Die Embryonen, die wohl Riesenbakterien waren - wissenschaft.de
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Die Embryonen, die wohl Riesenbakterien waren

Die „ältesten Embryonen der Welt“ könnten in Wirklichkeit versteinerte Schwefelbakterien sein. Viele der winzigen schwarzen Kügelchen aus der 600 Millionen Jahre alten Doushantuo-Formation in China, die 1998 entdeckt worden waren, sehen aus wie das Riesenbakterium Thiomargarita, berichten zwei amerikanische Forscher.

Einzeller der Gattung Thiomargarita sind die größten Bakterien der Welt und können im Extremfall einen Durchmesser von einem knappen Millimeter erreichen. Damit sind sie etwa genauso groß wie die Kügelchen aus China, die bislang für Eier und Embryos der ersten mehrzelligen Tiere gehalten wurden. Die Forscher entdeckten im Golf von Mexiko Ansammlungen von Thiomargarita-Zellen, die dem Zweizellen-, Vierzellen- und Achtzellen-Stadium beim Wachstum von Tier-Embryonen ähneln. Die Thiomargarita-Bakterien gehen zu dieser besonderen Art der Zellteilung über, wenn die Umweltbedingungen ungünstig sind. Die Doushantuo-Fossilien gleichen den modernen Thiomargerita-Zellen ? nicht ganz im wahrsten Sinne des Wortes ? wie ein Ei dem anderen.

Für die neue Theorie spricht zudem, dass Thiomargarita-Bakterien im Golf von Mexiko dazu beitragen, dass sich das Mineral Phosphorit am Meeresboden ablagert. Die Doushantuo-Fossilien wurden allesamt in Phosphorit-Schichten gefunden. „Als ich diese beiden Puzzlestücke zusammenfügte, wurde mir klar, dass die Fossilien wahrscheinlich gar keine Tierembryos sind“, sagt Jake Bailey, einer der beteiligten Forscher. Das könnte erklären, warum bei computertomographischen Aufnahmen der Versteinerungen bislang keine Anzeichen von unterschiedlichen Zelltypen oder Körperhöhlen entdeckt werden konnten. Auch war bislang nur schwer zu erklären, wieso die vermeintlichen Embryonen überhaupt in riesigen Mengen erhalten blieben, da Tierembryos im Gegensatz zu Bakterien in der Regel nur äußerst selten versteinern.

Allerdings schließen die Forscher nicht aus, dass in den Phosphorit-Schichten auch echte Embryonen oder sogar mikroskopisch kleine erwachsene Tiere erhalten blieben. Einige der Fossilien sähen völlig anders aus als Thiomargarita-Bakterien, schreiben die Forscher. Die Bakterien trugen aber immerhin dazu bei, dass die winzigen Fossilien überhaupt erhalten blieben: Phosphorit besteht hauptsächlich aus dem Mineral Karbonatfluorapatit. Der darin enthaltene Phosphor ersetzt während der Versteinerung das organische Material der Zellwände, wobei selbst feinste Strukturen erhalten bleiben.

Sollte die Doushantuo-Formation tatsächlich Embryonen enthalten, wären dies die ältesten bekannten Vertreter des Reichs der Tiere. Erst vor 543 Millionen Jahren, nach der so genannten kambrischen Radiation, eroberten große, mehrzellige Kreaturen mit Panzern, Greifwerkzeugen und Zähnen die Erde in großer Vielfalt. Gesteine, die älter sind als 543 Jahre enthalten kaum sichtbare Fossilien ? und wenn, dann stammen sie von Wesen, die heutigen Tieren völlig unähnlich sind.

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Jake Bailey (Universität von Südkalifornien, Los Angeles) et al.: Nature, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1038/nature05467 Ute Kehse
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Wissenschaftslexikon

fu|gal  〈Adj.; Mus.〉 wie eine Fuge, in der Art einer Fuge

Wirksamkeit

Gewiss, wir haben gerade andere Sorgen als die Homöopathie. Aber es hat mich eben doch geärgert, als ich die neue Ausgabe 4/2020 der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ aufgeschlagen habe und darin eine Homöopathie-Apologetik des früheren Blätter-Redakteurs Christoph Wagner sehen musste. Christoph Wagner firmiert als „Heilpraktiker, Philosoph, Kreativtherapeut, Ernährungscoach und psychologischer Berater“ und die „Blätter“ haben ihrem alten Freund eine Werbeplattform geboten. Ob demnächst jemand, der mal für die Blätter gearbeitet hat, auch für die Tabakindustrie werben darf? Oder für seinen Hedgefonds?

Wenn der kreative Mann wenigstens ein paar kreative Gedanken zum Thema beigesteuert hätte, aber weit gefehlt. Es sind zwei Seiten mit den altbekannten Werbesprüchen der Homöopathen. Der Beitrag fängt schon mit einer antiquierten Gegenwartsbestimmung an.

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„Um Sinn und Unsinn der Homöopathie herrscht mittlerweile erbitterter Streit. Aktuell kocht er unter anderem bei den Grünen hoch.“

Der Streit kocht nicht „mittlerweile“, sondern seit Jahren, und die Sache mit den Grünen ist auch schon eine Weile her. Wagner referenziert diesen Einleitungssatz mit einem Verweis auf einen Artikel aus den Blättern 2/2019. Sehr aktuell. Die einzige Referenz übrigens.

Wie gesagt, es gibt nicht viele Argumente, in der Hinsicht präsentiert sich Wagner geradezu paradigmatisch als Vertreter einer verdünnten Vernunft. So schreibt er beispielsweise zum Thema Wirksamkeit:

„Die Behauptung der Nichtwirksamkeit trifft selbst auf die meist im Fokus stehenden Hochpotenzen, in denen physikalisch gesehen nichts mehr vom Ausgangsstoff enthalten ist, pauschal nicht zu. Vielmehr gibt es zur Grundlagenforschung mehr als 1000 Publikationen mit sehr gemischten, keinesfalls aber eindeutigen Ergebnissen.“

Von einem Menschen, der sich als „Philosoph“ einführt, würde ich mir wünschen, dass er erklärt, wie in der Grundlagenforschung, in der ja dezidiert die naturwissenschaftliche Ebene angesprochen ist, ohne physikalisches Agens trotzdem eine Wirksamkeit vorstellbar ist. Von mir aus hätte er panpsychische Spekulationen oder die „geistartigen Kräfte“ Hahnemanns anführen können, aber irgendwas müsste er doch dazu sagen. Dann wäre es natürlich auch geboten, zu sagen, was eine in Grundlagenexperimenten angeblich beobachtete „Wirksamkeit“ meint. Die zu zeigende therapeutische Wirksamkeit kann es ja nicht sein, die kann nur in klinischen Studien nachgewiesen werden. Und last but not least: Dass sich in 1000 Studien alles Mögliche zeigt, dass zufallsbedingt nahezu mit Notwendigkeit Studien dabei sind, die etwas zeigen und solche, die nichts zeigen, ist kein Geheimwissen, sondern Erstsemester-Statistik. Was soll beim Schwanken von Messergebnissen um die Null-Linie anderes herauskommen? Danach, ob Wagner die 1000 Studien wirklich gelesen hat, um deren Ergebnisse beurteilen zu können, oder ob nur nachredet, was er woanders gelesen hat und gerne glauben möchte, will ich erst gar nicht fragen.

Und weiter:

„Abgesehen davon werden in Deutschland weit mehr homöopathische Mittel eingenommen, in denen mögliche Wirksubstanzen nachgewiesen werden können.“

Das stimmt, aber es bedeutet nichts. Wagner führt hier nämlich ein pharmakologisches Argument ein. Die entscheidende Frage wäre also, sind es Wirksubstanzen mit der gewünschten therapeutischen Wirksamkeit (und nicht nur irgendeiner physikalisch feststellbaren „Wirksamkeit“) und sind sie in der pharmakologisch nötigen Dosis enthalten? Sonst ist man wieder nur beim Thema Hochpotenzen mit den unerklärlichen geistartigen Mechanismen.

Wagner führt dann selbst die Alternativerklärung für beobachtete Wirksamkeiten an:

„Darüber hinaus liegt der Behandlungserfolg von homöopathischen Mitteln nicht nur in den verabreichten Medikamenten begründet. Viele Richtungen er Komplementärmedizin verfolgen das Ziel, dass Patient*innen sich mehr ‚gesehen‘ und ‚behandelt‘ fühlen als in der üblichen Fünf-Minuten-Medizin.“

Wenn man einmal darüber hinwegsieht, dass der erste Satz selbstwidersprüchlich ist, weil da steht, der Erfolg der Mittel hänge nicht von den Mitteln (Medikamenten) ab, muss man ihm hier zustimmen. Der Erfolg der Homöopathie begründet sich aus dem Setting, den Kontextfaktoren. Das Setting hat positive Aspekte, z.B. die Mobilisierung von starken Placeboeffekten oder von Selbstwirksamkeitseffekten, wie negative Aspekte, z.B. die nicht selten sektenartige Bindung von Patienten und Therapeuten, die ein kritisches Hinterfragen von Therapievorschlägen durch die Patienten erschwert. Es gibt inzwischen genug Beispiele, in denen Schwerkranke ihrem Guru gutgläubig bis in den Tod gefolgt sind. Die Konsequenz aus der richtigen Einsicht, dass die sprechende Medizin im Gesundheitswesen zu kurz kommt, müsste die Forderung nach mehr sprechender Medizin sein, nicht die Verteidigung esoterischer Ansätze.

Ra|be  〈m. 17; Zool.〉 1 〈i. w. S.〉 großer, kräftiger Rabenvogel 2 〈i. e. S.〉 Kolkrabe ... mehr

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