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Zum 1. Heft: Die Mondflüge bleiben einzigartig

Als bild der wissenschaft zum ersten Mal erschien, steckte die bemannte Raumfahrt noch in den Kinderschuhen. Doch schon da war klar: Der Mensch soll den Mond erobern.

„Der Mond ist als kosmologischer Stein von Rosette bezeichnet worden, dessen Enträtselung von größerem Wert sein mag als die der anderen Planeten“, schrieb Siegfried Gerathewohl in dem Beitrag „Die Psychologie des Mondfluges“.

Er erschien in der allerersten Ausgabe von bild der wissenschaft – im Januar 1964. Damals war die Welt im Aufbruch. Nichts schien technisch unmöglich. Die friedliche Nutzung der Kernkraft beispielsweise wurde als unerschöpfliche und preisgünstige Energieressource gesehen. Der Globus war aufgeteilt in zwei Machthemisphären, der Kalte Krieg in vollem Gang. Zu Beginn der Sechzigerjahre hatte US-Präsident John F. Kennedy in gleich zwei bemerkenswerten Reden herausgestrichen, dass im selben Jahrzehnt ein Mensch den Mond betreten werde – und dies sei ein Amerikaner.

2006 blickt Ernst Messerschmid, Ex-Wissenschaftsastronaut und längst Professor, auf den Beitrag Gerathewohls und kommentiert dessen Einschätzung aus heutiger Sicht: „Das mit dem Stein von Rosette war gar nicht so falsch. Erst durch die bemannten Mondflüge wissen wir, dass die Urerde vor 4,6 Milliarden Jahren durch einen Urplaneten getroffen wurde und dabei der Mond entstand. Auch die Einschätzung, dass die Geschichte des Mondes ein Eckpfeiler für die Entwicklung des Planetensystems ist, war vollkommen richtig.“ Mehr noch: Die Erfolge von Apollo motivierten auch die unbemannten Missionen Voyager, Mariner, Viking, Pioneer und Galilei zur Erforschung des Sonnensystems. „ Neben den wissenschaftlichen Ergebnissen und technischen Fortschritten ist die wichtigste Erkenntnis durch die bemannten Mondflüge aus meiner Sicht, dass Menschen mit eigenen Augen sahen, wie einzigartig und verletzlich unser Planet im All ist.“

Die Hybris der Sechzigerjahre, sich die Welt untertan zu machen, steckt auch im Artikel von Siegfried Gerathewohl. Er, der zunächst als Psychologe in der deutschen Luftfahrtforschung und zum Zeitpunkt seines bdw-Artikels bei der NASA arbeitete, schreibt: „Nachdem die Erforschung unseres Planeten nun im Großen und Ganzen als abgeschlossen gelten kann, richtet sich der Blick der Menschheit auf das nächste erreichbare Ziel im Raum – den Mond.“

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„Für die eingehende wissenschaftliche Untersuchung des Mondes ist die Anwesenheit des Menschen erforderlich“, schreibt Gerathewohl weiter. Messerschmid, der 1985 auf der acht Tage dauernden D1-Mission Nutzlastexperte war und zusammen mit dem inzwischen tödlich verunglückten Deutschen Reinhard Furrer, dem Niederländer Wubbo Ockels und fünf Amerikanern durch den Raum flog, ist von der Richtigkeit dieser Aussage überzeugt. Wenn es darum gehe, im All etwas zu reparieren, ein Problem zu lösen oder auf Unvorhergesehenes zu reagieren, käme nur der Mensch in Betracht. „Mit Automaten können wir bloß Dinge messen, die wir erwartet haben und auf die wir die Technik eingestellt haben. Die Wissenschaft ist aber gerade darauf aus, das Unerwartete und das Neue zu entdecken.“

Der Ex-Astronaut, der auf der letzten Mission der Challenger vor der Explosion im Januar 1986 mit dabei war, verweist gerne auf sein „Scharmützel“, das er vor Jahren mit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft ausfocht. Die DPG prognostizierte vor zwei Jahrzehnten: In spätestens 20 bis 30 Jahren ist der Mensch im Weltraum total ersetzbar. „Wie wir sehen, sind wir heute noch weit davon entfernt. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auf Astronauten nie verzichten werden“, sagt Ernst Messerschmid. Noch eine weitere Rolle komme Astronauten zu: „Mit ihnen identifizieren sich auch diejenigen, die die Wissenschaft bezahlen.“ Und: „Gerade für junge Leute sind Astronauten Vorbilder, denen sie nacheifern wollen und die sie für eine entsprechende Berufslaufbahn motivieren.“ So habe die Apollo-Mission in den USA sehr viele für ein Studium der Natur- und Ingenieurwissenschaften begeistert. Auch heute hätten Astronauten nichts von ihrer Faszination verloren, was – selbst in Deutschland – jeder öffentliche Auftritt beweise.

„Den technisch schwierigsten Teil des Unternehmens stellen der Rückflug zur Erde und das Wiedereintreten in die Atmosphäre dar“, schrieb Gerathewohl 1964. Messerschmid sieht das 2006 anders: „ Mit dem Hitzeschutzmaterial, das die Kapseln damals hatten, verläuft ein Wiedereintritt relativ problemlos – vorausgesetzt man taucht in die Atmosphäre so ein, wie es geplant ist. Das Gefährlichste war und ist der Aufstieg. Beim Start hat man mehrere Tausend Tonnen Sprengstoff unter sich, die durch ein höchst komplexes System punktgenau in Triebkraft umgesetzt werden müssen.“

Der wirtschaftliche Wert der Raumfahrt spielt in Gerathewohls Artikel so gut wie keine Rolle. Doch genau dieser Punkt hat die USA in den Sechzigerjahren beflügelt. „Der Sputnik-Schock führte zwischen 1957 und 1967 zu einer Verdoppelung der Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf 30 Milliarden Dollar“, weiß Messerschmid. „Bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt stiegen die Ausgaben von 1,7 auf 3 Prozent, einen Wert, den Deutschland heute noch anstrebt.“ Der Kern dieses Zuwachses war das Apollo-Mondprojekt. Diese Aufwendungen haben nicht nur zu Mondraketen, Satelliten, Landekapseln und Bodenstationen geführt, sondern auch zu internationalen Vorsprüngen bei der Optik und Elektronik genau wie bei der Medizin, Kommunikationstechnik, Systemtechnik und Materialwissenschaft.

Im Gegensatz zu seinen knappen Kommentaren über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Mondflugs, ließ sich Gerathewohl zur Medizin auf 445 Zeilen aus, die aus heutiger Sicht wenig Dynamik und überraschende Erkenntnisse bieten. Konkretes ließ sich damals schon deshalb kaum sagen, weil zu Jahresbeginn 1964 Russen und Amerikaner zusammen gerade einmal 18 Tage im Weltraum verbracht hatten.

Heute weiß Messerschmid natürlich besser Bescheid – zum Beispiel:

• Im Schnitt werden pro Raumflugmonat ein Prozent an Knochen und Muskeln abgebaut. Hier kann man mit Training und Medikamenten Abhilfe schaffen.

• Raumflüge beeinträchtigen das Immunsystem. Antibiotika wirken zu Beginn einer Mission schwächer.

• Viele Astronauten werden weltraumkrank. Doch nach ein bis zwei Tagen verschwinden die Symptome meist völlig.

• Explosionen auf der Sonnenoberfläche sind lebensgefährlich. Messerschmid: „Während einer Apollomission 1972 gab es einen Ausbruch, den die Astronauten auf dem Mond – nur geschützt vom Raumanzug – nicht überlebt hätten.“

• Hinweise, dass Astronauten durch die Strahlungseinwirkung später häufiger an Krebs erkranken, gibt es nicht.

Gleichwohl verharmlost Messerschmid nichts. „Als ich Chef des ESA-Astronautenzentrums war, erinnerte ich meine Kollegen und deren Familien immer wieder an das Risiko.“ Er selbst schloss in London auf eigene Kosten für seinen Raumflug eine zusätzliche Lebensversicherung ab. Die Prämie lag bei immerhin 1,8 Prozent der Versicherungssumme. Diese Größenordnung ist inzwischen – leider – auch statistisch untermauert. Wenn man das Training mit einschließt, haben etwa zwei Prozent der Astronauten in ihrem Job bisher das Leben verloren. Wolfgang Hess ■

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