Zähne und Gene - wissenschaft.de
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Zähne und Gene

In den unterschiedlichsten Disziplinen mühen sich die Forscher, dem vagen Bild des Neandertalers klarere Konturen zu verleihen.

Zeigt her eure Zähne

Bei Neudatierungen erwiesen sich kürzlich die spärlichen, in Höhlenfundstellen des Frühen Aurignacien (zirka 38 000 bis 33 000 Jahre vor heute) entdeckten Fossilien von anatomisch modernen Menschen als viel zu jung, um tatsächlich zu dem dort gefundenen fortschrittlichen Aurignacien-Gerät gehören zu können. Es waren Tote späterer Jahrtausende, die man in den Sedimenten dieser Höhlen begraben hatte.

So gerieten die zahlreichen Befürworter der These, das Aurignacien sei komplett von den anatomisch modernen Einwanderern getragen worden, plötzlich in Beweisnot: Ohne fossile Knochen schien keine Aussage mehr möglich, welcher Menschenart die Funde zuzuordnen waren. Gleichzeitig äußern einige Neandertaler-Experten immer nachdrücklicher: Die Vettern des Homo sapiens seien bereits eigenständig auf dem Sprung in die kulturelle Moderne gewesen, als die Vorfahren des modernen Menschen vor etwa 38 000 Jahren allmählich nach Europa einsickerten. War das Frühe Aurignacien mit seinen – gegenüber den Vorläufern – deutlich weiterentwickelten Werkzeugen etwa eine Neandertaler-Kultur?

In diesen Nebel über Alteuropa hat Shara Bailey helles Licht fallen lassen. Die amerikanische Archäologin arbeitete bis Ende 2005 am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ist seitdem Assistant Professor an der New York University.

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Bailey hat umfangreiche Messungen an Zähnen von Neandertalern und anatomisch modernen Menschen angestellt und durch vergleichende statistische Analysen nachgewiesen: Zähne sind hervorragende Indikatoren für die beiden Menschenarten. Vor allem die so genannten zweiten Prämolaren im Unterkiefer, die beiderseits – Richtung Kinn gesehen – direkt vor dem ersten Backenzahn gelegenen Zähne, tragen auf ihren Kauflächen charakteristische Merkmale.

Das ist ein Riesenfortschritt. Zähne sind die mit Abstand dauerhaftesten Teile des menschlichen Organismus. Sie überstehen Umgebungsbedingungen, unter denen die meisten Knochen zerfallen. Nur galten sie bisher für die Zuweisung „Neandertaler oder anatomisch moderner Mensch“ als meist nicht aussagekräftig genug.

Die Amerikanerin hat ihre Methode inzwischen an zwei Fundstellen erprobt: Erstens an Zähnen aus der Grotte du Renne im burgundischen Arcy-sur-Cure, aus einer Fundschicht der rätselhaften Châtelperron-Kultur (bild der wissenschaft 6/2005, „ Gestoppter Höhenflug“). Sie wurde bisher von den meisten Wissenschaftlern dem Neandertaler zugeschrieben, aber es blieb ein Rest an Unsicherheit. Bailey bestätigte: eindeutig Neandertaler-Zähne.

Ihr zweiter praktischer Einsatz galt der Fundstelle von Brassempouy in Südwestfrankreich. In einer 30 000 bis 34 000 Jahre alten Schicht waren dort, zusammen mit Steingerät aus dem so umstrittenen Frühen Aurignacien, etliche Zähne ans Licht gekommen. Shara Bailey und ihr Leipziger Ex-Chef Jean-Jacques Hublin urteilen nach ihrer Analyse: ein klarer Fall – anatomisch moderner Mensch. Was die Waagschale mit der Frage, wer denn der Träger des Frühen Aurignacien gewesen sei, wieder zur Seite des Homo sapiens neigt.

Mit der Zahnanalyse haben die Archäologen ein neues Werkzeug in ihrem Handwerkskasten. Und ein sehr wertvolles: Im Februar 2006 erhielt Shara Bailey den Tübinger Förderpreis für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie – den mit 5000 Euro höchst dotierten Preis dieser Art für Archäologen.

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