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Zugvögel stehen im dringenden

Zugvögel stehen im dringenden Verdacht, das Vogelgrippe-Virus nach Deutschland eingeschleppt zu haben. Doch JOSEF H. REICHHOLF, Professor für Naturschutz und Ornithologe an der Zoologischen Staatssammlung in München, hält diese These für falsch.

bild der wissenschaft: Wieso sind Sie davon überzeugt, dass Zugvögel nicht für die Vogelgrippe verantwortlich sind, Herr Prof. Reichholf?

Reichholf: Die Ausbreitung der Vogelgrippe erfolgte sehr rasch von Ostasien nach Westen, doch der Vogelzug verläuft von Norden nach Süden und umgekehrt. Zudem gab es die Erkrankungen im letzten Winter gerade nicht in der Vogelzugzeit, sondern im Januar und gegen Ende des Winters. Außerdem stellt sich für mich als Ornithologen eine grundsätzliche Frage: Wenn das Vogelgrippe-Virus H5N1 sehr virulent ist, wie sollen es dann erkrankte Enten oder Gänse geschafft haben, eine Hunderte oder gar Tausende von Kilometern lange Flugstrecke zu bewältigen? Das Virus hätte sie stark schwächen müssen. Dazu kommt, dass die Wasservögel, die positiv auf H5N1 getestet wurden, kaum ziehen oder gar keine Zugvögel sind und im Winter nur Kurzstrecken fliegen.

bdw: Aber es sind doch Wildvögel an H5N1 gestorben?

Reichholf: So eindeutig ist das nie festgestellt worden. Man hat tote Vögel untersucht, etwa Schwäne auf Rügen, und bei ihnen das H5N1-Virus nachgewiesen. Aber ob sie tatsächlich auch an diesem Virus gestorben sind oder an irgendetwas anderem, wurde nicht ermittelt. Es ist also durchaus möglich, dass H5N1 schon länger in der deutschen Wildvogelpopulation steckt – aber bisher nicht entdeckt wurde, weil man nicht danach gesucht hat.

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bdw: Wie ist die Vogelgrippe denn Ihrer Meinung nach zu uns gekommen?

Reichholf: Sehr wahrscheinlich wurde das Virus durch Geflügelimporte und -transporte eingeschleppt. In Asien kann man die geografische Ausbreitung der Vogelgrippe mühelos mit den großen nach Westen führenden Eisenbahnlinien in Verbindung bringen. Hühner in ein Tuch zu wickeln und per Bahn zu irgendeinem weit entfernten Markt zu transportieren, ist in Asien ganz normal. In Europa hat man die Massentransporte von Geflügel bisher kaum als Ausbreitungsweg der Vogelgrippe in Betracht gezogen, obwohl die meisten Küken, die bei uns großgezogen werden, aus Brütereien in der Türkei kommen.

bdw: Vermuten Sie noch andere Importwege?

Reichholf: Ja, insbesondere durch fischmehlhaltiges Geflügelfutter. Selbstverständlich lässt es sich nicht ausschließen, dass Seevögel mit ins Netz kommen, wenn Massen von Kleinfischen gefangen werden, die man dann zu Fischmehl verarbeitet. Und diese Vögel können infiziert sein. Es gibt zwar EU-Normen, die vorschreiben, dass Fischmehl erhitzt werden muss, um Krankheitserreger abzutöten. Aber wenn ein riesiger Container mit Fischmehl aus Übersee irgendwo anlandet – wie soll man testen, ob der Inhalt tatsächlich ausreichend erhitzt wurde?

bdw: Und wie könnten sich die Wildvögel das Virus eingefangen haben?

Reichholf: Ich gehe davon aus, dass der Infektionsweg genau umgekehrt zu dem von den Behörden propagierten verlaufen ist. Die Quelle der Viren liegt wahrscheinlich in Geflügelhaltungen, nahe an einem See oder großen Weiher, wo auch wilde Wasservögel vorkommen. Und diese Wildvögel können dann natürlich direkt mit dem Hausgeflügel oder dessen Kot in Kontakt kommen und mit dem Virus infiziert werden. Dies wiederum kann zu einer sekundären Ausbreitung auf Kurzstrecken durch frei lebende Vögel führen, denn die fliegen in der Gegend umher und können so das Virus in der Nachbarschaft verteilen.

bdw: Was halten sie von der Stallpflicht?

Reichholf: Sie ist sinnvoll und notwendig bei Enten- und Gänsehaltungen an einem freien Gewässer, zum Beispiel an einem Seeufer oder einem Stausee. Denn dort könnten sich Hausgeflügel und Wasservögel mit der Vogelgrippe gegenseitig infizieren. Aber wenn am Waldesrand ein Bauer oder am Stadtrand ein Privatbesitzer seine paar Hühner frei laufen lässt, ist die Stallpflicht reine Schikane. Es gibt keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass die bisher positiv getesteten Vogelarten – also Schwäne und Enten – Hühnerhöfe oder auch Putenhaltungen besuchen. Das würde deren natürlichem Verhalten völlig widersprechen.

bdw: Gibt es eine Verbindung zwischen Stallpflicht und Vogelzugzeit?

Reichholf: Dass Stallpflicht nur zur Vogelzugzeit herrschte, zeigt das große Maß der Unkenntnis bei den Entscheidungsträgern in Behörden und Politik. Vogelzug findet das ganze Jahr über statt. Es gibt keine Periode ohne Vogelzug. Wenn im Winter im Nordosten Europas massiv Kaltluft vorstößt und die Ostsee zufriert, dann weichen im Dezember oder Januar plötzlich Massen von Enten und anderen Wasservögeln nach Süden an die Voralpenseen aus. Im Sommer fliegen Tausende von Enten westwärts quer über Deutschland zu ihren Mausergebieten, etwa zum Bodensee. Als das Bundesland Bayern im vergangenen Jahr am 15. Dezember den Vogelzug für beendet erklärte, hielten sich die Vögel ganz sicher nicht an diese Terminvorgabe. Das ist typisch für Behörden: Alles wird über Verordnungen und Termine geregelt. Aber so funktioniert die Natur nicht.

bdw: Wie beurteilen Sie Massenschlachtungen bei infizierten Geflügelbeständen?

Reichholf: Anstatt infizierte Bestände so schnell es geht zu vernichten, sollte man sie zumindest zum Teil unter Quarantäne stellen und zur Forschung nutzen: Wie entwickelt sich die Krankheit? Wie viele Tiere im Bestand infizieren sich? Wie viele sterben an dem Virus?

bdw: Welche Maßnahmen halten Sie für sinnvoll?

Reichholf: Wir müssen Klarheit bekommen, was in unseren Städten mit den Wasservögeln los ist. Sind die Enten, Schwäne und Möwen an den städtischen Fütterungsstellen bereits infiziert, ohne an der Vogelgrippe zu sterben? An diesen Orten können Kinder und ältere Menschen in engen Kontakt zu den Vögeln kommen und sich möglicherweise anstecken. Man braucht sich ja nur ein alltägliches Bild vor Augen zu führen: Kinder ziehen ihre Hände über ein Brückengeländer, auf dem vorher Möwen gesessen haben – und dann nehmen sie die Finger in den Mund. So könnten leicht größere Mengen von Viren in ihren Organismus gelangen.

bdw: Muss man als erwachsener Mensch Angst vor der Vogelgrippe haben?

Reichholf: Im Allgemeinen: Nein. Denn wir sind vielen Grippeviren unterschiedlichster Typen ausgesetzt. Ein halbwegs normal funktionierendes Immunsystem kommt damit klar. Es wäre aber auch falsch, leichtfertig mit Wildtieren umzugehen, die infiziert sein könnten. Man sollte selbstverständlich nicht irgendwelche tot aufgefundenen Tieren mit bloßen Händen untersuchen und die Hände dann in den Mund stecken. Und dass man daheim das Hähnchen ordentlich durchbrät, sagt einem der gesunde Menschenverstand, schon wegen der Salmonellengefahr. Für Panik besteht kein Anlass, wohl aber für gründliche Freilandforschung.

Das Gespräch führte Nadine Eckert

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