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Allgemein

Wissen als Geschäft

Still und leise vermarktet die Max-Planck-Gesellschaft Wissen. An wen, verrät Dr. Bernhard Hertel, Geschäftsführer der Garching Innovation GmbH.

bild der wissenschaft: Grundlagenforschung richtet sich per Definition nicht an wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus. Und doch sollen Sie, Herr Dr. Hertel, und Ihre Mitarbeiter in der Max-Planck-Gesellschaft dafür sorgen, daß über Patente zusätzliche Finanzmittel erwirtschaftet werden. Ziehen die Wissenschaftler in den Instituten überhaupt mit?

Hertel: Als ich vor Jahren noch selbst an einem Max-Planck-Institut arbeitete, galt es in der Tat als unanständig, Industriekontakte zu haben. Doch in den letzten Jahren hat sich im Bewußtsein der Wissenschaftler einiges geändert. Der Einfluß des jetzigen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Prof. Hubert Markl, ist deutlich zu spüren. Allerdings können wir auch nicht alle Wissenschaftler nach industrieverwertbaren Ergebnissen abklappern.

bild der wissenschaft: Wie erfahren die Forscher dann, was Sie für sie tun können?

Hertel: Wir gehen in die Institute und halten Vorträge über unsere Arbeit. Wir klären darüber auf, was Patente sind und Patentschutz bedeutet. Zudem erhält jeder neueingestellte Max-Planck-Forscher einen Leitfaden, der auch über unsere Web-Pages im Internet erhältlich ist. Erfreulicherweise kommen immer häufiger Wissenschaftler auf uns zu, die glauben, etwas erfunden zu haben. Am spannendsten sind freilich die unerwarteten Ergebnisse.

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bild der wissenschaft: Fällt Ihnen ein Beispiel ein?

Hertel: Der theoretische Physiker Prof. Gregor E. Morfill beschäftigte sich am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik damit, wie man komplexe nichtlineare Datenmengen aus der Weltraumforschung in den Griff bekommt. Eines Tages kam er auf dem Fußballplatz mit einem Mediziner ins Gespräch, der ihm sein Leid über unverstandene Daten beim EKG klagte. Die beiden setzten sich zusammen. Inzwischen gibt es mehrere Kooperationen, die Herz-Kreislauf-Forschern, Krebsforschern und Anästhesisten bei ihrer täglichen Arbeit weiterhelfen werden.

bild der wissenschaft: Die „Garching Innovation“ hilft auch bei Unternehmensgründungen, etwa jener der Nobelpreisträgerin und Max-Planck-Direktorin Prof. Christiane Nüsslein-Volhard.

Hertel: Solche Unternehmensgründungen wären noch zu Beginn der neunziger Jahre undenkbar gewesen. Dennoch will niemand aus den Max-Planck-Direktoren Geschäftsleute machen: Die Direktoren sind gehalten, etwaige Firmenausgründungen durch einen Geschäftsführer und einen wissenschaftlichen Leiter zu führen und sich selbst lediglich als Berater zu begreifen. Wir gestalten alle Verträge so, daß es eine klare Trennung gibt zwischen Unternehmen und öffentlich finanzierter Forschung. Es gibt Lizenzverträge zwischen den Unternehmen und der Max-Planck-Gesellschaft, und es gibt Beratungsverträge im Rahmen von Nebentätigkeitsgenehmigungen.

bild der wissenschaft: Beteiligen Sie sich im Namen der Max-Planck-Gesellschaft auch finanziell an den Unternehmen?

Hertel: In Ausnahmefällen beteiligen wir uns in der Tat mit einigen Prozent – auch, um zu dokumentieren, daß die Unternehmensgründung mit dem rechtlichen Umfeld der MPG im Einklang steht. Unser erstes Engagement dieser Art war bei der Gründung der US- Firma Sugen, die der MPG-Wissenschaftler Dr. Axel Ullrich zusammen mit einem amerikanischen Forscher 1993 initiierte. Inzwischen hat diese Firma 240 Mitarbeiter und wurde vor kurzem an Pharmacia Upjohn verkauft.

bild der wissenschaft: Baut die Max-Planck-Gesellschaft auf steigende Aktiengewinne solcher Unternehmen?

Hertel: Die Garching Innovation legt das der Max-Planck-Gesellschaft nahe. In einem halben Dutzend Fälle hat sich die Gesellschaft mit 5000 bis 10000 Mark engagiert. Doch insgesamt verhält sich die MPG sehr vorsichtig. Ich denke, daß dieser Weg stärker beschritten werden sollte, um der Wissenschaft mehr Finanzmittel zu erschließen. Der Erlös wird in jedem Fall direkt in die Forschung zurück investiert.

bild der wissenschaft: Welche Institute vermarkten ihr Wissen besonders erfolgreich?

Hertel: Das sind meist Institute, die Methoden und Geräte entwickeln. So wurde die Patch-Clamp-Methode zur Messung der Ionenströme in der Zellmembran, für die Prof. Erwin Neher den Nobelpreis bekam, in wenigen Jahren zu einem marktgängigen Produkt weiterentwikkelt. Heute leben davon zwei Firmen. Andere Methoden – etwa hochreine Keramiken für Motoren – sind sehr viel schwieriger an den Markt heranzuführen. Da vergehen schon mal Jahrzehnte, bis die Industrie anbeißt. Auch bei den 1985 entdeckten Kohlenstoff-Molekülen, den Fullerenen, sind wir aktiv: Das Urpatent zur Massenherstellung dieser Substanzen basiert auf einer Gemeinschaftserfindung der University of Arizona in Tucson und dem Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg. Doch von einem Vermarktungserfolg kann noch nicht die Rede sein. Interessant ist auch das Projekt zur Analyse des Erbguts der Ackerschmalwand, der Lieblingspflanze von Pflanzenforschern auf der ganzen Welt. Hier führen wir für und mit unseren Kölner Züchtungsforschern seit Jahren Patentverhandlungen mit anderen Institutionen.

bild der wissenschaft: Welche Lizenzgebühren kassieren Sie für die Max-Planck-Gesellschaft pro Jahr?

Hertel: Das hängt von der Branche ab. Die Lizenzgebühren in der Pharmaindustrie liegen bei einem oder zwei Prozent des Nettoverkaufspreises. Bei Geräteherstellern können sie dagegen schon einmal bis auf zehn Prozent klettern. Insgesamt erzielten wir 1998 einen Lizenzumsatz von 18 Millionen Mark. 30 Prozent davon erhalten die beteiligten Wissenschaftler als Erfindervergütung. Ein Drittel verbleibt im zentralen Haushalt – und den Rest erhält das Institut.

bild der wissenschaft: Gibt es eine Art Renner unter Ihren Lizenzverträgen?

Hertel: Den haben wir in der Tat. Anfang der achtziger Jahre machten fünf Mitarbeiter am Göttinger Max-Planck-Institut eine Erfindung, mit der die Kernspintomographie deutlich beschleunigt werden konnte. Auf dieses Verfahren greifen inzwischen alle medizinischen Gerätehersteller zurück. Seit 1992 haben wir durch das Patent über 100 Millionen Mark eingenommen. Für unsere Rechte mußten wir allerdings hart kämpfen und in den USA einen kniffeligen Patentstreit anstrengen, der uns knapp drei Millionen Mark kostete. Neben diesem Bestsellerpatent halten wir ein halbes Dutzend weiterer Patente, die uns über die Jahre hinweg jeweils mehr als eine Million Mark an Lizenzeinnahmen erbracht haben.

bild der wissenschaft: Auf welche Kandidaten setzen Sie in der Zukunft?

Hertel: In diesem Frühjahr ist in den USA ein neuer Impfstoff gegen die gefährliche, von Zecken übertragene Krankheit Borreliose auf den Markt gekommen. Die Entwicklung dafür fußt auf Arbeiten des MPI für Immunbiologie in Freiburg zusammen mit Forschern von der Universität Heidelberg und dem Deutschen Krebsforschungszentrum. Die Lizenz hat der Pharmakonzern Smithkline-Beecham erworben. Wir hoffen, hierdurch einen zweiten Umsatzträger zu bekommen. Weiterhin könnte in einigen Jahren ein vielversprechendes Schlafmittel zugelassen werden, das auf Arbeiten aus dem MPI für Psychiatrie in München beruht.

bild der wissenschaft: Wissenschaft und Wirtschaft haben in der Zusammenarbeit jeweils eine Bring- und eine Holschuld. Über die Wissenschaft haben wir geredet, welches Engagement zeigt denn die Wirtschaft?

Hertel: Die großen Firmen wissen, was an unseren Instituten läuft, und es gibt einen ständigen Austausch. Mittelständische und kleine Firmen haben ein Kontaktproblem – und auch ein Verständigungsproblem. Hier gibt es die Kontakte nicht in dem Maße, wie wir uns das wünschen. Dabei können wir selbst Unternehmen, die über keine eigene Entwicklungsabteilung verfügen, sehr wohl technologische Hilfestellung geben.

bild der wissenschaft: Will sich die Garching Innovation für andere Institutionen öffnen? Werden Sie Ihre Dienstleistungen für Kooperationen außerhalb der Max-Planck-Gesellschaft anbieten?

Hertel: In unserem Gesellschaftervertrag steht, daß wir unsere Dienstleistungen für die Max-Planck-Gesellschaft zu erbringen haben, und damit sind wir voll und ganz ausgelastet.

Bernhard Hertel(Jahrgang 1940) ist seit Juni dieses Jahres Geschäftsführer der Garching Innovation GmbH, einer hundertprozentigen Tochter der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Drei Molekularbiologen, zwei Physiker, ein Diplom-Kaufmann sowie sieben weitere Mitarbeiter beraten die 3000 MPG-Forscher bei Patentfragen und Unternehmensgründungen. 1998 hat Garching Innovation 65 Verwertungsverträge abgeschlossen und einen Lizenzumsatz von insgesamt 18 Millionen Mark erzielt. Hertel – promovierter Physiker und bis 1979 Mitarbeiter am MPI für Metallforschung in Stuttgart – macht es großen Spaß, „im Umfeld zwischen komplizierten Wissenschaftlern und harten Industrieleuten zu vermitteln“.

Bernhard Hertel / Wolfgang Hess

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Hahn  〈m. 1u〉 1 〈Zool.〉 1.1 männliches Haushuhn  1.2 das männliches Tier vieler Vogelgruppen (Auer~, Birk~, Finken~) … mehr

♦ Elek|tro|in|ge|ni|eur  〈[–ınnjø:r] m. 1〉 auf einer technischen Hochschule ausgebildeter Elektrotechniker

♦ Die Buchstabenfolge elek|tr… kann in Fremdwörtern auch elekt|r… getrennt werden.

Eich|horn  〈n. 12u; Zool.〉 = Eichhörnchen

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