist uns vertraut. Dabei darf aber eines nie aus dem Blick verlorengehen: daß Innovation immer mehr sein muß als nur „das Neue“, über dessen Entstehen so vielseitig anregend in diesem Sammelwerk reflektiert wird. Gewiß, ohne neue Erkenntnisse und Entdeckungen – also neues Wissen – und ohne neue technische, produktive Fertigkeiten – also neues Können – sind Innovationen nicht möglich. Aber sie allein reichen nicht. Denn nicht alles, was neu ist, ist deshalb auch gut, geschweige denn besser. Neu kann auch der größte Unsinn, ja sogar der schrecklichste Unfug sein.

Erst indem das Neue einer Bewertung unterzogen wird, die feststellt, ob es sich tatsächlich besser bewährt als Altvertrautes, können wir sicher sein, daß Neuheit Innovation, daß Fortschritt Verbesserung bedeutet. Der freie Markt, die freie demokratische Willensbildung, die freie öffentliche, argumentative Auseinandersetzung sind die wichtigsten Rahmenbedingungen für eine solche qualitative Leistungsbewertung des Neuen im Wettbewerb mit dem Bestehenden.

Gewiß, wer nicht vormachen will, was an Neuem geschehen soll, kann am Ende nur nachmachen, was andere verwirklicht haben, und sorgt damit für deren Gewinne. Aber vor allem Vormachen gilt es zuerst gründlich nachzudenken, damit das – beliebige – Neue tatsächlich zu einer wertvollen Innovation wird.

Die Angst vor dem Neuen ist zugleich die größte Gefahr dafür, daß das, was besser werden könnte und besser werden sollte, auch tatsächlich besser wird. Dieses Buch regt an, darüber nachzudenken, bevor wir uns – endlich – im Stau den notwendigen Ruck geben.

Heinrich von Pierer, Bolko von Oetinger (Hrsg.) WIE KOMMT DAS NEUE IN DIE WELT? Carl Hanser Verlag München, Wien 1997 336 S., DM 49,80

Hubert Markl

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