Zwischen Playboy, Stars und echten Sternen - wissenschaft.de
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Zwischen Playboy, Stars und echten Sternen

Die meisten Wissenschaftler sind ganz vernünftige Menschen. Sie bemühen sich, Gefühle auszuschalten und nach den Regeln der Logik zu arbeiten. Doch es gibt Themen, da werden sie emotional und vergessen die Gesetze der kritischen Vernunft. Solch ein Thema ist die Astrologie, der Glaube, daß die Gestirne unser Schicksal beeinflussen. Sie gilt Naturwissenschaftlern als gefährlicher Gottseibeiuns, der lange Argumentationen oder wüste Pamphlete auslöst.

Um so bemerkenswerter ist, daß in den letzten Monaten unter kritischen Wissenschaftlern eine sachliche Debatte um Astrologie entstanden ist. Es begann mit einem Mann namens Gunter Sachs. Wer bei diesem Namen an einen Playboy oder Brigitte Bardot denkt, liegt richtig. Kaum jemand weiß, daß er Mathematiker ist und diese Disziplin ernst nimmt. Sachs kam auf die Idee, statistisch zu untersuchen, was an der Astrologie dran ist. Er ließ drei Forscher nach Zusammenhängen von Verhaltensweisen und Sternzeichen fahnden.

Die Ergebnisse sind Wasser auf die Mühlen der Astrologiefreunde. Es zeigte sich, daß Waage-Geborene besonders gern Jura studieren, aber nicht Zahnmedizin, oder daß Steinböcke besonders häufig als Drogenhändler verurteilt werden. Gunter Sachs ließ die Resultate von Statistikern der Universität München prüfen. Zwei Gutachter des statistischen Bundesamtes in Wiesbaden attestierten zusätzlich höchste Glaubwürdigkeit. Das Institut für Demoskopie in Allensbach schließlich stützte die Ergebnisse mit einer unabhängigen Untersuchung.

Bei solchen Testaten ist oft die Grenze zwischen Name-Dropping und Gefälligkeit fließend. Erstaunt hat mich deshalb, wie erklärte Astrologie-Gegner reagierten. Ausgerechnet der „Skeptiker“, die Hauspostille selbsternannter kritischer Wissenschaftler, die sich sonst furios auf allen Mummenschanz stürzt, veröffentlichte jetzt einen ausgewogenen Aufsatz des Würzburger Statistikers Herbert Baslers. Der weist zwar den Berufsstatistikern aus Allensbach schwere Fehler nach, bei Gunter Sachs aber entdeckt er lediglich Schwächen, wie sie in vielen wissenschaftlichen Arbeiten vorkommen. Sie sollen zwar die Signifikanz der Ergebnisse in Frage stellen. Alles in allem aber zieht der Professor vor dem Playboy-Mathematiker den Hut: Sachs habe gezeigt, daß astrologische Hypothesen mathematisch überprüfbar sind. Er fordert ihn auf, weiterzumachen. Denn die Ergebnisse könnten „echte interpretatorische Knacknüsse für Astro-Skeptiker darstellen“.

Wie bitte? Sind die Skeptiker in Gefahr, in ihrer eigenen Skepsis widerlegt zu werden? Keine Sorge: Sie sind schlicht dem Mythos Astrologie auf den Leim gegangen. Sie haben übersehen, daß Gunter Sachs nicht die Konstellation der Gestirne, sondern den Einfluß des Geburtsdatums auf das Verhalten untersucht hat.

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Das aber richtet den Blick auf ganz andere Zusammenhänge: Schwangerschaft, Geburt, frühkindliche Erfahrungen – je nach Monat und Jahreszeit. Gunter Sachs hat in Wirklichkeit die Perinatalpsychologie bereichert.

Wer Statistik als Inhalt betrachtet und nicht als Werkzeug, lebt gefährlich. Der Hammer muß den Nagel treffen, nicht den Daumen. Bei der Astrologie geht es um mehr als das Geburtsdatum. Mit Aszendenten, Oppositionen oder ähnlichem hat sie viel anzubieten, was nicht belegbar ist. Statistiker bleibt bei euren Leisten! Sonst gerät das unentbehrliche Werkzeug der Forschung zur Astrologie der Neuzeit – undurchschaubar, von einer kleinen Kaste beherrscht und beliebig zu interpretieren.

Reiner Korbmann

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