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Astronomie|Physik

Das Schlimmste ist die Langeweile

Leben in der Raumstation. Es ist eine ständige Gratwanderung zwischen Harmonie und Psychostreß, wie vor allem russische Erfahrungen zeigen.

Die Planer der Internationalen Raumstation haben sich eine Menge einfallen lassen, um der künftigen Besatzung in dem Weltraumlabor das Leben so angenehm wie möglich zu machen: Dunkel getäfelte Böden, helle Wände und Lampen an der „Decke“ sollen der Crew ein Gefühl für „oben“ und „unten“ vermitteln. Eine übersichtlich gestaltete Inneneinrichtung soll Behaglichkeit ausstrahlen. Durch Bullaugen im Wohnbereich und eine eigens eingerichtete Aussichtskuppel werden die Raumfahrer den Ausblick auf die blau leuchtende Heimat genießen können.

Allerdings: Auch die bis ins Detail durchdachte Gestaltung der Innenräume dürfte kaum verhindern können, daß das Leben an Bord die Mannschaft psychisch schwer belastet. Monatelange Isolation von Familie und Freunden, fehlende Abwechslung und kaum neue Sinnesreize, auf eine Handvoll anderer Personen beschränkte zwischenmenschliche Beziehungen und beengte räumliche Verhältnisse bedeuten für die Raumfahrer permanenten Streß.

Thomas Reiter hat als Bordingenieur auf der russischen Raumstation Mir erfahren, welche psychologischen Härten Isolation und Enge mit sich bringen können. Von September 1995 bis Februar 1996 lebte der Bundeswehrpilot und Kommandeur der fliegenden Gruppe des Jagdbombergeschwaders 38 im ostfriesischen Jever in der Schwerelosigkeit – fast ein halbes Jahr, länger als jeder andere Westeuropäer. Fast 3000mal umrundete er während der 179 Tage im All zusammen mit seinen beiden russischen Kollegen Sergej Awdejew und Juri Gidsenko die Erde. Nach etwa einem Monat an Bord, als die anfängliche Begeisterung und die Faszination des Neuen einer täglichen Routine Platz machten, nahm Reiter zunehmend die Beengtheit in der Kapsel wahr. „Gegen Ende der Mission hatte ich den Eindruck, als würde die Station mehr und mehr schrumpfen“, erinnert er sich. Nach etwa vier Monaten Aufenthalt im All begann er die Wochen, Tage und Stunden bis zur Heimkehr zu zählen.

Als überaus wichtig während der Mission empfand der Langzeitastronaut gelegentliche Auflockerungen des Alltags, zum Beispiel die sonntägliche Videokonferenz mit der Familie, Ausstiege aus der Station oder die Ankunft der Versorgungskapsel Progress mit Post, Videofilmen und frischen Lebensmitteln. Daneben erwies sich die Arbeit als hoch wirksam gegen „Durchhänger“.

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„Die beste Motivation auf einem Raumflug entsteht dann, wenn richtig etwas zu tun ist“, sagt Reinhold Ewald, der sich im Februar 1997 für 18 Tage auf Mir aufhielt. Die Bodenmannschaft im russischen Kontrollzentrum bei Moskau ist daher stets bemüht, die Raumfahrer permanent zu beschäftigen, um keinen Leerlauf und keine Langeweile an Bord aufkommen zu lassen. „Wenn ich mir vorstelle, da oben nicht ausgelastet zu sein, dann ist das die Hölle“, meint Thomas Reiter. „Selbst der phantastische Ausblick auf die Erde würde dann vermutlich nur kurze Zeit weiterhelfen.“ Erfahrung im Umgang mit psychologischen Problemen, die ein längerer Aufenthalt im Weltraum für die Crew mit sich bringt, haben bislang fast ausschließlich die Russen gesammelt. In den USA dagegen wurde psychologischen Aspekten bei der Auswahl und Vorbereitung der Besatzungsmitglieder amerikanischer Raumstationen wie dem Skylab oder dem Space Shuttle in der Vergangenheit kaum Beachtung geschenkt.

„Während des gesamten Space- Shuttle-Projekts wurde kein einziger Astronaut psychologisch ausgewählt oder speziell geschult“, weiß Dr. Dietrich Manzey von der für Psychologie zuständigen Abteilung am Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Hamburg. Einer der Gründe dafür: Die NASA rekrutierte die meisten ihrer Astronauten aus dem Kreis der Piloten der US-Air-Force. Die galten allgemein als harte Burschen, die auch unter extremen Anforderungen effizient arbeiten können. „Die Astronauten selbst hatten Vorbehalte, sich von Psychologen ausbilden zu lassen“, berichtet Manzey. Erst seit Mitte der neunziger Jahre werden bei der Auswahl amerikanischer Raumfahrer neben medizinischen auch psychologische Kriterien wie Teamfähigkeit und Streßbelastbarkeit berücksichtigt. Bei den bemannten sowjetischen und später russischen Raumfahrtprogrammen legte man dagegen von Anfang an sehr großen Wert auf eine psychologische Betreuung der Kosmonauten. So versuchen bei der Kosmonautenausbildung in der Sternenstadt bei Moskau mehrere Psychologen durch Tests, Interviews und Beobachtung der angehenden Raumfahrer herauszufinden, wie gut sie mit den Belastungen während eines Langzeitaufenthalts im All zurechtkommen. Bei der Zusammenstellung der Mannschaft haben die Psychologen ein Vetorecht.

In einem umfassenden Trainingsprogramm lernen die Kosmonauten, gemeinsam unterschiedliche Streßsituationen zu bewältigen. Daneben üben sie Entspannungstechniken wie eine ausgewogene Atemtechnik, Yoga und autogenes Training.Während der Raumflugmission verfolgt eine Gruppe von psychologischen Betreuern anhand von Videoaufnahmen das Verhalten der Crew. Die Wissenschaftler bewerten Gesichtsausdruck, Gestik und Körpersprache der Kosmonauten. Sie werten Sprachmuster in den Gesprächen der Besatzungsmitglieder mit dem Kontrollzentrum aus und vergleichen sie mit Bandaufnahmen, die vor dem Raumflug unter streßfreien Bedingungen entstanden. Eine Analyse der Betonung einzelner Wörter, der Sprechgeschwindigkeit und der Sprechpausen geben den Psychologen einen Eindruck vom Gemütszustand des Teams in der Raumstation.

Als das größte psychologische Problem auf sowjetischen und russischen Langzeitflügen hat sich in den vergangenen über 20 Jahren die „Asthenie“ erwiesen – eine mentale Schwäche und allgemeine Kraftlosigkeit, die sich unter anderem in Müdigkeit, Überempfindlichkeit, extremer Launenhaftigkeit, fehlendem Appetit und Schlafstörungen äußert. Insbesondere während relativ monotoner, wenig arbeitsreicher Phasen gegen Ende eines Raumflugs treten diese Symptome immer wieder bei einzelnen Kosmonauten auf.

Durch Umorganisation des Arbeitsplans und mehr Abwechslung, zum Beispiel durch einen außerplanmäßigen Funkkontakt zu Verwandten oder Freunden, läßt sich die Asthenie häufig mildern. Bei den früheren Saljut-Missionen versuchte die Mannschaft am Boden mitunter, durch eine Berieselung mit schwungvoller Musik eine niedergeschlagene oder gereizte Stimmung an Bord der Raumstation zu vertreiben. Nicht selten dienen die Funkgespräche mit dem Bodenpersonal für die Crew auf der Raumstation als Blitzableiter: Aggressionen, die sich innerhalb der Besatzung angestaut haben, werden bevorzugt auf den Mitgliedern der Bodencrew abgeladen – vermutlich ein unbewußtes Schutzverhalten der Raumfahrer, um Konflikte an Bord zu vermeiden.

Der Wissenschaftskosmonaut Valeri Poljakow vom Institut für Biomedizinische Probleme in Moskau, der von Januar 1994 bis März 1995 ganze 438 Tage auf der Mir verbrachte und damit einen bisher ungebrochenen Rekord aufstellte, wurde als erster Langzeitraumfahrer vor, während und nach seinem Flug einem umfangreichen psychologischen Test- und Beobachtungsprogramm unterzogen. Ausgewertet wurden die Tests von den beiden deutschen Wissenschaftlern Dietrich Manzey und Bernd Lorenz vom DLR in Hamburg.

Abgesehen von einer deutlichen Beeinträchtigung seiner psychischen Verfassung während der Anpassungsphasen in den ersten Wochen nach dem Start sowie nach der Rückkehr auf die Erde waren Stimmung und Leistung des Kosmonauten sehr stabil. Auch Langzeitfolgen für die Leistungsfähigkeit konnten die Forscher an ihm nicht beobachten. Ihre Schlußfolgerung daher: „Die geistige Leistungsfähigkeit und der Gefühlszustand lassen sich auch während eines außerordentlich langen Raumflugs auf demselben Niveau wie auf der Erde halten.“

Dagegen haben sich die sozialen Beziehungen zwischen Mitgliedern einer Crew häufig als überaus kritischer Punkt bei Langzeitmissionen herausgestellt. Hartnäckig, weil glaubwürdig, hält sich das Gerücht, daß Ende der siebziger Jahre der Aufenthalt mehrerer Kosmonauten auf der sowjetischen Raumstation Saljut-6 vorzeitig abgebrochen werden mußte, weil die Mannschaft völlig zerstritten war und einer der Kosmonauten schließlich einen Nervenzusammenbruch erlitt. Soziale Beziehungen als kritischer Punkt

Auch auf der Mir lief nicht immer alles so glatt wie es die beiden deutschen Astronauten Thomas Reiter und Reinhold Ewald erlebten. So fühlte sich der Amerikaner Norman Thagard, der im Sommer 1995 im All zu Gast war, isoliert und hatte große Schwierigkeiten, mit seinen russischen Kollegen zurechtzukommen. Zwar verfügte Thagard über einen ausreichenden russischen Wortschatz, wegen seines amerikanischen Slangs hatten die übrigen Mitglieder der Crew jedoch Mühe, ihn zu verstehen.

Besonders belastend für den Amerikaner war, daß es ihm trotz intensiver Vorbereitung auf die Mission kaum möglich war, auf Russisch mit seinen Kameraden zu scherzen oder über alltägliche Dinge zu plaudern. Reibereien gab es auch zwei Missionen später zwischen dem amerikanischen Astronauten John Blaha und seinen russischen Kollegen.

Schwierigkeiten in der sprachlichen Verständigung und verschiedene kulturelle Voraussetzungen könnten sich innerhalb künftiger multinationaler Besatzungen auf der Internationalen Raumstation demnach stark auf das Klima an Bord auswirken – zumal es kein verbindendes gemeinsames Training geben wird, das viele Crews auf den russischen Raumstationen trotz mancher Gegensätze zusammengeschweißt haben dürfte. Bei ihren Trainingslektionen für deutsche Astronauten versuchen die Psychologen an der Hamburger DLR-Abteilung für Luft- und Raumfahrtpsychologie, möglichen zwischenmenschlichen Problemen durch eine Verbesserung der „sozialen Kompetenz“ vorzubeugen. Dazu üben die angehenden Astronauten Kommunikationstechniken und stärken ihre Fähigkeit zum Verständnis für fremde Meinungen und Gefühle sowie zu Toleranz und Selbstkritik. Simulationsexperimente, bei denen mehrere freiwillige Testpersonen für längere Zeit in einer engen Kammer leben, geben Aufschluß über soziale Verhaltensmuster innerhalb kleiner Gruppen.

Straffe Tagespläne sorgen dafür, daß der Lebensrhythmus möglichst genau dem täglichen Ablauf auf einer Raumstation entspricht. Kontakte zu Familie, Freunden und Verwandten sind auf wenige Minuten pro Woche begrenzt. Mit einer Videokamera beobachten Psychologen, wie sich das soziale Verhalten der „Astronauten“ im Verlauf des Aufenthalts entwickelt.

Zwei solche Studien der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA liefen 1990 am Norwegischen Unterwasser-Technologiezentrum NUTEC in Bergen und 1993 beim DLR in Köln. Die Inneneinrichtung war bei dem Kölner Experiment dem Columbus-Raumlabor COF nachempfunden, das als Beitrag der ESA für die Internationale Raumstation gebaut wird. Bei der vierwöchigen Norwegischen Simulation stellten die Forscher fest, daß Krisen vor allem etwa zur Halbzeit und gegen Ende des Aufenthalts auftraten. Die Stimmung unter der Besatzung verschlechterte sich in diesen Zeiten deutlich, die Mannschafts-Mitglieder verrichteten ihre Arbeit nachlässiger als sonst.

Spannungen entwickelten sich hauptsächlich zwischen besonders dominant auftretenden Mitgliedern der Gruppe. Die Kommunikation innerhalb der Besatzung verschlechterte sich so sehr, daß ein Teilnehmer am Ende sozial völlig isoliert war. Bei Besprechungen verhandelten die Crew-Mitglieder schließlich fast nur noch mit dem Kommandanten.

Norwegische Forscher, die an der Auswertung der beiden Simulationsstudien beteiligt waren, warnen denn auch vor gefährlichen Auswirkungen durch eine Verschlechterung der Stimmung und eine aufkeimende Nachlässigkeit in der Endphase eines Raumflugs. Denn gerade gegen Ende einer Mission sind viele besonders komplizierte Manöver zu erledigen. Die Kölner Studie, bei der ein Astronaut und fünf weitere Wissenschaftler zwei Monate lang isoliert wurden, verlief jedoch deutlich positiver: „Es gab weder offene Spannungen noch einen Kampf zwischen dominanteren Crew-Mitgliedern“, berichtet der DLR-Psychologe Manzey. Er führt das auf eine psychologische Auswahl und auf eine spezielle Vorbereitung zurück. Darüber hinaus erwies sich die einzige Frau unter den Testpersonen als „Friedenstifterin“, die die Stimmung positiv beeinflußte und Spannungen zwischen ihren männlichen Kollegen milderte.

Thomas Reiter hat seinen langen Aufenthalt in der Schwerelosigkeit insgesamt positiv erlebt. Er könnte sich durchaus vorstellen, wieder auf einer Raumstation zu arbeiten – oder in einem Raumschiff auf einer zweijährigen Reise zum Mars.

„Das Szenario wäre dabei allerdings völlig anders“, sagt Reiter. „Denn auf dem Weg zum Mars gibt es kein Zurück.“ Alle Probleme wie Erkrankungen oder Konflikte müßten an Bord des Raumschiffs gelöst werden. Die Verantwortung der Crew und vermutlich auch deren psychische Belastung wäre wesentlich größer als an Bord einer erdnahen Raumstation. Deshalb warnt Thomas Reiter: „Jeder, der leichtfertig „ja“ zu einem Marsflug sagt, weiß nicht, worauf er sich einläßt.“

===Ralf Butscher
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