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Astronomie+Physik Erde+Klima

Die Ausreißer

Warum Neuseelands Gletscher wachsen. Weltweit schrumpfen die Gletscher – für immer mehr Forscher eine sichtbare Folge des Treibhauseffekts. Doch ein paar Eisriesen tanzen aus der Reihe: Sie wachsen seit über zehn Jahren.

Als die letzte Eiszeit vor 15000 Jahren allmählich zu Ende ging, reichten die Gletscher von Skandinavien bis nach Norddeutschland, und sie bedeckten im Süden die gesamten Alpen. Unterbrochen von kurzen Wachstumsschüben, schrumpft die Eisdecke seither – aber nie zuvor so rasant wie in den letzten hundert Jahren. Für einige Forscher ist der weltweite Trend ein klarer Hinweis auf einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur.

Gebirgsgletscher gehören zu den weltweit am längsten beobachteten Naturphänomenen. Seit 1894 werden die Aufzeichnungen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich gesammelt – „in einem der ältesten international koordinierten Meßnetze, die es auf der Erde gibt“, sagt Prof. Wilfried Haeberli.
Der Glaziologe an der Universität Zürich ist Direktor des World-Glacier-Monitoring-Systems (WGMS). Dieser weltweite Gletscher-Beobachtungsdienst hat etwa 1000 Gebirgsgletscher der Erde ständig im Visier. Von 58 Gletschern gibt es Massenbilanzen, mit denen sich die Volumenänderung des Eises abschätzen läßt. Wie in einem gut geführten Haushalt wird dabei Buch geführt über die jährlichen „Einnahmen“, den Eiszuwachs, und die „Ausgaben“, die Abschmelzrate eines Gletschers. Vorstoß oder Rückzug lassen sich damit genau verfolgen.

Weltweit beobachten Forscher etwa 1000 Gletscher.

Der Bericht des WGMS vom April 1995 hat die weltweite Tendenz des Gletscherschwunds bestätigt. Seit 1850, dem Ende der sogenannten Kleinen Eiszeit, sind die Eismassen der Erde um etwa die Hälfte geschrumpft. Die Alpengletscher beispielsweise haben seit Beginn der Industrialisierung etwa 40 bis 50 Meter von ihrer Dicke verloren.
Von den insgesamt 15 Millionen Quadratkilometern Eis, die es heute auf der Erde gibt, sind 550000 Quadratkilometer über die Gebirge der Erde verteilt: 50 Prozent davon liegen in Alaska, 44 Prozent in Eurasien, 5 Prozent in Südamerika – und 1 Prozent in Neuseeland. Und ausgerechnet da, auf der südlichen der beiden Inseln Neuseelands gibt es ein paar Gletscher, die aus der Reihe tanzen: Statt zu schrumpfen, wachsen sie seit über zehn Jahren. Der Glaziologe Dr. Trevor Chinn vom Crown Institute in Dunedin beobachtet die Eiskappen der neuseeländischen Südalpen seit Mitte der siebziger Jahre.

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Chinns Resultat: Bis auf einen kurzen Rückzug im Jahr 1990 sind alle 47 beobachteten Gletscher kontinuierlich vorgerückt. Doch ausgerechnet die beiden bekanntesten Eisriesen Neuseelands – der Fox-Gletscher und der Franz-Josef-Gletscher im Westland National Park – gehören nicht zu den 47 auf Chinns Beobachtungs-Liste: Er mußte sich deshalb auf Beobachtungen der Nationalpark-Verwaltung stützen. Danach kriecht das Eis an der Gletscherstirn um ein bis zwei Meter pro Tag vorwärts. „Diese Vorstoßrate bestätigt die Beobachtungen an den 47 anderen Gletschern“, freut sich der Glaziologe.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Seit Mitte der siebziger Jahre wachsen die Gletscher Neuseelands.
Die Geschwindigkeit des Franz-Josef-Gletschers ließ sich erstmals 1947 dingfest machen. Aus makaberem Anlaß: 1943 war ein Sportflugzeug vier Kilometer hinter der Eisfront im Tal abgestürzt. Die Passagiere wurden gerettet. Einige Wrackteile verschwanden jedoch in den Gletscherspalten, glitten im Eis eingebettet mit dem Strom talwärts und tauchten fünf Jahre später an der Gletscherstirn, dem Ende der Eiszunge, wieder auf. Damals schob sich das Eis demnach um gut zwei Meter pro Tag abwärts. Ob der Fox-Gletscher damals vorgestoßen ist, läßt sich nicht genau sagen, weil ein Schmelzwasser-See vor der Front lag, in den der Gletscher kalbte. Bei seinem derzeitigen Vorstoß von einem bis zwei Meter pro Tag begräbt der Gletscher Felsblöcke, Steine und Sand unter sich, die er während eines früheren Rückzugs am Talboden abgelagert hatte.

Aber nicht nur in Neuseeland, sondern auch an der Küste Alaskas, in Patagonien, an der Westseite Norwegens und auf Island gewinnen die Gletscher an Masse. So bedeckt der größte Gletscher Europas, der Vatnajökull auf Island rund 8300 Quadratkilometer. Seine Ausdehnung läßt sich gut auf dem Satellitenbild erkennen.
Gletscherwachstum und weltweit steigende Temperaturen – paßt das zusammen? „Das Vorrücken der Gletscher muß dem zunehmenden Treibhauseffekt nicht widersprechen“, kommt WGMS-Direktor Haeberli vorschnellen Schlüssen zuvor. Denn bei höheren Temperaturen kann mehr Wasser aus den Ozeanen verdunsten, es bilden sich mehr Wolken, und in manchen Gebieten kann es deshalb zu ergiebigeren Niederschlägen kommen. „Doch das ist noch Spekulation“, räumt der Glaziologe ein.
Das Vorrücken der Gletscher paßt nur scheinbar nicht mit einem weltweiten Temperaturanstieg zusammen.
In Australien haben Meteorologen festgestellt, daß die zahlreichen und lang andauernden „El-Niño-Ereignisse“ der letzten Jahre Folgen für das Wetter hatten. El Niño ist eine Änderung der Meeresströmung im Äquatorbereich des Pazifik, die sich alle paar Jahre wiederholt. Dabei erwärmt sich der Ozean weiträumig, was die Luftzirkulation im gesamten südpazifischen Raum verändert. Neuseeland bringt ein starker El Niño mehr kühle Winde aus Südwest, statt der sonst vorherrschenden wärmeren Luftströmungen aus Nordwest. Diese kühlen Winde senken die Temperaturen über den Gletschern Neuseelands, meint Erick Brunstrum, vom Meteorologischen Dienst Neuseelands: „Deswegen hat es dort im Sommer vermutlich mehr geschneit als geregnet, so daß die Gletscher gewachsen sind.“

Auch Trevor Chinn sieht einen Zusammenhang zwischen den El-Niños und dem Wachsen der Gletscher. Der besonders starke El-Niño in den Jahren 1982 und ’83 war seiner Überzeugung nach die Initialzündung für den bis heute andauernden Vorstoß.
Der Ausbruch des philippinischen Vulkans Pinatubo im Juni 1991 hat nach seiner Meinung ebenfalls den Gletschern den Rücken gestärkt. Chinn sieht ihn als Ursache für den besonders kräftigen Eisvorschub 1992 und 1993. Schuld seien vor allem die mächtige Aschenwolken des Vulkans gewesen, die sich um die ganze Erde ausgebreitet und eine Abkühlung zur Folge hatten. Das Wetter auf Neuseeland habe sich verschlechtert, so daß vermutlich mehr Niederschlag auf den Gletschern an der Westküste fiel. Wissenschaftlich exakt belegen läßt sich das mangels Daten freilich nicht.
„Die klaren Aussagen, die die Öffentlichkeit über einen Zusammenhang von Klimaerwärmung und Gletschervorstoß in Neuseeland und anderswo von uns erwartet, können wir leider noch nicht machen“, bedauert Gletscher-Experte Haeberli. Eines sagt er immerhin ganz klar: „Die Geschwindigkeit, mit der die Gletscher vorrücken, ist ein Signal dafür, daß die komplexe Maschine der Natur auf einem höheren Energie-Niveau läuft. Dadurch ändert sich der Energieaustausch im gesamten Ökosystem Erde – und das beeinflußt unser Leben bis in kleinste Details.“

Angelika Jung-Hüttl
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