Der "Todesstoß" trifft die Mir in der Nacht zum Freitag - wissenschaft.de
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Astronomie+Physik

Der "Todesstoß" trifft die Mir in der Nacht zum Freitag

Die Mir rast unwiderruflich ihrem Ende entgegen. Am Freitagmorgen soll die 15 Jahre alte russische Raumstation in den südlichen Pazifik stürzen, legte die Weltraumbehörde Rosawiakosmos in Moskau am Dienstag endgültig fest. Drei halbstündige Bremsschübe in der Nacht sollen den Koloss von 138 Tonnen Gewicht zur Erde bringen. Noch nie ist ein von Menschen konstruiertes Objekt dieser Größe aus dem All zurückgekehrt. Von Montag auf Dienstag sank die Mir um weitere 3,5 Kilometer auf eine durchschnittliche Umlaufbahn von 224,5 Kilometern Höhe ab.

Auch wenn das errechnete Zielgebiet weitab von jeder menschlichen Behausung liegt, trafen die Länder rund um den Pazifik letzte Vorkehrungen für den unwahrscheinlichen „Fall der Fälle“. In Japan, das die Mir als letztes bewohntes Gebiet überfliegen wird, sind Polizei und Rettungsdienste in Bereitschaft. Die Behörden in Australien berechneten, sie hätten etwa eine halbe Stunde Zeit, um ihre Bevölkerung zu warnen, falls die Station sich nicht an den Absturzplan hält. Auch Chile am anderen Ende des Pazifik hat für Marine und Küstenwache erhöhte Bereitschaft angeordnet.

Die russischen Weltraumbürokraten legten nach Angaben der Agentur Itar-Tass folgenden Zeitplan fest: In der Nacht zum Freitag sollen die Triebwerke des angekoppelten Progress-Raumfrachters von etwa 01.33 bis 01.54 Uhr MEZ zum ersten Mal bremsen, von 03.02 bis 03.25 Uhr MEZ zum zweiten Mal. Den „Todesstoß“ wollen die Techniker von 06.09 bis 06.32 Uhr MEZ versetzen, wenn die Station über der Sahara Richtung Kaukasus fliegt.

Hoch über Russland schweigen dann die Triebwerke. Im Segelflug passiert die Mir China und Japan in immer noch etwa 160 Kilometern Höhe. Nordöstlich von Australien tritt sie in 80 Kilometern Höhe in die Erdatmosphäre und beginnt zu verglühen. Als erstes werden die empfindlichen Sonnensegel abreißen, dann die außen angebrachten Instrumente. In 70 Kilometern Höhe wird die brennende Station zerbrechen. Bis zu 1500 Teile, von denen einzelne immer noch bis zu zwei Tonnen wiegen können, sollen in einem Feuerregen zwischen 07.30 und 08.00 Uhr MEZ zischend ins Wasser stürzen.

In dem etwa 3.000 Kilometer langen und 200 Kilometer breiten Zielgebiet sollte sich besser niemand aufhalten. „Selbstmörder“ nannte der Rosawiakosmos-Chef Juri Koptew nach Presseberichten die Weltraumfans, die auf einem teuren Charterflug den Absturz aus der Nähe betrachten wollen. Denn völlig auszuschließen ist es nicht, dass Trümmer das Flugzeug treffen.

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Hinterlassen wird die Mir Scharen trauernder Weltraumfans in Russland wie in anderen Teilen der Welt. „Man betrachtet die Station schnell als lebendiges Wesen“, schwärmte Kosmonaut Waleri Korsun am Dienstag in der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ in Erinnerung an seine Zeit auf der Mir 1996/1997. „Und auch sie reagiert unterschiedlich auf das vernunftbegabte Protoplasma, also uns Menschen. Warum sonst verläuft bei einer Besatzung der Flug ganz glatt, die zweite hat Probleme und die dritte schrammt an einer Katastrophe vorbei?“

dpa
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