Zinnrausch in Zentralasien - wissenschaft.de
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Zinnrausch in Zentralasien

Zinn adelte vor 5000 Jahren Kupfer zu Bronze. Die attraktive Legierung veränderte die Welt und läutete die innovativste Phase der Menschheitsgeschichte ein.

Treffen sich drei deutsche Professoren in der Einöde Zentralasiens und suchen nach Zinn…

Was sich zunächst wie der Beginn eines Witzes anhört, hat archäologische Brisanz, denn: ohne Zinn keine Bronze und ohne Bronze keine Fortschritte in der menschlichen Zivilisation. Von zirka 3000 v.Chr. bis etwa 1000 v.Chr. bestimmte die Legierung aus 90 Prozent Kupfer und 10 Prozent Zinn die Weltentwicklung von Persien bis an die Adria.

In den 2000 Jahren der Bronzezeit entstehen die ersten Städte und die großen Reiche, die Schrift und der Fernverkehr, die Monumentalarchitektur und die Kunst, es bilden sich die Königsideologie, differenzierte Gesellschaften und die Arbeitsteilung. Babylon, Assur, Mykene sind die Machtzentren, die Hethiter und Ägypter die Taktgeber der Weltgeschichte. Troja blüht auf und geht unter, der Friedensvertrag als Beendigung eines Krieges wird erfunden, der Austausch von Technologien und Ideen beschert der damaligen Welt einen gewaltigen Fortschritt.

Prof. Ernst Pernicka, Lehrstuhlinhaber für Archäometallurgie in Freiberg, Prof. Hermann Parzinger, Leiter der Eurasienabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin und Prof. Gerd Weisgerber, der Nestor der deutschen Bergbauarchäologie aus Bochum, sind in Zentralasien auf der Suche nach der Initialzündung für diese Entwicklung. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt ist die Frage: Woher stammt das Zinn in den Bronzen des Alten Orients? Denn: Kupfer findet sich im östlichen Mittelmeerraum reichlich, aber weit und breit kein Zinn.

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Zinnvorkommen gab es im heutigen Portugal und im britischen Cornwall. Doch existierten im 3. Jahrtausend keine Verbindungen zwischen Orient und Okzident. Diskutiert und verworfen wurden Vorkommen im Erzgebirge und in der Türkei. Nur die Spur nach Zentralasien schien Erfolg versprechend: Altorientalische Schriften belegen einen regen Handel, etwa mit dem begehrten Lapislazuli. Heutigen Wissenschaftlern allerdings war der Weg nach Zentralasien bis zum Zerfall der Sowjetunion versperrt.

Am Deutschen Bergbaumuseum in Bochum versuchte der auf deutschen Ausgrabungen allgegenwärtige Montanarchäologe Gerd Weisgerber die antiken Hinweise zu verfolgen – doch fehlten schlüssige Beweise: „Nicht einmal anständige Karten gab es von Mittelasien – es lag halt weit jenseits des Eisernen Vorhangs.“ Erst mit der Perestroika änderte sich das – 1991 brachten usbekische Geologen und Archäologen Weisgerber eine Einladung nach Mittelasien. In den vergangenen vier Jahren suchte er – gefördert von der Volkswagenstiftung – zusammen mit Ernst Pernicka und Hermann Parzinger im zentralasiatischen Zeravschan-Tal nach dem antiken Zinn. Der Fluss frisst sich dort durch das Pamir-Gebirge und schlängelt sich über die usbekische Steppe – dabei quert er die Seidenstraßen-Stadt Sarmakand und versickert, bevor er Buchara erreicht, im Sand. Hier, nördlich des heutigen Afghanistan, lag die Kontaktzone für die Kulturen Mesopotamiens, der Indusregion und der sibirischen Steppenvölker.

In der südöstlichen Wüstensteppe Usbekistans – unweit des Dorfes Karnab – wurden die drei deutschen Professoren fündig und durchforschten ein Konglomerat alter Zinnbergwerke. Einfach war es nicht: Extreme Hitze paarte sich mit Mangel an Nahrungsmitteln, Benzin und Gerätschaften. „Es ist dort einfacher, fünf Arbeiter als einen neuen Eimer aufzutreiben“, erinnert sich Weisgerber. Die Wissenschaftler fanden dennoch mehrere prähistorische Abbaustrecken, deren Schächte teilweise fast senkrecht im Boden verliefen und deshalb längst wieder mit Sedimenten verschüttet waren.

Wie ergiebig waren diese prähistorischen Gruben? Die am besten untersuchte war 35 Meter lang, 15 Meter tief. Aus ihrer rund einen Meter dicken Erzschicht konnte bei einem Gehalt von rund zwei Prozent reinem Zinnerz ungefähr eine Tonne des kostbaren Metalls gewonnen werden. „Ein Schatz, wenn man bedenkt, wie selten Zinn war und wie nötig für die Bronzeherstellung“, urteilt Weisgerber. Die Karnab-Bergwerke waren, so belegen es die C-14-Daten aus Holzkohleresten, von 1600 bis 800 v. Chr. in Betrieb – zu jung also für die frühen bronzezeitlichen Geräte im Alten Orient.

Zeitlich besser passen die Ergebnisse aus den Bergwerken bei Muschiston im benachbarten Tadschikistan, rund 150 Kilometer östlich von Samarkand. Auf Anhieb fand Weisgerbers Mannschaft in den dortigen Zinnlagerstätten in 3000 Meter Höhe Spuren eines bronzezeitlichen Bergbaus. Keramikscherben, Holzkohle und Holzstempel verrieten: Die Stollen von Muschiston waren von etwa 2400 bis 800 v. Chr. in Betrieb. „Das passt zeitlich ganz wunderbar“, freut sich Pernicka.

Ausgewertet wurden Erz- und Metallfunde aus Muschiston an der traditionsreichen sächsischen Bergakademie in Freiberg. Archäometallurge Ernst Pernicka ließ einen Teil der Erzfunde aus Tadschikistan verhütten: Es entstand exakt jene gold- glänzende Bronze, die in der frühen Bronzezeit bei den Herrschern von Mesopotamien bis an die Adriaküste so begehrt war.

Die Zeit stimmt, die Mengen passen, die Verarbeitung zu Bronze bringt das gleiche Ergebnis – und doch hat Pernicka in den Bronzen von Troja nicht die kleinste Spur von zentralasiatischem Zinn gefunden (siehe Kasten links). Ja, macht einen das nicht verrückt? „Sie sagen es“, stöhnt Pernicka. In einem neuen Ansatz sucht er jetzt in mesopotamischen Bronzegeräten nach dem asiatischen Zinn. Zugleich stöbert er in anderen zentralasiatischen Staaten, etwa Kirgistan, nach den Zinnquellen für die trojanischen Bronzen. Generell aber, so beharrt Montanarchäologe Weisgerber: „Die Rahmenbedingungen stimmen: Wir haben die weltweit ältesten Zinnbergwerke gefunden – die Zeit stimmt und die erbeuteten Mengen auch.“

Die weiten Transportwege von Zentralasien in den Mittelmeerraum sind ebenfalls kein Problem: Assyrische Texte aus dem frühen 2. Jahrtausend v.Chr. berichten über Zinntransporte via Susa. Diese Stadt an der südöstlichen Grenze Mesopotamiens zum persischen Hochland bildete das natürliche Ziel aller Karawanen aus Zentralasien.

Auch die prähistorischen Metallurgen und Transportunternehmer haben die Forscher nun mit Namen und Adresse versehen können: Eurasien-Archäologe Hermann Parzinger stieß im Zeravschan-Tal auf Zeugnisse von Nomadenvölkern der sibirischen Steppe. Unter einem Meter aufgewehtem Lössboden entdeckte das Parzinger-Team die Reste einer Siedlung mit Rundhäusern. Deren Ausgrabung förderte Steinhäm-mer, Mahl- und Klopfsteine und Erz-brocken zutage. Die Erze, etwa aus den Bergwerken von Karnab oder Muschiston, „wurden dort in einem ersten Schritt zerkleinert“, erläutert Parzinger, „ aber nicht verhüttet“.

Die Keramikscherben gaben Aufschluss über die kulturelle Identität der Bergleute: Graue bis dunkelbraune, handgeformte Keramik, außen ritzverziert. „Wir haben es eindeutig mit der Andronovo-Kultur zu tun“, urteilt der Archäologe.

Diese Nomaden – Vorläufer der besser bekannten Skythen – stammten aus dem eurasischen Waldsteppen- und Steppengürtel zwischen Ural und dem sibirischen Fluss Jenissej. Von dort breiteten sie sich, wie zahlreiche Grabfunde beweisen, ab dem frühen 2. Jahrtausend v.Chr. nach Süden in die Wüstensteppen aus.

Nomaden und Bergbau – passt das zusammen? Parzinger: „Die Andronovo-Leute waren keine reinen Nomaden, sie betrieben auch Ackerbau und ortsgebundene Viehzucht.“ Je weiter sie sich von ihrer fruchtbaren Heimat entfernten, desto stärker nomadisierten sie. Deshalb spekuliert Parzinger: „Die Siedlungsverschiebung in den Süden kann durch die Erzvorkommen bedingt sein.“

Die sozialen Strukturen der Andronovo-Kultur liegen noch im Dunkeln. Doch für ihre Transportleistungen gibt es Beweise: Im Zeravschan-Tal freigelegte Knochen von Pferden und Kamelen zeigen, dass die für den Erztransport erforderlichen Kapazitäten vorhanden waren.

Weiter nördlich in der benachbarten Kyzlkum-Wüste erfuhren die Archäologen außerdem, dass die Andronovo-Nomaden nicht nur Zinn am Zeravschan abbauten, sondern auch Kupfererze verarbeiteten. Mitten in der Wüste fanden die drei deutschen Professoren Schmelzöfen und Andronovo-Scherben. Entstand hier die erste Bronze? Legten nomadische Völker in Mittelasien die Grundlagen für die Hochkulturen in Mesopotamien und im Mittelmeerraum?

Vielleicht wurde die Bronze gar nicht er-, sondern einfach gefunden. Denn in Muschiston stießen die Forscher auf Erze, in denen Kupfer und Zinn vergesellschaftet waren. Pernicka: „Hier kam Bronze als natürliche Legierung vor.“ Vielleicht erkannten die Menschen die Vorteile und kupferten die Natur ab. Die wissenschaftliche Beantwortung solcher Fragen steht noch aus.

Aber es gibt noch mehr Sonderlichkeiten um die Bronze: In Alt-Ägypten wurden Zinnlager gefunden, aber die Pharaonen kamen erst 500 Jahre nach den Orientalen auf die Vorzüge der Bronze. Und die Menschen im heutigen Cornwall „saßen 1000 Jahre auf ihren Zinnvorräten“, so Pernicka, „bevor sie sie nutzten“.

Besonders bemerkenswert findet der Archäometallurge den Umstand, dass die Bronze zunächst einzig und allein für Prunk und Protz eingesetzt wurde: für Schmuck, Zeremonialgerät und Kultgegenstände, Möbelbeschläge und Kleiderspangen. Bronze genoss offensichtlich die gleiche Wertschätzung wie Gold, Silber und Lapislazuli. Erst 500 Jahre später, um 2000 v.Chr., wurden massenhaft Waffen aus der härteren und schärferen – und damit effizienteren – Bronze hergestellt. Bis dahin, so Pernicka, „ musste sich das Kriegsvolk weiter mit Kupferwaffen herumschlagen“ .

Antiker Fingerabdruck

Wolfgang Korn

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