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Wir brauchen Grenzgänger

Er predigt nicht nur den Wechsel zwischen Hochschule und Industrie – er lebt ihn vor. 1997 ist es wieder soweit. Nach mehr als sechs Jahren als Forschungschef im Vorstand der Daimler-Benz AG in Stuttgart transferiert Prof. Dr.-Ing. Hartmut Weule die gewonnenen Erfahrungen auf die „andere Seite“: Der 56jährige übernimmt, wie schon 1982, Lehrstuhl und Leitung des Instituts für Werkzeugmaschinen und Betriebstechnik an der Universität Karlsruhe.

Wegschauen hilft nicht: Der Industriestandort Deutschland ist gefährdet. Nach wie vor entstehen aus vielen guten Ideen von 100000 Forschern in diesem Land zuwenig Produkte und Dienstleistungen, die auf den Weltmärkten zu Verkaufserfolgen werden. Es hapert am Technologietransfer. Würde er reibungsloser funktionieren, könnten mehr heimische Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen werden.

Bis hierhin herrscht weitgehend Einigkeit zwischen Politik, Gewerkschaften, Wissenschaft und Wirtschaft. Aber wenn es darum geht, wie der Technologietransfer in Deutschland verbessert werden kann, scheiden sich die Geister. Immer wieder ist die Forderung zu hören: „Wir brauchen mehr Technologietransfer-Stellen!“ Viele tausend Menschen sind hierzulande offiziell damit beauftragt: an Industrie- und Handelskammern, an Universitäten, in Unternehmen. Dahinter steht ein Denken, wie es für große Verwaltungen charakteristisch ist: Angesichts eines Mißstandes benennt man einen Zuständigen für dessen Behebung. Damit ist das Problem dann vom Tisch – scheinbar.

Das ist der falsche Weg. Technologietransfer funktioniert nur über Menschen, die ihre neuen Ideen eigenständig „verkaufen“, andere von deren Nützlichkeit überzeugen können. Technologietransfer ist in seinem Kern nichts anderes als Kommunikation. Funktioniert er nicht gut genug, muß ein Kommunikationsproblem vorliegen. Anscheinend genügt nicht, was hauptamtliche Technologietransfer-Beauftragte in erster Linie tun: Forscher und potentielle Anwender miteinander ins Gespräch zu bringen.

Er predigt nicht nur den Wechsel zwischen Hochschule und Industrie – er lebt ihn vor. 1997 ist es wieder soweit. Nach mehr als sechs Jahren als Forschungschef im Vorstand der Daimler-Benz AG in Stuttgart transferiert Prof. Dr.-Ing. Hartmut Weule die gewonnenen Erfahrungen auf die „andere Seite“: Der 56jährige übernimmt, wie schon 1982, Lehrstuhl und Leitung des Instituts für Werkzeugmaschinen und Betriebstechnik an der Universität Karlsruhe.

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Ein Treffen zu organisieren und eine neue Idee mit allen Beteiligten an einem Tisch zu diskutieren, ist richtig, kann aber nur der erste Schritt sein. Ich habe gelernt: Hält die Runde die Idee für verwirklichenswert, muß einer das daraus ableitbare Vorhaben formulieren, konkrete Aufgaben verteilen, Termine setzen und auch weiterhin die Fäden in der Hand behalten. Das geht nicht ohne – gemeinsam vereinbarte – Zwänge und Selbstverpflichtungen, die jeder der Beteiligten sich auferlegt. Andernfalls bleibt die gute Idee ungenutzt.

Keinem noch so engagierten Technologietransfer-Beauftragten könnte man diese Funktion zuweisen. Auf diesen Platz gehört der Forscher, der persönlich an der Verwirklichung seiner Produktidee mitarbeitet. Er weiß schließlich am meisten darüber. Und glaubwürdiger kann man nicht nachweisen, daß man von seiner Idee überzeugt ist, als durch konkretes Engagement.

Das heißt in der Praxis: Der Forscher sollte mit seinem Projekt sein Labor verlassen und persönlich dorthin umziehen, wo seine Idee in ein Marktprodukt umgesetzt werden kann.

Für den Forscher an einer Hochschule oder Großforschungseinrichtung bedeutet das, zeitlich begrenzt in ein Industrieunternehmen oder zumindest in eine industrienahe Projektstruktur zu wechseln. Für den Industrieforscher bedeutet das den Wechsel in einen Entwicklungsbereich seines Unternehmens. Wenn es sich um Grundlagenforschung oder um eine Methodenidee handelt, sollte der Industrieforscher ihr an einer Universität oder Großforschungseinrichtung nachgehen können.

Der Umzügler profitiert von seinem Rollentausch, die Volkswirtschaft vom rascheren Wissenstransfer. Der Wissenstransport zwischen Hochschule und Industrie über Menschen sollte Normalität werden. Aber dahin ist es ein weiter Weg.

Vor kurzem bat ich die deutschen Wissenschaftsministerien um Auskunft, wie viele Professoren derzeit von ihren Universitäten für eine Industrietätigkeit beurlaubt sind. Ergebnis: Die Beurlaubten sind in jedem Bundesland an einer Hand abzuzählen. Manchmal ist es nur ein einziger oder auch gar keiner. Das so notwendige Wechseln zwischen den Welten findet bei uns praktisch nicht statt.

Es ist nicht verwunderlich, daß neue Ideen es da schwer haben, an Boden zu gewinnen. Wenn man neue Technologien in der Praxis umsetzen will, muß man gegen das Beharrungsvermögen des Bestehenden kämpfen. Neben einer aussichtsreichen Idee bedarf es des „Propheten“, der sie hartnäckig vertritt.

Für den Mikrokosmos eines modernen, gut geführten Unternehmens gilt dasselbe wie für den Makrokosmos von Staat und Gesellschaft: Um Ideen zu realisieren, muß man menschliche Netzwerke schaffen – aus fachlich erfahrenen, begeisterbaren Menschen, die wiederum andere Menschen desselben Zuschnitts kennen.

Aber Netzwerke kommen nur ungenügend zustande, wenn Know-how-Träger lebenslang in „ihrer Welt“ bleiben. Vor allem zweierlei hemmt den Wechsel zwischen Industrie und Hochschule:

Erstens: Die Flexibilität, einen einmal eingeschlagenen Weg – und sei es nur für eine gewisse Zeit – zu verlassen, ist nicht sehr ausgeprägt.

Zweitens: Die strukturellen Rahmenbedingungen erschweren denjenigen, die wechselwillig sind, den Übergang.

An unseren Universitäten wird es nicht nur mit Freude gesehen, wenn einer der Professoren in die Industrie will. Wer betreut die Diplomanden und Doktoranden des Scheidenden? Wer übernimmt seine Lehrveranstaltungen?

Nicht weniger problematisch ist es, wenn ein wechselwilliger Industrieforscher auf einen Lehrstuhl berufen werden soll. Das scheitert häufig bereits an den unterschiedlichen Gehaltsstrukturen. Die Vergütungsrichtlinien für Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst – leider auch an den Großforschungseinrichtungen – sind mit den Gehältern von Top-Leuten aus der Industrie nicht kompatibel.

Aber es steht dem Wechsel von Industrieforschern an deutsche Hochschulen weit mehr im Wege als nur schlechtere Entlohnung. Auf einen Nenner gebracht: Während sich die Landschaft bei Wirtschaft und Arbeitsmarkt in den letzten zehn Jahren drastisch geändert hat, haben unsere Universitäten es versäumt, sich ausreichend mit zu verändern.

Das ganze deutsche Hochschulsystem braucht Reformen. Die wichtigste betrifft das Berufungsverfahren bei der Besetzung der Lehrstühle: Nur Hochschulinterne berufen einen neuen Professor. Auf den Blickwinkel von berufserfahrenen, entsprechend qualifizierten Fachleuten wird weitgehend verzichtet. Bei unseren Schweizer Nachbarn, an der ETH Zürich, habe ich kennengelernt, wie qualitätssteigernd es für die Auswahl ist, wenn im Berufungsverfahren für einen Maschinenbauprofessor auch drei externe Industrieleute sitzen.

Unsere Hochschulen ersticken darüber hinaus unter einem System von Verwaltungsrichtlinien. Wenn wir einen besseren Technologietransfer wollen, müßte diese Hypothek mit einem Schlag abgeschafft werden. Mehr Entscheidungsspielraum für die Universitätsleitung und die Lehrstuhlinhaber, mehr Wettbewerb um Studenten und Mittel – dies würde das Wechseln zwischen Industrie und Hochschule positiv beeinflussen, zum Nutzen beider Seiten und unserer Volkswirtschaft.

Ebenso nützlich wäre mehr Zusammenarbeit zwischen Industrie und Großforschungseinrichtungen. Das habe ich 1994 zusammen mit einigen Industriekollegen zum Ausdruck gebracht, in der „Kommission zur Begutachtung der Großforschungseinrichtungen“, die der damalige Bundesforschungsminister Paul Krüger einberufen hatte.

Unsere Kommission hatte unter anderem vorgeschlagen, in den Planungsprozeß der Großforschungseinrichtungen qualifizierte Industrievertreter einzubinden – und zwar nicht nur in Beratungs-, sondern auch in Entscheidungsgremien, die festlegen, wieviel Geld in welches Forschungsfeld investiert wird.

Viel Geld kommt jährlich zur Verteilung: Die 16 Großforschungseinrichtungen haben Etats von zusammen fast vier Milliarden Mark. Der gegenwärtig nur 30 Prozent betragende Anteil an anwendungsorientierter Forschung sollte deutlich erhöht werden.

Mit solchen Forderungen haben meine Kommissionskollegen und ich einen erheblichen Aufruhr verursacht. Viel Protest schlug uns entgegen. Inzwischen habe ich aber den Eindruck, daß einiges an positiver Zusammenarbeit auf dem Weg ist. Mit der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt haben sich einige Leitprojekte – beispielsweise zum Thema „Adaptiver Flügel“ – gut angelassen. Nicht so gut ging es mit dem Leitprojekt-Vorhaben „Umwelttechnik“, das das Forschungszentrum Karlsruhe geplant hatte: Hier war die Industrie nicht in der Lage, mit Empfehlungen zu Zukunft und Forschungsbedarf dieser Branche einen Beitrag zu leisten.

Was muß getan werden, um die Barrieren zwischen den Welten der Industrie und der Wissenschaft auf breiter Front aufzubrechen?

Das Wichtigste wird sein, den hierzu notwendigen Austausch von Menschen zu stimulieren. Ich denke, alle Beteiligten sind gefordert: Auf der individuellen Ebene muß es zum Selbstverständnis eines anwendungsnahen Wissenschaftlers gehören, in der Praxis Erfahrungen zu sammeln beziehungsweise aufzufrischen. Von institutioneller Seite – Mini-sterien, Universitätsleitungen, Industrie – müssen Anreize für einen stärkeren Austausch definiert und die Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Mehr Technologietransfer zu fordern, ist eine Sache. Ihn zu fördern, ist eine andere – und zwar die wichtigere.

Hartmut Weule

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