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WURMKUr GEGEN ALLERGIEN

Parasiten sind bei Kindern in Afrika alltäglich. Dafür sind Allergien bei ihnen seltener. Gibt es da einen Zusammenhang?

Es sind Parasiten, die keiner haben möchte: der Fadenwurm Onchocerca volvolus zum Beispiel. Er wird von einer Kriebelmücke übertragen und löst beim Menschen Hautveränderungen bis hin zur Blindheit aus. „Flussblindheit“ hat man die im tropischen Gürtel Afrikas auftretende Krankheit getauft, weil die Mücken bevorzugt an Flüssen vorkommen. Oder der Pärchenegel, ein Saugwurm, der einen Teil seines Lebenszyklus im Wasser verbringt. Er bohrt sich durch die Haut des Menschen und dringt bis in den Darm, die Blase, die Leber und die Milz vor. Urin und Stuhl sind blutig, das Leitsymptom der Bilharziose.

Prof. Peter Soboslay ist Parasitologe. Er interessiert sich für solche Schädlinge von Berufs wegen. Er interessiert sich aber auch für die Menschen, die an ihnen leiden. Darum reist er jedes Jahr nach Sokodé in Togo, wo das Institut für Tropenmedizin der Universität Tübingen eine Außenstation unterhält. Sie kooperiert mit den Gesundheitsbehörden Togos und sorgt zum Beispiel dafür, dass Togos Schulkinder in regelmäßigen Abständen auf Parasiten untersucht werden. Wenn sie welche haben, kriegen sie Medikamente dagegen. Auch Neugeborene und ihre Mütter werden in Sokodé auf Parasiten untersucht und bei Bedarf behandelt. Dabei fallen Daten ab, Daten für die Forschung. Da Soboslay und seine Kollegen Kontrollgruppen in Tübingen aufgebaut haben, können sie vergleichen: etwa wer mehr unter Allergien leidet, die deutschen Kinder oder die aus Togo. Dahinter steht eine alte Hypothese, die besagt: Wer sich schon früh mit echten Schädlingen auseinandersetzen muss, trainiert sein Immunsystem. Er „erzieht“ es – diesen Ausdruck hört Peter Soboslay lieber. Das Immunsystem reagiert flexibler, zeigt ein breiteres Spektrum von Reaktionen. Es „flippt“ nicht so leicht aus und richtet sich gegen harmlose Reize wie Pollen oder den Kot von Hausstaubmilben, wie das bei Allergikern der Fall ist.

Soboslay sucht nach einem Weg, mithilfe der Würmer Allergien zu verhindern. Will er die afrikanischen Würmer etwa den Tübinger Kindern einsetzen? Natürlich nicht. „Wir suchen nach Wegen, aus den Parasiten die Wirksubstanzen zu isolieren, die für die Steuerung des Immunsystems verantwortlich sind.“ Dazu hat er in seinem Labor Kulturen angelegt: von einem Wurm, den man nicht nur in Afrika finden kann. Der Fuchsbandwurm lebt in Füchsen der Schwäbischen Alb, des Französischen Jura und der Schweiz. Für seine immunologischen Studien nimmt Soboslay Blutzellen eines Menschen und löst bei diesen mit einem bakteriellen Extrakt oder Allergen eine Immunantwort aus. Dann fügt er Bandwurm-Extrakt hinzu und schaut, was passiert. „Die Immunantwort sinkt“ – das kann er messen. Die Konzentration bestimmter Zytokine und Chemokine, die Entzündungen fördern, nimmt ab.

Während diese Arbeiten noch in den Anfängen stecken, ist eine andere Studie bereits zur Publikation eingereicht. Doktoranden und Diplomanden von Peter Soboslay haben die Immunantwort auf Allergene bei Neugeborenen von wurminfizierten Müttern in Togo untersucht, und sie haben im Nabelschnurblut untersucht, welche Gene des Immunsystems abgelesen (exprimiert) werden. Dasselbe taten sie mit Kindern aus der Neugeborenen-Station der Universitätsklinik Tübingen. Ergebnis: Die Gen-Expression bei Kindern infizierter Mütter ist verändert. „Das betrifft insbesondere die Gene, die für entzündliche Immunantworten und die Immunregulation verantwortlich sind“, sagt Peter Soboslay. Diese Kinder sind also schon von Geburt an besser vor Allergien geschützt. ■

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von Judith Rauch

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