Zwischen Schindluder und Alibi - wissenschaft.de
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Zwischen Schindluder und Alibi

Reiner Kormann über die Probleme der Politker, mit eindeutigen Forschungsergebnissen umzugehen.

Warum brauchen wir eigentlich Wissenschaftler? Zur Entschlüsselung der Wahrheit? Nun, die Frage ist berechtigt, ob es sich bei Forschungsergebnissen um Wahrheit oder um Wirklichkeit handelt.

Geht es um einen wesentlichen Bestandteil der humanen Kultur? Aus dem Ziel, die menschliche Neugier zu befriedigen, scheinen manche Forscher den Anspruch abzuleiten, Geld für ihre persönlichen Neigungen einzufordern.

Als Fundament für unsere wirtschaftliche und soziale Zukunft? Daran glaubt offensichtlich ein großer Teil der Wirtschaft selbst nicht mehr, betrachtet man die drastisch gekürzten Forschungsbudgets.

Oder soll Wissenschaft vor allem den Verantwortlichen als Alibi dienen, um von ihrer eigenen Untätigkeit abzulenken? Diese Version scheint derzeit bei Politikern und Interessenvertretern besonders beliebt zu sein. Wissenschaftler haben die Aufgabe, Neues zu finden.

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Doch wehe, sie entdecken etwas, was an eingefahrenen Machtstrukturen, an ergiebigen Pfründen oder gar an der eigenen Argumentationskette rüttelt. Dann gilt das Prinzip, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. Beispiele für diese Vogel-Strauß-Politik gibt es genug – vom Treibhauseffekt bis zu den Gesundheitsgefahren durch Rauchen.

Jüngstes und besonders eklatantes Beispiel, weil vor den Augen der aufgeschreckten Öffentlichkeit ausgetragen, ist die Rinderseuche BSE. Schon vor zwanzig Jahren kam der Verdacht auf, daß Schafe, die an der Seuche Scrapie leiden, von „langsamen Viren“ befallen sind und daß es seltsame Parallelen zur Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen gibt. Eingehende Untersuchungen wurden von dem Entdecker der langsamen Viren gefordert, dem Nobelpreisträger Carlton Gaidusek.

Nichts geschah. Statt dessen wurden Scrapie-Kadaver an Rinder verfüttert. Als diese reihenweise auf den Weiden zu taumeln und sich wie wahnsinnig im Kreise zu drehen begannen, setzte der übliche Mechanismus ein: Zuerst hieß es, es gäbe „keine Hinweise“, daß auch Menschen von der Krankheit betroffen seien. Als mögliche Übertragbarkeiten nicht mehr zu leugnen waren, änderten sich nur drei Buchstaben:

Es gäbe „keine Beweise“. Als jetzt Forscher eindeutige Beweise für einen Zusammenhang vorlegten, vermißten immer noch einige Politiker den endgültigen Beweis. Bald schlägt wohl die Argumentationskette um: Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion sei außerordentlich gering, wird es dann heißen. Hier wird mit wissenschaftlichen Ergebnissen Schindluder getrieben. Wer – aus welchen Interessen auch immer – die .Augen vor den Fakten verschließen will, soll dies tun. Aber er darf sich nicht als verantwortlicher Politiker oder Unternehmer bezeichnen. Die Forscher haben bislang geleistet, was sie konnten, um Licht in das Dunkel der neuen Seuche zu bringen. Die derzeit gesicherten Fakten sind alarmierend genug, um zu handeln.

Zugegeben: Auch Politiker haben es schwer, Entscheidungen zu treffen, wenn es um Tausende von Arbeitsplätzen oder um das gewaltige System von Abhängigkeiten im Agrarmarkt geht. Aber Wissenschaftler sind ja nicht dazu da, den Politikern das Leben leichter zu machen, und erst recht nicht, um ihnen bei der Verschleierung eindeutiger Fakten zu helfen.

Reiner Kormann

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