Zum 400. Heft: Auf den Spuren von Troja - wissenschaft.de
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Zum 400. Heft: Auf den Spuren von Troja

Kein griechischer Vorposten in Kleinasien – stattdessen eine anatolische Regionalmacht? 1997 lagen die Archäologen miteinander im Trojanischen Krieg.

Vor neun Jahren, als bdw-Redakteur Michael Zick für bild der wissenschaft aus Troja berichtete, war ein „Neuer Streit um die Wiege unserer Kultur“ (Heft 12/1997) ausgebrochen. Zick brachte den Kern des wissenschaftlichen Disputs so auf den Punkt:

„Liegt Europas Ursprung in Anatolien? Troja, der Ort an den Dardanellen, verliert seinen Status als griechischer Vorposten in Kleinasien und mutiert zum eigenständigen Machtfaktor. Die Forscher streiten: Liegen Trojas Wurzeln in der Ägäis oder im kleinasiatischen Binnenland?“

Die Suche nach aktuellen Antworten führt nach Tübingen, wo im Schloss – hoch oben über der Stadt – Trojas deutsche Truppen thronen. Seit 18 Jahren graben die Archäologen des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und die Archäologie des Mittelalters in den Überresten des nordwesttürkischen Mythos. Der „Herr über Troja“ – Manfred Korfmann – konnte sein Lebenswerk allerdings nicht mehr beenden. Er starb letzten August im Alter von 63 Jahren.

Sein Nachfolger Ernst Pernicka ist fast so etwas wie ein Exot im Troja-Team. Der gebürtige Wiener ist kein gelernter Archäologe, sondern Chemiker, und hat unter anderem die berühmte Himmelsscheibe von Nebra untersucht. Last und Lust des Korfmann’s chen Erbes teilt er sich mit seinem Landsmann Peter Jablonka, der seit 1988 die Grabungen vor Ort begleitet. Gemeinsam setzen sie 2006 die Entschleierung von Trojas Vergangenheit fort. bild der wissenschaft befragte beide zum aktuellen Stand der Forschung.

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bdw: War Troja wirklich die Wiege der europäischen Kultur, wie Michael Zick vor knapp einem Jahrzehnt die damalige Sicht einiger Archäologen wiedergab?

Jablonka: Nein, Troja war nicht die Wiege unserer Kultur – zumindest nicht in dem Sinn, dass alle Neuerungen aus Philosophie, Technik und Naturwissenschaft über genau diese Stadt zu uns gekommen sind. Troja gelangte deshalb zu so großem Ruhm, weil Homer in der Ilias davon erzählte. Die Ilias wiederum ist die älteste schriftlich niedergelegte Dichtung unserer Kultur. Da die Ilias auf Griechisch geschrieben ist und das antike Griechenland lange einen Idealzustand verkörperte, wurde diese Glorifizierung auf Troja übertragen. Die Verbindung zwischen Troja und der westlichen Welt ist also vor allem ideologischer Natur. Selbst die römischen Kaiser haben sich aus der Ilias die Legitimation für ihre Herrschaft geholt: Sie behaupteten, die direkten Nachfahren von Aeneas und Iulus zu sein, die aus den Flammen Trojas fliehen konnten. Vater und Sohn sollen sich in Italien niedergelassen und das Julisch-Claudische Kaisergeschlecht begründet haben.

Pernicka: Was sie jedoch nicht wussten: Das Holz, aus dem ihre vermeintlichen Vorfahren geschnitzt waren, stammte wohl nicht aus Griechenland, sondern aus Zentral-Anatolien, wie im Artikel von Michael Zick richtig erwähnt wurde. Die Hinweise dafür haben sich in den letzten Jahren immer mehr verdichtet. 1995 wurde in Troja ein Bronzesiegel mit hieroglyphen-luwischen Schriftzeichen entdeckt. Diese Schrift wurde von den Hethitern verwendet, die weite Gebiete der Türkei und den Norden Syriens beherrschten. In Troja selbst wurden bislang keine weiteren Schriftzeichen gefunden, die eine Beziehung Richtung Osten untermauern. Allerdings ist aus Hattusa, der Hauptstadt des Hethiterreichs, ein Vertrag überliefert, der zwischen einem hethitischen Herrscher und einem gewissen Alaxandu geschlossen worden war. Das Interessante daran: Alexandros war der zweite Name von Paris, dem Sohn des trojanischen Königs Priamos. Außerdem kennen wir inzwischen eine Vielzahl von Vasallenstaaten des Hethiterreiches und können sie geografisch einordnen. Immer wieder genannt wird auch der Name Wilusa (von „Ilios“ – einem anderen Namen für Troja) oder Taruisa, ein Verbündeter, der nach dem geografischen Ausschlussverfahren in Westanatolien – dem Gebiet um Troja – beheimatet gewesen sein muss.

bdw: Wie muss man sich demnach den Werdegang von Troja vorstellen? War es ein besseres Piratennest oder eine Großmacht, Atlantis gar – wie der umstrittene Schweizer Altertumsforscher Eberhard Zangger 1992 behauptete?

Pernicka: Für ein Piratennest war Troja eindeutig zu groß und für eine Großmacht definitiv zu klein. Troja war wohl ein regionales Zentrum, das die wirtschaftliche und politische Kontrolle über das Umland ausübte. Die Entwicklung der Stadt muss man sich so vorstellen: In der Frühbronzezeit, also im 3. Jahrtausend vor Christus, profitierte Troja vom allgemeinen Aufschwung der Ägäis. Erstmals wurden Wein und Oliven angebaut und wohl auch verschifft, Bronze wurde importiert und verarbeitet. Mehr als 1000 Jahre später – am Ende der Bronzezeit, in der auch Homers Ilias spielt – hatte sich die Blickrichtung der Stadt allerdings grundlegend geändert: Es gab zwar nach wie vor kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zu Griechenland – aber in einigen Häusern sind auch Kuppelöfen zu finden, die typisch anatolisch sind. Wahrscheinlich war Troja zu dieser Zeit politisch mit den Hethitern in Anatolien verbunden – als ein Vasallenstaat, der im Falle eines Krieges zur Kooperation verpflichtet war.

Jablonka: Die These, dass Troja das sagenhafte Atlantis von Platon gewesen sein könnte, ist inzwischen vom Tisch – nicht zuletzt deshalb, weil sich Eberhard Zangger aus der Archäologie verabschiedet hat.

Pernicka: Allerdings wurde in den letzten Jahren eine andere Frage kontrovers diskutiert: War Troja tatsächlich eine Stadt oder doch nur eine kleine Siedlung? Ich selbst würde Troja als Stadt bezeichnen. Gegen Ende des 2. Jahrtausends vor Christus hatte Troja schätzungsweise 5000 Einwohner – für die Bronzezeit waren das ganz schön viele. Auf dem Burgberg allein hätten so viele Menschen gar nicht Platz gehabt. Man muss also die Unterstadt mit einbeziehen. Diese Unterteilung von Troja in Burgberg und Unterstadt spiegelt eine soziale Schichtung wider: Oben residierte die politische oder religiöse Elite – vielleicht in einem Tempel oder Palast. Kürzlich wurden auf dem Burgberg Marmorknäufe – Teile von Streitwagen – und ein Pferdegeschirr gefunden. Eine solch edle Bewaffnung war in dieser Zeit der Oberschicht vorbehalten, weshalb es in Troja eine Aristokratie gegeben haben muss. In der Unterstadt hingegen wohnte wohl das einfache Volk. Eine solche soziale Schichtung ist – neben der Größe – typisch für Städte.

bdw: Ein großes Rätsel ist nach wie vor: Hat der Trojanische Krieg stattgefunden – und wenn ja, wann?

Jablonka: Die späte Bronzezeit war eine sehr kriegerische Epoche. Da wurde immer gekämpft – auch in und um Troja. Das erkennt man zum Beispiel daran, dass die Stadt sich zu schützen versuchte. Der Burgberg war von einer gewaltigen Mauer umgeben, und die Unterstadt hatte ein Verteidigungssystem aus zwei Gräben. Eberhard Zangger hat vor zehn Jahren gemutmaßt, dass die Gräben vielleicht nicht Schutzbauten, sondern Schiffskanäle gewesen sind. Aber: Die Gräben verliefen nicht durchgehend, sondern waren unterbrochen – da würde man sich mit Schiffen schon schwer tun.

Pernicka: Die Schutzmaßnahmen haben der Stadt allerdings nichts genützt: Um 1180 vor Christus wurde sie definitiv zerstört. Die Erzählung Homers vom Kampf und Untergang einer mächtigen Stadt hat also durchaus einen historischen Kern. Es ist natürlich möglich, dass er nicht einen einzigen Krieg geschildert, sondern mehrere Episoden aus verschiedenen Kämpfen zusammengeflickt hat. Und auch die Frage, ob das Gemetzel tatsächlich wegen einer Frau ausgebrochen ist, sei dahingestellt. Aber das Prinzip passt: Wenn Troja ein Verbündeter des Hethiterreiches gewesen ist, dann war das nicht nur ein Kampf zwischen griechischen „Brüdern“, sondern ein Duell zweier Großmächte – eine Art Weltkrieg. Schließlich wurde damals nicht nur Troja, sondern der gesamte Mittelmeerraum in Schutt und Asche gelegt. Einen genauen Zeitpunkt für „den“ Trojanischen Krieg kann man nicht nennen, aber ich bin sicher, dass unser Troja auch jenes von Homer ist.

bdw: Manche befürchten, dass mit Manfred Korfmann der Traum von Troja vorbei ist, da er die Lizenz für die Grabungen „ad personam“ innehatte – nur er persönlich durfte dort arbeiten.

Pernicka: Wir haben bei der türkischen Regierung ein Gesuch gestellt, um die Geländearbeiten wissenschaftlich verantwortungsvoll zu Ende zu bringen – bis 2009. Die Zeichen dafür stehen sehr gut. Dann wird es Zeit, alle Ergebnisse genau zu dokumentieren und in einer digitalen Datenbank einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Außerdem drängen viele Kollegen auf einen umfassenden Endbericht.

Jablonka: Bis 2009 gibt es für uns und unsere Mitarbeiter noch etliches zu tun. Wir wollen einige kleine Untersuchungen an den Verteidigungsgräben vornehmen und ihren Verlauf weiter verfolgen. Vielleicht finden wir ja doch noch einen Friedhof aus der späten Bronzezeit, wonach wir bislang vergeblich gefahndet haben. Außerdem wollen wir versuchen, über die Keramik – und entsprechende Importe und Exporte – die Handelsbeziehungen von Troja genauer nachzuzeichnen. Und natürlich geht es uns darum, die Reste von Troja – die ja Teil des Weltkulturerbes sind – auf Dauer zu bewahren.

Das Gespräch führte Bettina Gartner■

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